Ausstellungen

Bilderträume in der Neuen Nationalgalerie

Ulla_und_Heiner_PietzschGott sei Dank habe er nicht in Aktien investiert, sondern in Kunst, meint Heiner Pietzsch. Gut so, denn Betty Leiris beim Ballspiel, gemalt von Balthus, oder „Der Kopf des ,Hausengels‘“ von Max Ernst sind von bleibendem Wert. Mit seiner Frau Ulla trug der heute 79-Jährige in 40 Jahren eine der he­raus­ragen­den Privatsammlungen Klassischer Moderne zusammen. Dass sie sich international messen kann, davon zeugen ihre „Bilderträume“ in der Neuen Nationalgalerie.

Vor der Ausstellung empfing das Sammlerehepaar den tip in den heimischen vier Wänden, und es ist kein Witz, dass wir im Eingangsbereich den täuschend echt wirkenden Wachmann des US-Künstlers Duane Hanson begrüßten, als die Hausherrin erscheint. Man sei nicht die Erste, die dessen Hyperrealismus erliege, berichtet Ulla Pietzsch verständnisvoll. Aber natürlich passt diese reale Herausforderung bestens ins surreale Bilderparadies. Mit ihrem Mann lebt die Berlinerin ihre „verrückte Liebe“ zur Welt des Fantastischen und Poetischen. Umgeben von Gemälden surrealistischer Meister wie Max Ernst, Renй Magritte oder Joan Mirу und Skulpturen, die ihre Sammlung feinsinnig ergänzen. „Wir kaufen nur Werke, die uns beiden gefallen“, erläutert Pietzsch, der sein Geld mit dem Verkauf und der Verarbeitung von Kunststoffen verdiente und amüsiert feststellt: „Ich hatte immer nur mit Kunst zu tun.“ Sein erstes Bild erwarb er in den 60er Jahren bei Rudolf Springer, der am 2. Juni im Alter von 100. Jahren verstorben ist: ein Aquarell von Gerhard Altenbourg – auch so ein Schöpfer zarter, surrealer Traumwelten, die die Macht des Unbewussten spiegeln. Geweckt wurde das Interesse des 16-Jährigen durch den Besuch der legendären Kunstausstellung von Will Grohmann gleich nach dem Krieg in seiner zerstörten Heimatstadt Dresden.

Sie trug entscheidend bei zur Rehabilitierung der als „entartet“ gebrandmarkten Künstler. Auch die frei assoziierenden Meister des Surrealismus zählten dazu. Viele suchten das amerikanische Exil und inspirierten dort die Kunst. Der Maler und Grafiker Andrй Masson etwa, der von 1941 bis 1945 in den USA lebte. „Er hatte großen Einfluss auf den entstehenden Abstrakten Expressionis­mus“, erzählt der kenntnisreiche Kunstfreund, sei „der wichtigste unterbewertete Maler.“ Sein wohn­­zimmertaugliches „Massacre“ ist eines von vielen Lieblingsbildern, die nun in der Ausstellung zu sehen sind. Besonders spannend erscheint der anregende Bogen, den sie schlägt, die interessanten Verbindungen, die sich dabei auftun. Zum Beispiel die zu Jackson Pollock. Anfang der 40er Jahre verstärkte sich das automatische, aus dem Unbewussten schöpfende Element seiner Malerei, nicht zuletzt durch Emigranten wie Max Ernst.
Damals entstand Pollocks Gouache vom „Ikarus“, der der Sonne zu nahe kommt und abstürzt – zwei Jahre nach dem „Gemälde für junge Leute“ von Ernst. „Ein wichtiges Bild aus seiner Sedona-Zeit“, das früher Gemaltes reflektiere. Mit Peggy Guggenheim war der Künstler 1941 über Lissabon nach New York emigriert. Frisch geschieden, heiratete er 1946 die Malerin Dorothea Tanning und zog mit ihr in die Pampa nach Arizona.

Ulla_und_Heiner_PietzschSo rückt die Welt der Träume und Fantasien, des Irrationalen und Mysteriösen, wie sie die Surrealisten bereits in den 20er und 30er Jahren beschäftigte, in die Nachbarschaft des Abstrakten Expressionismus der 40er und 50er Jahre. Den Beginn der Vorherrschaft New Yorks in der Kunst dokumentieren neben Pollock frühe Arbeiten von Ad Reinhardt, Mark Rothko, Robert Motherwell und Barnett Newman.
Wieder war es eine Ausstellung, die Pietzsch inspirierte, seine Sammlung so aufregend wie intelligent zu erweitern – die New Yorker Whitney-Schau „The Interpretive Link“. Gattin Ulla sorgte indes dafür, dass nicht nur die malenden Surrealisten-Musen wie Leonor Fini und Dorothea Tanning gebührend zur Geltung kommen, sondern auch zeitgenössische Künstlerinnen. Sie schmücken das Heim, solange rund 150 moderne Klassiker (Gemälde, Zeichnungen, Skulpturen) für fünf Monate im Mies-van-der-Rohe-Tempel fremdgehen.
„Die Frauen sind etwas benach­teiligt“, glaubt Ulla Pietzsch, während ihr Mann auf Küche und Herd verweist. „Ich bin der Meinung, dass Künstlerinnen von Museen und Galerien in Deutschland noch viel zu wenig beachtet und kaum gewürdigt werden“, so die Mäzenin. In Washington gebe es ein Mu­seum, dessen Sammlungs­schwer­­punkt Kunst von Frauen sei. Mit dem könne ihr kleiner Berliner Verein Das verborgene Museum kaum konkurrieren.
Apropos: Wäre es nicht schön, ihre ebenso hochkarätige wie cha­raktervolle Surrealisten-Samm­lung später einmal innerhalb der Stiftung Preußischer Kulturbesitz verankert zu wissen? „Das ist eine schwierige Frage“, bekennt Pietzsch, der 1977 den Verein der Freunde der Nationalgalerie mitbegründete.
„Wenn wir das für die Sammlung der Nationalgalerie geben wür­den – wohin?“ Keinesfalls fürs Depot. „Es muss für die Kunst des 20. Jahrhunderts ein neues Museum her.“ Für die beste Lösung hält der Unternehmer und Mäzen die Umwidmung der Gemälde­galerie am Kulturforum. Sie könne zum Museum des 20. Jahrhunderts werden, während die Alten Meister an die Museumsinsel ziehen. „Ich will kein Museum (für uns) haben, sondern ein Museum für die Stiftung! Dort sollen dann die bedeutenden Bestände der Stiftung hinein, das können Teile der Sammlung Marx und Marzona sein und unter anderem eben auch Bilder von uns.“ Das Ganze sei „eine politische Aufgabe“ und „ein finanzielles Problem“. Mit dem entsprechenden po­litischen Willen ließe sich auch ein Weg finden: „Wenn 25 Millionen Euro für den Umbau des Schillertheaters zur Verfügung stehen, damit zwei Jahre lang dort die Oper spielen kann, dann müss­te auch das Geld da sein für ein Museum, das für die nächsten 100 Jahre steht.“ Wohl wahr, aber ob dies als Notwendigkeit gesehen wird?
Die wunderbare Sammlung der Neuen Nationalgalerie mit den Expressionisten und vielen weiteren unsichtbaren Künstlern führt ja ein Schattendasein in der Versenkung. Daran wird man jetzt beim Rundgang erinnert, unter anderem durch die Fragmente der Urversion von Max Ernsts verspielter „Capricorn“-Skulptur (von 1948) aus der Sammlung Pietzsch. Die Nationalgalerie besitzt eine abweichende Spätfassung von 1964.
Welch ideale Ergänzung wäre ihre Kollektion für den lückenhaften Grundstock des Hauses! Dabei reicht die inspirierende Nachbarschaft von Traummalern und Me- taphysikern auf den Spuren der unlösbaren Rätsel des Seins bis in die Jetztzeit. Ein fast viereinhalb Meter breites Gemälde von Neo Rauch wurde speziell für die Sammlung geschaffen. Zwei Jahre habe der Leipziger Malerstar daran gearbeitet, inhaltliche Vorgaben für das imposante Rätselbild „Fluchtversuch“ gab es keine.
Doch „der sehr späte Surrealist“ fühlt wohl durchaus eine Seelenverwandtschaft zu den Meistern der Vergangenheit. „Was meinen Sie, wo wir alle herkommen?“, entgegnete er Pietzsch. Ein Blick auf seine realistisch gemalte, kippende Kutsche genügt, um zu erkennen, dass das Surreale die Wirklichkeit noch immer im Griff hat. Sei es als Atmosphäre der Bedrohung wie hier im Bild, sei es als Segen, wie die lebenslange Leidenschaft dieser beiden Kunstbegeisterten.

Text:Andrea Hilgenstock
Fotos: Jens Berger

Bilderträume Die Sammlung Ulla und Heiner Pietzsch

in der Neuen Nationalgalerie (Adresse + Öffnungszeiten)
19.6.-22.11.2009

Mehr Kunst:

FARBMETAMORPHOSEN VON ERNST WILHELM NAY IM HAUS AM WALDSEE (bis 9.8.)

KLAUS STAECK ÜBER DIE BERLINISCHE GALERIE (bis 31.8.)

KUNST UND MUSEEN IN BERLIN VON A – Z

Mehr über Cookies erfahren