Ausstellungen

Bildhauerin Heather Allen

Heather_Allen_c_Harry_SchnitgerSie liegen, sie stehen, sie hocken auf dem Regal der Künstlerin Heather Allen herum, die etwa fünfzehn Zentimeter messenden nackten Menschenskulpturen. Anfangs waren es erkennbar Selbstporträts, Stellvertreterinnen, Vertraute, inzwischen sind ihre Däumlinge anonymer geworden. Zu den hellen weiblichen gesellen sich dunkle, männliche Körper, die Künstlerin nimmt Abstand zu ihren Erschaffungen. So eine winzige Gestalt wirkt nun wirklich nicht bedrohlich, wenn man sie auf dem Regal oder Tisch im Atelier der Bildhauerin betrachtet. Doch sobald sie in Massen auftreten, können sie beängstigend sein. Heather Allens Figuren übernehmen in jeder neuen Installation eine andere Rolle. „Sie erzählen etwas, auch wenn nicht klar ist, was“, sagt die 1952 in Romford (England) geborene Künstlerin. Die Handlung bleibt für die Betrachter dieser anderen Welt offen, sie sollen sich eine zugehörige Geschichte selbst zusammenreimen. Liegt eine Interpretation sofort auf der Hand, verwirft Allen die Installation.

Ihre neuen Arbeiten, Kartongebilde im Raum verteilt, bergen in sich ein reges Eigenleben, das wir durch Gucklöcher betrachten können. Ein Karton, vier Löcher, vier Welten. Einmal bietet sich ein Blick wie durch den Türspion. Eine Gruppe von Männern steht vor der Tür. Die Fremden haben etwas vor, besprechen ein Komplott, was auch immer. Die Figuren, die wir beim Blick durch die Öffnungen der Kartons sehen, wirken je nach Situation und Lichteinfall hilflos oder gefährlich. Auf jeden Fall erwecken sie Neugierde, denn wir vermuten automatisch hinter jeder Handlung, die wir beobachten, einen Sinn. „Alius mundus“, eine andere Welt, steht stellvertretend für die vielen unerkannten Welten, die uns ständig umgeben. Seit 2006 lebt Allen, die in London am Chelsea College of Art & Design studiert hat, nach einem Stipendiumaufenthalt in Berlin. An ihrem Kosmos der Däumlinge arbeitet sie seit Ende der 1990er-Jahre. Ihre früheren Invasionen von stereotypen Selbstporträts in blauer Jogginghose und schwarzem T-Shirt hatten etwas

Humorvolles und lösten gleichzeitig leichtes Unbehagen aus. Die fast identischen Geschöpfe wie aus dem Labor gemacht bevölkerten unerschrocken die Umwelt – und statteten auch dem Freud-Museum in London einen Besuch ab. Als machten sie sich über den berühmten Analytiker lustig, tummelten sie sich frech auf dessen legendärer Couch. Allens Ansammlungen von Däumlingen sind selbst ein psychologisches Spiel, wenn sie komplexe Zusammenhänge projizieren und gleichzeitig auseinanderreißen. Es ist die Absurdität des Lebens, die uns die Winzlinge der Künstlerin vor Augen halten. In ihrer Arbeit „White Tower“ hat Allen kleine Bronzefiguren auf einen hohen Turm gesetzt. Diese Zwerge auf der hochstrebenden Konstruktion lassen Assoziationen zur ständigen vergeblichen Suche nach Erkenntnis aufkommen. Das Drama des Lebens mit einer Prise englischem Humor. Kein Wunder, dass ihr die Idee des Künstlervereins Mengerzeile gefiel, eine der Aussichtsplattformen nachzubauen, die zu Mauerzeiten auf der Westseite standen, um denen, die dort hinaufkletterten, Einblick in diese fremde Welt jenseits der Grenze zu ermöglichen. Mithilfe des schwedischen Künstlers Thomas Henriksson lässt sie nun eine dieser Kuriositäten wenige Meter vom Treptower Atelierhaus Mengerzeile, das sich direkt an der ehemaligen Grenze zu Neukölln befindet, als „Checkpoint Mengerzeile“ wiederauferstehen.

Text: Constanze Suhr

Foto: Harry Schnittger

Alius mundus. Heather Allen Kunsthalle M3, Atelierhaus Mengerzeile, Mengerzeile 1-3, Treptow, 16.6.–1.7., Sa+So 14–20 Uhr und nach Vereinbarung (Tel. 0163-156 17 93); Offene Ateliers Atelierhaus Mengerzeile zeitgleich mit der Ausstellungseröffnung „Alius mundus“, 16.6., 14–20 Uhr, anschließend Party im Amiga-Club-Keller

Checkpoint Mengerzeile / 48 Stunden Neukölln
Objekt von Thomas Henriksson und Heather Allen im Rahmen von 48 Stunden Neukölln, 15.–17.6., Harzer Straße/Ecke Mengerzeile, Neukölln

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