Ausstellungen

„Body Pressure“ im Hamburger Bahnhof

BodyPressure_Installationsansicht2013Wer die Ausstellung klassizistischer Skulpturen in der Neuen Nationalgalerie gesehen hat, dem stellte sich vielleicht die Frage, was aus der figürlichen Plastik heute geworden ist. Die Kuratorinnen Henriette Huldisch und Lisa Marei Schmidt beantworten sie im Hamburger Bahnhof. Ironie, Bewegung und Kritik haben den Skulpturenbegriff radikal verändert. Statt Anbetung in Denkmälern gibt es nun vielfältige Einsichten – in die Scheiße des Denkens etwa, verkörpert durch Marc Quinns Kopf aus Kot, oder die Vergänglichkeit des Daseins. Dies ist freilich seit jeher Thema. Eindringlich veranschaulicht beispielsweise von Berlinde De Bruyckere, die gerade auch den Belgischen Pavillon in Venedig bespielt. 22 Arbeiten wurden aus den Sammlungsbeständen von den 60er-Jahren bis heute ausgewählt. Nur Wilhelm Lehmbrucks 1915/16 während des Ersten Weltkrieges geschaffene Bronze „Der Gestürzte“ tanzt aus der Reihe.

Sie dient sozusagen als Brücke, um den langen Weg vom klassischen Kanon in die Neuzeit zu bauen. Von ihr ergeben sich schöne Blickachsen zu Urs Fischers brennender Kerzenfrau und weiteren Werken. Die Wachsplastik schmilzt komplett dahin. Kleine Dochte krönen Pobacken, Füße und Kopf der liegenden Aktfigur. Facettenreiche Materialien sind an der Tagesordnung: ob Video-Turm, in dem Friederike Pezold ihren Body zerlegt, oder Duane Hansons Tütentante aus Polyesterharz und Fiberglas. In loser Präsentation besetzen die Skulpturen die Haupthalle – sehr vereinzelt, nicht chronologisch oder thematisch, sondern offen und assoziativ. Der Betrachter der übersichtlichen Anordnung wird einbezogen und angesungen durch eine Aufseherin, die im Auftrag Tino Sehgals ihren erweiterten Dienst tut. Der Mensch als eine Skulptur, die lebt, ist immer noch das absonderlichste Kunstwerk.

Text: Andrea Hilgenstock

Foto: Thomas Bruns / Staatliche Museen zu Berlin, Nationalgalerie / Hans-Peter Feldmann, Duane Hanson, Wilhelm Lehmbruck, Paul McCarthy, Nam June Paik, Marc Quinn / 2013 VG Bild-Kunst (Feldmann, Hanson)

tip-Bewertung: Sehenswert

Body Pressure Hamburger Bahnhof, Invalidenstraße 50, Tiergarten, Di, Mi, Fr 10–18 Uhr, Do 10–20 Uhr, Sa+So 11–18 Uhr, bis 12.1.14

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