Ausstellungen

Böse Dinge im Museum der Dinge

Zorn hat bekanntlich noch nie viel geholfen auf dem Weg der Verbesserung des Menschen. Dennoch ist Zorn manchmal das einzige Mittel, etwas loszuwerden. In diesem Sinn hat der Schweizer Künstler Antoine Zgraggen einige Maschinen gebaut, die der Zerstörung von Dingen dienen. Hier kann man, unter Aufsicht, etwas von einem dicken Reifen überfahren lassen, mit dem Vorschlaghammer zertrümmern oder wahlweise von einem Herren- oder Damenschuh zertrampeln lassen. Zgraggens Maschinen bilden im Museum der Dinge (auch Werkbundarchiv genannt) den Prolog zu einer Ausstellung, die an den Kunsthistoriker Gustav E. Pazaurek erinnert, den man sich nicht anders denn als zornigen Menschen vorstellen kann. Denn vor 100 Jahren baute er für das Gewerbemuseum in Stuttgart eine Abteilung der Geschmacksverirrungen auf, mit bald 900 Exponaten.

Damals war der Glaube, dass die ästhetische Erziehung des Menschen ihn auch moralisch festige, ausgeprägt und jedem Ding, das der Mensch im Alltag in die Hand nahm, schrieb man einen Einfluss auf seine Empfindungen zu. Pazaurek fand reichlich Grund, sich zu entsetzen: über einen Rehlauf, der als Kerzenhalter diente, eine gusseiserne Kaffeetasse (Vergewaltigung des Materials), Hurra-Kitsch wie einen Militärtornister als Sparbüchse oder Totenschädel als Streichholzschachtelhalter. Heute mutet das alles vor allem kurios an und erheitert nicht zuletzt durch den pädagogischen Furor des Herrn und das Wissen um die Vergeb­lich­keit seiner Bemühung. Das Museum der Dinge stellt dem eine reiche Palette von Geschmacksverirrungen von heute entgegen – aber weil kaum noch jemand Moral und ästhetisches Empfinden zum verbindlichen Paket schnüren will, bleibt das eher eine Fußnote. Zumal inzwischen die Ironie des Designs und der Trash dem Anspruch, per Gestaltung die Welt verbessern zu können, eh den Gar­aus gemacht haben.

Text: Katrin Bettina Müller

(tip-Bewertung: Zwiespältig)

Böse Dinge im Werkbundarchiv – Museum der Dinge , Oranienstraße 25, Kreuzberg,
Fr-Mo 12-19 Uhr (bis 30.11.)

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