Ausstellungen

„Brassaп Brassaп“ im Museum Berggruen

MatisseFür ihn waren die zerfressenen und verwitterten Hauswände von Paris die größte Galerie primitiver Kunst. Bei seinen nächtlichen Streifzügen reizten den aus Ungarn stammenden Brassaп vor allem die Gesichter auf dem Mauerwerk, von Kinderhand vorgenommene Ergänzungen, etwa wenn zwei Löcher als Augenpaar identifiziert wurden. Zunächst als Karikaturist aktiv, besaß er ein Sensorium für die Verknappung. Henry Miller tauft ihn „das Auge von Paris“. Wiewohl bekannt als Meister des Chaos, klassifizierte er seine Fundstücke mit sagenhafter Penibilität. Mit großem Enthusiasmus sammelte er Graffiti, die von der Liebe erzählen: meistens einfach gezeichnete Herzen, versehen mit dem Namen der Geliebten. Mit seinen Mauerfotos wollte Brassaп das Vergängliche einfangen. Wunderbar korrespondieren sie nun in der Sammlung Scharf-Gerstenberg mit den archaischen ruralen Bildern Dubuffets, der gegen Ende des Zweiten Weltkriegs das Thema der Ur-Schöpfung wieder aufnahm.

Gegenüber Picasso verteidigte Brassaп seine fotografische Topografie damit, dass sie „eines der Ausdrucksmittel unserer Zeit ist“. Seine Schauplätze geraten in der Sammlung Berggruen artistischer. Berühmt wurde er 1932 durch sein Fotobuch „Paris bei Nacht“. Doch nun stehen die Atelierbilder seiner illustren Freundesrunde im Zentrum. Wir sehen Matisse beim Begutachten seiner kurvigen Modelle und vor seiner beängstigend großen Kollektion lebendiger Piepmätze im Käfig (er ließ die Tierchen Tapesserien weben!). Überhaupt gibt es viele Tiere zu bestaunen: Da lümmelt sich Picassos Afghane Kazbeck vor diversen Frauenporträts. Ein zartes Täubchen bildet einen Kontrast zu knarzigen Treppenstufen.

Meisterhaft versteht es Brassaп, mit aufwendigen Licht-Schatten-Inszenierungen die Aura des Ateliers einzufangen. Kunstvolle Ungetüme von Öfen leisten Picasso und Co Gesellschaft. Braques Fingerspiel mit einer gefleckten Kuh zitiert die Erschaffung Adams in der Sixtinischen Kapelle. Seine legendäre Pfeifenkollektion wird unaufdringlich ergänzt durch das Gemälde „Stilleben mit Pfeife“. Diese Durchdringung von Pariser Lokalkolorit und originalen Berggruen-Hausschätzen macht die Doppelschau zum Seherlebnis. Besonders glückt dies bei Giacometti, dessen Befragungen des Raumes durch die Aufnahme seines „Platz II“ plastisch veranschaulicht werden. Daneben steht aufgesockelt die originale Gruppe seiner Schreitenden.

Text: Martina Jammers

Foto: RMN – Michele Bellot

tip-Bewertung: Herausragend

BrassaП BrassaП Museum Berggruen und Sammlung Scharf-Gerstenberg, bis 28.8.2011

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