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Britta Thies Webserie „Translantics“

Britta Thies Webserie

Do you want cookies?“, fragt Britta Thie, als wir in ihrem Atelier sitzen. Vierter Stock in einem Neuköllner Hinterhaus unweit des Landwehrkanals. „Wooooh, crazy sound“, jubelt Thie (3. v. l.) vergnügt, als ein ebensolcher durch den Raum schallt. Gerade macht sie mit ihrem Team noch die Postproduktion für die nächste Folge ihrer poetischen Webserie „Translantics“. Wer hier die Musen sind und wer die Meisterin, lässt sich nicht sagen. Trotz Thies Supercharisma. Wie in einer Factory schaut es hier aus. Vieles wuselt durcheinander. Britta Thie mit ihren Kupferhaaren flutete das Netz schon vor zwei Jahren mit viralen Videos. Die Frankfurter Kunsthalle Schirn hat das bemerkt und gab den Anstoß zur Serie. Der Stream läuft in Minden, wo Thie herkommt, so gut wie in New York, wo sie bald dreht.
Jeder Charakter der Serie basiert auf den Persönlichkeiten Britta Thies und ihrer Freunde. Digitale Boheme, spaßig auf die Spitze getrieben. Gerne sei sie albern und silly: „Wir persiflieren das Sich-selbst-zu-ernst-nehmen„, sagt Thie. „Heute ist man ja so sehr aware: Man kuratiert sein eigenes Erscheinungsbild. Durch Facebook sind wir alle zu Waren geworden, die sich verzerrt präsentieren.“
Die nächste Episode spielt in drei Schlafzimmern. Intime Orte, aber verbunden über Smartphones. Brittas „Frenemy“ (Friend-Enemy) Nora Bloom postet ein Review auf einer Kunstseite. Frenemy heißt: Beide machen auf Freunde, obwohl jedem klar ist: nee. Die Serienfigur Nora Bloom hat übrigens ein ganz reales Facebook-Profil. Jeder darf sie frienden und unfrienden, wie er lustig ist.
Britta, in der Serie verträumt übergeschnappt, trägt leuchtende Pastellfarben und ein strahlendes Make-up. Die Bilder haben nichts von Hollywood-Serien, sondern kommen durchaus avantgardistisch daher. Thie zerrt die Zuschauer bei allem Plastik-Plot oft raus aus der Komfortzone. Retardierende Momente ohne Spannungsbögen. „Anti-Entertainment“ nennt sie das.
Es geht um Leute, circa Jahrgang 1990, die gerade noch keine Digital Natives sind. Die flashbacken sich in ihre gänzlich analoge Kindheit. Polaroid statt Instagram. Vinyl statt MP3. „Wir sind die jüngsten Dinosaurier der analogen Zeit, haben die letzten analogen Fotos abgekriegt. Dadurch paart sich unsere Nostalgie fürs Kindsein mit der technisch-medialen Nostalgie.“ Eine typische Szene: Niemand hat Bock zur Vernissage zu gehen, dennoch trifft man sich in der Galerie, in der nur Badematten hängen. Oder: Die fiktive Firma „Translantics“ schippert die Figuren von Berlin an den Main. Für so was wie „Deutschland sucht den Superkünstler“.
Der Titel „Translantics“ spielt mit „transition“, „translation“, „transatlantic“. Dauervernetzte Expat-Kids in Berlin. Orientierungsloser Schwebezustand. Neukölln, wo Thie seit 2008 arbeitet, ist für sie der Ort der Transition schlechthin: „Weil wir ja alle Freelancer sind. Man weiß nicht, wie’s weitergeht, wenn der nächste Job gemacht ist.“ Selbst die Produktion der Serie fühlt sich nach Indie an, obwohl ein großes Haus hinter dem Hype steckt. Das Geld investieren Thie und Kumpanen aber lieber in Kameras und Linsen statt ins eigene Honorar. Neben der Couch steht Cola Zero.
Wie schaltet der virale Videostar Britta Thie mal ab? Schlafhygiene ist ihr wichtig. Das Handy kommt nicht mit ins Bett. „Man ist effizienter in den digitalen Medien, wenn man sich zwischendurch davon ausruht.“ Digitale Diät. Nach dem Projekt wird sie für eine Weile nach Finnland gehen. In eine Gegend, wo es kein Netz gibt. Nur solche zum Fischen.    ?

Text: Stefan Hochgesand

Foto: PWR Studio, 2015

Hier geht es zu der Webserie Translantics

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