Ausstellungen

Bröhan-Museum: Direktor Tobias Hoffmann im Gespräch

T_Hoffmann_c_HSIm Frühjahr stellte Wolfgang Müller, Gründungsmitglied der Tödlichen Doris, sein Buch über das Berlin der wilden 80er-Jahre im eleganten Bröhan-Museum vor. Wie kamen Sie auf den Punk-Jugendstil-Kontrast?
Ich möchte die Ausstellungstätigkeit gern erweitern und über den klassischen Jugendstil hinaus Themen des gesamten 20. Jahrhunderts einbeziehen. So schwebt mir eine Schau zum neuen deutschen Design der 80er-Jahre vor. Da war Berlin ein ganz wichtiges Zentrum der Musik, des Films und der Kunst. Damals spielte auch Die Tödliche Doris eine große Rolle, diese erstaunliche Mischung aus Künstlergruppe und Band. Es kam zu einer engen Vernetzung der Künste – im Grunde ähnlich wie zu Zeiten des Jugendstils.

Sie werden die hauseigene Sammlung also stärker durch ungewöhnliche Aktionen und Ausstellungen aufmischen und gleichzeitig die Tradition wahren?
Genau! Auf alle Fälle will ich das Bröhan-Museum weiterentwickeln zu einem der führenden Jugendstilmuseen, wir haben eine der weltweit besten Sammlungen zu Jugendstil und Art dйco, rund 15?000 Objekte. Aber von den Ausstellungsaktivitäten her muss das Museum etwas jünger werden und soll auch ein jüngeres Publikum ansprechen. Ungefähr 60?000 Menschen besuchen uns jedes Jahr. Davon sind mehr als die Hälfte Berliner.

Zuvor leiteten Sie in Ingolstadt das Museum für Konkrete Kunst. Was für Ideen haben Sie mitgebracht?
Ich komme sozusagen aus der Zukunft der Kunst und Gestaltung und tauche jetzt in die Grundlagen der Kunst des 20. Jahrhunderts hinab – was mich von anderen Kunsthistorikern unterscheidet, die aus der Vergangenheit kommen. Der umgekehrte Weg ist ebenso spannend. Mich treibt die Frage um, wie man den Dialog zwischen Kunst und Design, Jugendstil-Vergangenheit und Moderne ästhetisch lösen kann.

Sie sind Design-Fachmann und Kenner der abstrakten Kunst. Was löst der Anblick einer Jugendstilvase in Ihnen aus?
Begeisterung! Ich freue mich ausgesprochen, weil ich nun, nach zehn Jahren mit der ab­strakten Kunst, ein neues Themenfeld zu bestellen habe. Ich forsche wahnsinnig gerne und überlege derzeit, was ich für Projekte konkretisieren kann, die für unsere Welt interessant sind. Das ist auch eine wichtige Aufgabe des Museums: Es soll nicht nur bewahren, sondern vor allem vermitteln! Je länger eine Zeit zurückliegt, desto weniger versteht man das Dargestellte. Nehmen wir eine rauchende Lokomotive, wie sie Hans Baluschek malte. Das ist für uns etwas Nostalgisches, aber für den Maler war es damals ein technisches Wunder.

Ihre erste Ausstellung „Grunewald und Großstadtluft“ vereint Mitglieder der Berliner Secession und zeigt auch wenig bekannte Meisterwerke. Ein Wunschprojekt?
Die Ausstellung ermöglichte es mir, mich intensiv mit der Sammlung auseinanderzusetzen. Ich konnte in ein Füllhorn von über 200 Arbeiten greifen, von denen eine Reihe noch nie gezeigt wurde. Gleichzeitig war es die Gelegenheit, ein ganzes Stockwerk neu zu gestalten. Die Besucher finden nicht nur eine farbliche Neugestaltung vor, sondern auch den Versuch, Kunst und Design auf Augenhöhe zu präsentieren. So wie der Jugendstil ja versucht hat, alle Elemente – Kunst, Handwerk und Gestaltung – als Einheit zu begreifen.

Sie haben in die Gemäldeausstellung Möbel von Henry van de Velde integriert.
Ja. Er feiert in diesem Jahr seinen 150. Geburtstag! Das Ensemble aus Tisch und Stühlen von 1895, das einmal in seinem Wohnhaus in Brüssel stand, kombinieren wir mit Naturbildern Karl Hagemeisters. So lässt sich die Auseinandersetzung mit den Formen der Natur, die bei beiden Künstlern eine Rolle spielt, auf unterschiedliche Weise studieren.

Was haben Sie noch für Pläne?
Wir übernehmen die Schau „Mucha, Manga, Mystery“ des Museums Bellerive in Zürich. Ausgehend von üppigen floralen Mucha-Plakaten über psychedelische Musikplakate der 70er-Jahre aus Amerika schlägt sie eine Brücke bis hin zu aktuellen Manga-Comics. Es ist der Versuch, eine Entwicklungslinie aufzuzeigen, wie eine Ästhetik, die einst den Jugendstil prägte, wieder aufgegriffen wird und sich bis heute fortsetzt – auch in ganz neuen Themenbereichen.

Wie hoch ist denn Ihr Budget für solch ambitionierte Ausstellungen?
Wenn wir große Projekte vorhaben wie „2014 – Das Ende der Belle Йpoque“, sind wir auf Drittmittel angewiesen. 2014 jährt sich zum 100. Mal der Beginn des Ersten Weltkrieges. Er markiert das Ende des Jugendstils. Vom Hauptstadtkulturfonds erhalten wir einen Zuschuss von 190?000 Euro, um diese aufwendige Schau zu realisieren. Wir bespielen dafür erstmals das gesamte Erdgeschoss sowie den ersten Stock. Es wird nicht nur umgeräumt, sondern auch das Foyer umgebaut und natürlich wollen wir bedeutende Leihgaben zeigen. Wir haben uns sehr viel vorgenommen!

Broehan_Leistikow_Hafen_c_MartinAdamBerlinAktuell zeigen Sie 50 Meisterwerke von Baluschek, Hagemeister, Willy Jaeckel und anderen aus dem Museumsbestand. Gehört eine Leihgabe von Max Liebermann, dem Ober-Secessionisten, nicht auch dazu?
Ja, das wäre ein Traum! Wenn einer Ihrer Leser bereit wäre, eine Leihgabe zu stellen, jederzeit. Aber zum Konzept von Karl H. Bröhan gehörte es auch, erstklassige Werke von Künstlern aus der zweiten Reihe zu sammeln. Es kommt ja letztlich auf die Qualität an und nicht auf den Namen.

Baluschek galt wegen seiner sozialkritischen Sujets als „Rinnsteinkünstler“. Konnte er zu seiner Zeit überhaupt Bilder verkaufen?
Was diesen Secessionisten auszeichnet, ist sein großer Mut und Erneuerungswille. Baluschek hat Themen aufgegriffen, die bislang in der Kunst keine Rolle spielten. Damit konnte er kein Geld verdienen und blieb trotzdem dabei. Vor und nach dem Ersten Weltkrieg herrschte großes Elend und so ist es in gewisser Weise nachzuvollziehen, dass die Sammler von damals nicht auch noch das soziale Elend an der Wand sehen wollten.

Zum Jahresende geht es bei Ihnen um KPM-Porzellan. Ist der Spagat zwischen Tradition und Moderne beim Kunsthandwerk leichter?
Schwieriger! Für die KPM-Schau arbeiten wir deshalb mit der Universität der Künste und der Kunsthochschule Weißensee zusammen. Das sind Studenten aller Herren Länder, die überlegen, wie flexibel heutiges Geschirr sein muss, um die Speisen aus unterschiedlichen Kulturkreisen angemessen auf den Tisch zu bringen. Als studentisches Projekt soll eine Ausstellung in der Ausstellung entstehen zur heutigen internationalen Esskultur in Berlin. 

Interview: Andrea Hilgenstock.

Fotos: Harry Schnittger (Porträt), Martin Adam, Berlin

Grunewald und Großstadtluft. Meisterwerke der Berliner Secession Bröhan-Museum, Schloßstraße 1a, Charlottenburg, Di–So 10–18 Uhr, bis 17.11.

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