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C|O Berlin – Grand Opening im Amerika Haus

C|O Berlin - Grand Opening im Amerika Haus

Stephan Erfurt, Marc Naroska und Ingo Pott, die drei privaten Initiatoren von C|O Berlin, dürfen aufatmen. Nach zwei Jahren ohne eigene Räume und zwölf Jahren im Postfuhramt in Mitte geht’s nun endlich los im alten Westen. Am Bahnhof Zoo, hinter der S-Bahn-Brücke, herrscht der disparate Charme der Straße, keine Immobilien-, Kunst- oder Touriblase. Genau der richtige Ort für ein Mekka der lebensnahen Fotografie, das die Realität in immer neuen, denkwürdigen Momenten beleuchtet.
Draußen vor der Tür des 1957 von Bruno Grimmek erbauten Amerika Hauses prallen Gegensätze aufeinander: Waldorf-Astoria-Schick und Obdachlosigkeit, Armut und hippes Design. Das Kulturangebot scheint noch ausbaufähig. „Hier entwickelt sich viel. Die Umgebung ist ideal. Wir wollen zusammen mit dem Museum für Fotografie und der Helmut Newton Stiftung eines der großen Cluster für Fotografie in Deutschland sein“, meint Kurator Felix Hoffmann, der dem Ausstellungshaus schon lange verbunden ist.
Drinnen, im denkmalgerecht sanierten Nachkriegsgehäuse, geht es vielfältig zu. Die lichte Ausstellungsfläche ist mit 2?300 Quadratmetern sogar 20 Prozent größer als früher und nun voll klimatisiert. Beste Bedingungen für empfindliche Lichtbilder und daneben Platz für Cafй und Book Shop. Zweieinhalb Millionen Euro hat C|O Berlin investiert. Für die gemeinnützige Stiftung, die sich durch Lottomittel, Crowdfunding und Sponsoren finanziert, gibt es keine institutionelle Förderung – dafür eine saftige (ortsübliche) Miete an das Land Berlin. „Ohne Unterstützer geht es nicht. Die Fixkosten sind einfach zu hoch. Mal sehen, ob wir’s schaffen“, so Hoffmann. Ausstellungen kosten natürlich auch. Präsentiert wird ein beziehungsreicher Mix aus Klassikern, Talenten und autorenloser Fotografie. Will McBride war 1957 der erste Fotograf, der im Amerika Haus ausstellte. Im Dienst der US-Armee kam er als junger G.I. nach Deutschland, wohnte eine Weile in Berlin und rückte das Lebensgefühl bis zum Mauerbau ins Blickfeld. Nun ist er wieder da: ein Highlight nicht nur für Fotofans.
Hinzu kommen 100 Kontaktbögen bekannter Magnum-Fotografen, die Einblick in die Entstehung des entscheidenden Moments geben. Was wurde für gut befunden und wie wird ein Bild zur Ikone? Fragen wie diesen kann man bei Betrachtung von Robert Capas Kriegsreportagen, Palästinaaufnahmen von Henri Cartier-Bresson oder Inge Moraths originellen New Yorker Straßenszenen nachhängen. Oft markieren Kommentare der Urheber den vermeintlich besten Ausschnitt.
„Wir wollen die Geschichte von C|O Berlin und auch die des Hauses mitschwingen lassen“, kommentiert Hoffmann die Kombination. Anlass für die C|O-Gründung im Jahr 2000 war eine Magnum-Retrospektive gewesen, die damals keinen Standort fand. Bis Stephan Erfurt kam und kurzerhand Flächen im Postfuhramt mietete, um sie doch noch zu ermöglichen. Zur Erinnerung an die Historie schmücken nun die großen Magnum-Momente, ergänzt durch McBrides sichtbar gewordene Liebe zu Berlin, die Wände.
Als der Amerikaner 1953 nach Deutschland kam, faszinierten ihn die Grautöne der bleiernen Nachkriegszeit. Bunte Bilder und technische Spielereien waren ferne Planeten, Ruinen Realität. Dennoch staunt der Betrachter der teilweise noch nie gezeigten Schwarz-Weiß-Fotos aus den Jahren 1956 bis 1963 über die sehr lebendige, ja beschwingte Atmosphäre, die er mit seiner Leica einfing. Trümmer und Tristesse, aber auch Dynamik und jugendliches Freiheitsgefühl prägen die Frontstadt des Kalten Krieges.
Weit weg mag dem heutigen iPod-Nutzer das „Probehören neuer Schallplatten in einem Radiogeschäft am Kurfürstendamm“ erscheinen oder die „Straßenbahn in der Tauentzienstraße“, in deren Frontscheibe sich die Gedächtniskirche spiegelt. Immer noch sehr präsent wirkt die Konfrontation von Panzern mitten in der Stadt angesichts der internationalen Konflikte in der Welt. Die Unmittelbarkeit seiner radikal subjektiven „Dokumentation“ machte McBride zum Wegbereiter für Foto-Künstler wie Nan Goldin oder Wolfgang Tillmans.
„Ein Fotograf sollte in seinen Bildern nur eine Sache ausdrücken: sein ganzes Selbst“, meint der 83-Jährige, der sich nie als Bildjournalist, sondern als Künstler verstand.

C|O Berlin - Grand Opening im Amerika Haus

Um das Selbst dreht sich heute mehr denn je. Da trifft das Angebot „Picture Yourself“ den Nerv. Besucher können sich in eigens für diesen Zweck konstruierte Fotoautomaten begeben und ihr Konterfei im Stil von sechs Magnum-Fotografen dokumentieren. Beim Selfie im Magnum Photomaton kommt Laune auf: Posen а la Marilyn – wow! Wer testen will, wie Elliott Erwitt oder Philippe Halsman ihn bzw. sie inszenieren, sollte iPhone und Kreditkarte bereithalten. 5 Euro kostet der Spaß für einen Schuss (zugunsten der unabhängigen Fotoagentur). Sein „originales“ Porträt kann man als Print nach Hause tragen oder im Internet verbreiten. Das dürfte besonders die Jüngeren reizen. Talente zu fördern und Veranstaltungen mit Werkstattcharakter anzubieten, gehört von Beginn an zum offenen Konzept des nicht kommerziellen Ausstellungshauses C|O. „Wir gehen auch in Kinderheime und machen außerschulische Bildungsarbeit“, berichtet Hoffmann. Außerdem stellt er in der „Talents“-Reihe für internationale Gegenwartsfotografie die 32-jährige Berlin-Biennale-Teilnehmerin Luise Schröder vor. Sie zeigt ihre fotografische „Arbeit am Mythos“ der Stadt Dresden samt Videoinstallation. Künftig soll sich das Programm neben dem Bisherigen „auch verjüngen und öffnen in Richtung bewegtes Bild“. Wie heißt es doch so schön: Nur wer sich wandelt, bleibt lebendig.

Text: Andrea Hilgenstock

Fotos: Susan Meiselas / Magnum Photos + Jonas Bendiksen / Magnum Photos

c|o Berlin im Amerika Haus Hardenbergstraße 22, Charlottenburg, tägl. 11–20 Uhr, Eröffnung am 30.10. ab 16 Uhr

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