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Carl Andre im Hamburger Bahnhof

Carl Andre im Hamburger Bahnhof

Seine Vorstellung von Skulptur sei die von einer Straße, sagt Carl Andre. Eine Straße lasse sich nicht von einem einzigen Punkt aus entdecken: Sie erscheint einfach und verschwindet wieder. Entweder man befindet sich auf ihr oder neben ihr. Man habe keinen bestimmten, privilegierten Blickpunkt für sie. Die meisten seiner Arbeiten seien daher so etwas wie "causeways". Sie forderten dazu auf, daran entlang oder darum herum oder darüber zu gehen.
In den Rieckhallen und in der historischen Bahnhofshalle des Hamburger Bahnhofs kann man das jetzt ausprobieren. Dort ist Platz genug für die Skulpturen-Straßen des 1945 geborenen Vaters des Minimalismus. Seine Bildhauerei, die lineare Bahnen oder geometrische Felder aus nicht selbst bearbeiteten Platten, Blöcken oder Barren zu raumgreifenden Bodenskulpturen anordnet, beinhaltet keine Erzählung mehr.
 "Ich wünsche nicht, Kunst zu machen, die dich zerdrückt oder dir ins Auge schießt. Ich habe Arbeiten gerne, mit denen man in einem Raum ist, und die man jederzeit ignorieren kann", so Andre. Letzteres ist dem Besucher, der sich im Museum einen Überblick über seine "Sculptures as Place, 1958-2010" verschaffen kann, natürlich unbenommen. Doch er kann durch Schlendern über die Bodenplatten auch Fühlung aufnehmen.  
 Begonnen hat der heute 80-Jährige, der seinen bildhauerischen Beitrag als Übergang von der "Form" zum "Ort" beschreibt, im New Yorker Atelier von Frank Stella. 1957 zog er in die Stadt, schuf erste Holzskulpturen. Weil die Kunst den Mann nicht ernährte, arbeitete der Amerikaner Anfang der 1960er bei der Pennsylvania Railroad als Bremser auf Güterzügen und als Eisenbahn-Schaffner.
Die Tätigkeit beschrieb er als richtungsweisend: "Es ist eine riesige Ebene, in der die langen Reihen der Güterwaggons auf dem Güterbahnhof und den flachen weiten Sumpfwiesen aufgereiht sind. Das hat meine Arbeit stark beeinflusst." Während Andre Holz und Ziegelsteine stapelte und zusammenstellte, begann er um 1965 seine Formen horizontal auszubreiten. Der Entschluss, Arbeiten zu schaffen, die sich am Boden halten, trug zu seinem Durchbruch bei. Er brachte die aufgerichtete Skulptur sozusagen zu Fall.
 Dreimal wurde er mit seinen von der Spannung zwischen Raum, Zeit und Form zeugenden Werken zur Kasseler Documenta eingeladen. 1969 nahm er an Harald Szeemanns legendärer Schau "When Attitudes Become Form" in der Kunsthalle Bern teil. Wie eine Haltung zur Form wird und dieser Künstler das Genre Skulptur weiterdenkt, lässt sich nun auch in der Retrospektive studieren, die an die 300 Arbeiten vorstellt.
Anspielungen auf seine Zeit bei der Eisenbahn schwingen beim Durchqueren der früheren Bahnhofs- und Speditionshallen mit. Die revolutionierende Wirkung seines Skulpturkonzeptes besteht in der Definition von Orten. Als einer der ersten Künstler arbeitete Andre ortsspezifisch und machte die Umgebung zum Teil seines Werkes. "Es geht um die körperliche Erfahrung im Raum", erklärt Lisa Marei Schmidt, die Kuratorin des Auftritts in Berlin.
 Neben charakteristischen Bodenarbeiten, die mehrheitlich betretbar sind, kann man die selten gezeigten Dada Forgeries, kleine Objekte aus Alltagsgegenständen, und 150 Gedichte des Ausnahmekünstlers kennenlernen. Ähnlich wie die Skulpturen stellen seine Texte einen Raumbezug her. So hat Andre nicht nur Industriematerialien genutzt, sondern seiner reduktiven Ästhetik auch mittels konkreter Poesie Ausdruck verliehen.

Text: Andrea Hilgenstock

Foto: Bill Jacobson Studio, New York (2) / Carl Andre / Licensed by VAGA, New York, NY.

Hamburger Bahnhof Invalidenstr. 50/51, Tiergarten, Di–Fr 10–18 Uhr, Do 10–20 Uhr, Sa+So 11–18 Uhr, 5.5.–18.9.

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