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Carolin Emcke über die Veranstaltung „Krieg erzählen“ im HKW

Carolin_Emcke_FELIX_3_c_ThomasMueller_ElTaller_ElTallerFrau Emcke, Sie sind 1999 zum ersten Mal in ein Kriegsgebiet gereist, in den Kosovo. Können Sie sagen, was Sie davon am deutlichsten in Erinnerung haben?
Eine ehrliche Antwort wäre: der Geruch. Ein unerträglicher Gestank. Und damit verbunden das Gefühl der professionellen und psychischen Überforderung. Man steht vor den Überresten von Menschen, die Opfer von Verbrechen wurden, und die Aufgabe und Pflicht besteht darin, das so präzise wie möglich zu beobachten und zu beschreiben. Das bedeutet aber eben genaues Anschauen von Leichen und ihren Verletzungen. Das war, glaube ich, das Intensivste. Dieser Verwesungsgeruch und dieses Gefühl von ethischer Überforderung.

Wurden Sie vom „Spiegel“ hingeschickt?
Ich habe mich selbst gemeldet. Das war fast ein Reflex. Wir haben damals, wie alle anderen auch, einfach Fernsehen geschaut, und man sah diese ersten Bilder von Flüchtlingen aus dem Kosovo, die über die Bergketten zogen und südwärts nach Albanien und nach Mazedonien zu kommen versuchten. Da will ich hin, dachte ich mir. Ich war damals im Deutschland-Ressort, es war also überhaupt nicht meine Zuständigkeit. Man muss allerdings sagen, es meldeten sich jetzt auch nicht so wahnsinnig viele Freiwillige dafür. Man unterstellt oft, dass das so eine besonders beliebte Sparte des Journalismus sei. Davon kann gar keine Rede sein. Und nachträglich würde ich sagen, dass ich, wie meine Kollegen auch, da so unvorbereitet hingefahren bin, wie man nur sein kann.

Es wurde ein Wendepunkt in Ihrem Schreib­leben.
Es war ein Einschnitt, der in der Tat große Auswirkungen hatte, weil sich dort erstmals dieser Spalt auftat zwischen dem eigenen Erleben einer Situation und der Fähigkeit, sie zu beschreiben. Ich hatte erstmals den Eindruck, es übersteigt eine Erfahrung meine Fähigkeit, sie zu vermitteln. Die klassische Reportageform schien nicht ausreichend. Und so habe ich damals begonnen, Briefe an meine Freunde zu schreiben, in denen eine Art Reflexivität möglich war. Und all das hat sich als Linie sicherlich zu bis diesem Tagungsprogramm durchgezogen. Es reicht nicht, nur über Schauplätze und spezifische Schlachtfelder oder Konfliktherde zu sprechen, sondern es muss mit thematisiert werden, wer da spricht und wie sich Angst oder Scham oder Schuld in die Erzählung vom Krieg einschreiben.

Macht man als Frau andere Erfahrungen in so einem Konflikt als ein klassischer männlicher Kriegsberichterstatter?
Ja. Ich glaube, es gibt sehr praktische, sehr banale Unterschiede, über die selten gesprochen wird. Wenn du in einem potenziell verminten Gelände reist, können männliche Reporter eben einfach auf der hoffentlich gesicherten asphaltierten Strasse im Stehen pinkeln. Klingt profan, kann aber existentiell sein. Grundsätzlich erlebe ich es – entgegen den geläufigen Annahmen – als Vorzug, als Frau in diesen Gegenden unterwegs zu sein. Einerseits, weil es, gerade in islamisch geprägten Ländern, für Frauen oft beschränkte Zonen gibt, in denen sie sich aufhalten oder in denen sie Fremden begegnen können. Männer haben da oft keinen Zutritt. Zugleich sind mir, als ausländischer Journalistin, die männlichen Zonen nicht verwehrt. Insofern habe ich mehr Zugang. Manchmal habe ich auch das Gefühl, dass sie einen als Frau entweder unterschätzen oder für hilfsbedürftig halten. Und das kann auch nützlich sein.

Sind Sie denn da allein unterwegs?
Nein, ich reise fast immer, seit 14 Jahren, mit ein und demselben Fotografen, Sebastian Bolesch. Dazu kommen jeweils lokale Übersetzer. Sebastian Bolesch kenne ich aus dem Kosovo, das war die erste gemeinsame Reise. Wir sprechen auf diesen Reisen ununterbrochen über das, was wir erleben und wahrnehmen. Das ist für mich wichtig als Korrektiv. Je länger ich arbeite als Journalistin, umso mehr Respekt habe ich vor der Aufgabe der Urteilsfindung. Meine Zweifel an meiner eigenen Fähigkeit, etwas richtig einzuschätzen und zu beurteilen, die Angst vor eigenen Fehlern ist enorm gewachsen. Ein Beispiel: Wir haben eine Langzeitbeobachtung über Haiti nach dem Erdbeben gemacht. Als wir das erste Mal eintrafen, waren wir unsicher und uneins, ob die Hilfsorganisa­tionen schäbig und schlecht arbeiteten oder ob das Ausmaß der Katastrophe und Zerstörung derart gigantisch war, dass es sich auch nicht schneller helfen ließ.

Gibt es einen Kick der Gefahr? Kann man süchtig nach Krisenschauplätzen werden?
Die Frage liebe ich ja. Überhaupt nicht. Ich finde weder Gefahr noch Leid „reizvoll“. Was mir Angst macht, meide ich. Mir macht beispielsweise „Mob“ Angst, also aufgebrachte Menschenmassen. Wenn ich das sehe oder auch nur antizipiere, versuche ich mich zu entfernen. Insofern bin ich definitiv die falsche Kandidatin. Aber ich habe vor anderen Sorten von Gefahren nicht solche Angst. Das ist ja nicht rational. In Kriegsgebieten geht es nicht darum, Mut im Angesicht von Gefahr zu zeigen, sondern Mut im Angesicht von Leid. Und man mutet sich den Kummer und die Trauer dort zu, nicht, weil es einem einen Kick gäbe, sondern weil es wichtig ist, dass die Geschichten dieser Menschen nicht negiert und vergessen werden.

Und das wäre Ihr zentrales Interesse, könnte man es so zuspitzen?
Wenn es stimmt, dass es einen Zusammenhang gibt zwischen Gewalterfahrung, Traumatisierung und Sprachlosigkeit, dass oftmals Opfer von Gewalt so versehrt werden, dass sie diese Erfahrungen niemandem mehr anvertrauen wollen, dann geht diese Erfahrung verloren und dann gehen die Täter einfach ungestraft nach Hause. Das ist ein wirklich tiefes moralisches Problem und ein Ansporn, diese Geschichten, wie immer geholpert und gestolpert und verwirrend klingend sie daherkommen, möglichst zu rekonstruieren.

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