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Carolin Emcke über die Veranstaltung „Krieg erzählen“ im HKW

Carolin_Emcke__LAB7665_c_AndreasLabes.Die Veranstaltung im Haus der Kulturen der Welt steht unter dem Titel: „Krieg erzählen“. Warum erzählen und nicht etwa berichten?
Jeder Bericht, jedes mündliche oder schriftliche Zeugnis, einer Überlebenden oder einer Beobachterin, ist immer auch eine Erzählung. Sie folgt auch den Strukturbedingungen einer Erzählung. Als Zuhörer oder Dokumentare erwarten wir, dass selbst Erzählungen des Grauens einen Anfang haben und eine Mitte und auch ein Ende. Nun erfüllen die meisten Geschichten der Opfer von Krieg und Gewalt, von Folter oder Vergewaltigung diese Erwartungen genau nicht. Sie stottern, erzählen rückwärts, ihre Erzählungen haben Brüche und Lücken. Das Erzählen vom Krieg zu thematisieren bedeutet eben auch, die Schwellen des Erzählbaren zu befragen, die Bedingungen einer gelungenen, glaubwürdigen Erzählung zu reflektieren. Vielleicht stellt sich die unwahre Erzählung als die glaubwürdiger klingende heraus als die wahre. Das war als Kuratorenprojekt wunderbar, weil ich eher die elementare, verstörende Erfahrung von Krieg im Kopf hatte und mein Co-Kurator Valentin Groebner eher die Frage der Erzähltheorie und Literarizität.

Brauchen wir Erzählungen auch, um die gesellschaftliche Erinnerung besser zu organisieren?
Ja. Diese Erfahrungen aus Krieg und Gewalt, die erlitten oder ausgeübt wurde, aus Schuld und Scham, aus Angst und Schmach, die verbleiben ja nicht in der Generation, die sie erlebt hat. Sondern diese beschwiegenen Erfahrungen werden weitergereicht und vererbt in die zweite und dritte Generation. Wobei ich damit nicht sagen will, dass das auf der gleichen Ebene steht wie die Traumata, die von der Shoah geblieben sind. Aber ich merke an meiner eigenen Familie, wie sich beschwiegene Gewalterfahrungen dann festgesetzt haben, in Gesten oder Praktiken, die man gar nicht verstehen konnte, wenn man nicht wusste, was sie einmal ausgelöst hatte. Mein Vater beispielsweise konnte es in geschlossen Räumen nicht aushalten. Der riss immer alle Fenster und Türen auf, im Sommer wie im Winter. Auch im Kino konnte er es kaum aushalten, wenn er keinen Gangplatz hatte und schnell fliehen konnte. Hätte man meinen Vater gefragt, „Bist du kriegstraumatisiert?“, hätte der immer gesagt: „Ich? Nein. Wie kommst du denn darauf?“ Insofern braucht es Zeit und eine Kultur, die daran interessiert ist, diese Untiefen aus Trauer und Tabus zu verstehen.

Das Gedenkjahr 1914 beschäftigt die Öffent­lichkeit überraschend intensiv. Haben Sie deswegen darauf verzichtet, das Thema bei „Krieg erzählen“ ausführlicher aufzugreifen?
Unsere Veranstaltung beginnt ausdrücklich erst mit der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Wir haben den Ersten Weltkrieg nur bei den Lesungen „Vom Krieg“ im Programm. Wir versuchen insgesamt ja eher systematische Fragen zu stellen, nach der Scham, nach der Schmach, auch den emotionalen Grenzen und Bedingungen des Erzählens – aber die sind alle für den Ersten Weltkrieg auch entscheidend. Bedenkenswert ist natürlich auch, dass es eine andere Generation war, die insgesamt noch anders sprach über ihre Gefühle. Mein Großvater hat beispielsweise im Ersten Weltkrieg gekämpft, er hat auch Aufzeichnungen über diese Zeit gemacht, die bestehen aus zwei, drei kargen Sätzen. Da fragt man sich als Nachgeborene sofort: Hat der nichts empfunden oder spricht der nur nicht drüber?

Wenn man heute auf den Irak oder Syrien blickt, dann fragen sich manche, ob der Erste Weltkrieg überhaupt jemals geendet hat.
Die Regionen, in denen ich auf Reisen gewesen bin oder auch die ethnischen oder politischen Gruppierungen, die mich interessieren, sind vielfach tatsächlich am Ende des Ersten Weltkriegs als offene Fragen übrig gelassen worden. Der Balkan, Kurdistan … Das sind lose Fäden, die aus dem Geflecht am Ende dieses Ersten Weltkriegs heraus­reichen. Bis heute. Ansonsten: Die Brutalität dieses Krieges, das Vernichten oder das ­Verreckenlassen von jungen Menschen, der ­Einsatz von chemischen Kampfmitteln und schließlich die Rückkehr der Überlebenden, der Versehrten, für deren Erfahrungen es in der damaligen Gesellschaft keinen diskursiven oder auch nur emotionalen Raum gab – das alles hört nicht auf, einen zu irritieren.

2012 schrieben Sie in dem Buch „Wie wir begehren“ autobiografisch über Ihre Homosexualität. Bedurfte es dazu einer Courage, die Sie vielleicht erst in den Kriegs- und Krisengebieten fanden?
Ich vermute, ich hätte das nie als erstes Buch schreiben können. Bis heute erfüllt es mich noch sonderbar mit Scham, über etwas zu schreiben oder die Rechte einer Gruppe zu verteidigen, der ich selbst angehöre. Ich würde lieber in einer Welt leben, in der alle universalistische Normen verteidigen. Und so wie ich die Rechte von Juden und Muslimen verteidige, selbstverständlich Heterosexuelle sich für die Rechte von Homosexuellen einsetzen. Erst langsam gesteht man sich dann ein: „Hm, aber für die Rechte von Homosexuellen setzen sich die anderen nicht so richtig ein.“ Ich glaube, die vielen Reisen haben mir auch noch mal bewusst gemacht, wie oft Homosexuelle nicht nur kriminalisiert werden, sondern wie oft sie in einem Umfeld leben, in dem sie nicht einmal sprechen können über ihre Art zu lieben und zu begehren. Über diese Erfahrungen im Irak oder Gaza ist mir dann auch noch mal das Schweigen meiner eigenen Schulzeit schmerzlich in Erinnerung gekommen.

Aber bei alldem sind Sie nicht pessimistisch oder gar zynisch geworden?
Nein. Mich berührt und beglückt, mit welcher Würde Menschen in diesen Gegenden überleben. Und ich wundere mich manchmal, wie viel Menschen erdulden und ertragen können, ohne selbst gewalttätig zu werden. Ich bin insofern eher wirklich berührt und beeindruckt über die Fähigkeiten der Menschen, immer noch Gutes zu schaffen. Zynismus liegt mir grundsätzlich nicht. Da fehlt mir ein Gen. Wie das für Ironie. Das habe ich leider auch nicht. Da übe ich manchmal, geht aber fast immer schief. Ansonsten habe ich aber auch ein gewisses Maß an subversivem Vergnügen daran, mich von dem, was ist, nicht überwältigen zu lassen und lieber darüber nachzudenken, was sein sollte.

Interview: Stefanie Dörre und Bert Rebhandl

Fotos: Thomas Müller (Seite 1), Andreas Labes (oben), Heidi Specogna

 

hkw_krieg_erzaehlen_carte_blanche_c_HeidiSpecognaKRIEG ERZÄHLEN
Die von Carolin Emcke und dem Historiker Valentin Groebner ­kuratierten Thementage im Haus der Kulturen der Welt beschäftigen sich in Lesungen, Diskussionen, Filmvorführungen mit Fragen der Darstellung und Darstellbarkeit von Krieg in den heutigen Mediengesellschaften. Als Gäste werden etwa US-Starreporter wie John Lee Anderson erwartet, Filmemacher wie Marcel Ophüls, Schriftsteller wie Liao Yiwu und Theoretiker wie Albrecht Koschorke.

Eröffnung Do 20.2. um 18 Uhr, das Programm setzt sich dann bis Sa 22.2. fort.; Informationen unter www.hkw.de

Buchtipp: 

Von den Kriegen. Briefe an Freunde, Fischer 2004, 315 Seiten, 8,95 Euro (Taschenbuchausgabe)

Weil es sagbar ist. Über Zeugenschaft und Gerechtigkeit; Fischer 2013, 225 Seiten, ­gebunden, 19,90 Euro

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