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Carsten Wiewiorra und Birgit Bosold über die Wiedereröffnung des Schwulen Museums

SchwulesMuseum-3_c_OliverWolffFrau Bosold, Herr Wiewiorra, was ist das Besondere am Schwulen Museum??
Carsten Wiewiorra: Das Museum besteht seit 26 Jahren und war das erste seiner Art, noch heute ist unser Haus das einzige in Europa und weltweit das größte. Mit dem neuen Standort verdoppeln wir unsere Fläche fast noch einmal von 900 auf 1?600 Qua­dratmeter. Neben den Ausstellungen gibt es ein umfangreiches, aus Nachlässen und Zustiftungen bestehendes Archiv und eine Bibliothek zur Gender-Thematik. Beide, Archiv und Bibliothek, können auch von Besuchern und Besucherinnen zu Forschungszwecken und Ähnlichem genutzt werden.

Birgit Bosold: Wir betreiben darüber hi­naus selbst Forschung zu den LGBTIQ communitys (LesbianGayBisexualTransIntersexQueer) im Haus. Durch unsere langjährige Arbeit und unser umfangreiches Archiv sind wir häufig Ansprechpartner für Institutionen weltweit, wenn diese Ausstellungen zu diesen Themenkomplexen vorbereiten.

Der Name „Schwules Museum“ ist ja durchaus provokativ. Wie erklärt sich der Name und wie ist der Fokus des Hauses in Hinsicht auf die verschiedenen Communitys??
Bosold: Der Name soll natürlich provozieren. Das ist klar. Gleichzeitig hat sich die homosexuelle Community den eigentlich herabwürdigend gemeinten Begriff „schwul“ in den Siebzigerjahren als Selbstbezeichnung angeeignet und diesen fortan für sich positiv besetzt. Dass man bei dem Begriff nur an homosexuelle Männer denkt, ist übrigens ein Ergebnis dieser Selbstaneignung. Bis in die Siebzigerjahre hinein wurden auch Lesben als „schwul“ bezeichnet.

Wiewiorra: Der Name besteht seit der Gründung des Hauses, bei der der Fokus der Arbeit tatsächlich stärker auf der schwulen Community lag, aus deren emanzipatorischen Bewegung es entstanden ist. Der Fokus war aber immer schon ein breiterer und in den letzten Jahren hat sich diese Ausweitung verstärkt. Heute geht es uns klar um die Auseinandersetzung mit nicht klassisch heterosexuellen Geschlechterbildern.

Schwules_Museum_Hass_Fussballspieler_c_Privatbesitz_BerlinZur Eröffnung wird es drei Ausstellungen geben. An welchen haben Sie mitgewirkt und was wird gezeigt??
Bosold: In unseren früheren Ausstellungen haben wir häufig Projekte kollektiv entwickelt, so auch die Ausstellung „Transformation“, bei der ich mitgewirkt habe. Im Falle der Ausstellung „Transformation“ war es so, dass ein Team aus Personen des Vorstands sowie ein Gründungsmitglied des Museums die Ausstellung gemeinsam konzipiert haben. Die Ausstellung begleitet sozusagen die Entwicklung der neuen ständigen Ausstellung, deren Ziel es ist, einen wissenschaftlich fundierten Blick auf die gesamte LGBTIQ-Community zu werfen. Wir wollen zeigen, dass der Kampf um die homosexuelle Emanzipation eng verknüpft ist mit den gesellschaftlichen Veränderungen, die die Frauenbewegung erstritten hat. Zudem sollen die Exponate einen Einblick in unsere Archive geben.

Und das Projekt „Update*“ begleitet den Umzug des Hauses?
Wiewiorra: Ja, das Projekt „Update* – künstlerische Fotografien“, an dem ich beteiligt bin, begleitet den Umzug aus dem alten in das neue Haus mit künstlerischem Blick. Wir arbeiten dafür mit drei KünstlerInnen zusammen. Das aus zwei Fotografinnen bestehende Fotografenteam Benten Clay porträtiert alle 37 Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen in den neuen Räumen. Aus diesen Porträts entsteht dann eine Installation. Dazu kommt die Künstlerin Johanna Jaeger, die sich mit diesem Ort vor Beginn der Renovierung künstlerisch in ihren Fotografien auseinandergesetzt hat. Tobias Wille schließlich, ein Architekturfotograf, hat das alte Haus fotografisch im Detail dokumentiert.

Was hat es mit der dritten Ausstellung „Zwischen Tradition und Moderne – Frühe Gemälde von Jochen Hass“ auf sich?
Bosold: Bei Jochen Haas, dem wir die dritte Ausstellung widmen, handelt es sich um einen Maler, der sich in der DDR schon in den 50er-Jahren in seiner Malerei offen mit seiner Homosexualität auseinandersetzte, etwas, das in der BRD so kaum möglich gewesen wäre, da Homosexualität strafbar war und der entsprechende Paragraf rigoros angewendet wurde.

Interview: Philipp Koch

Fotos: Oliver Wolff (Porträt), Schwules Museum, Berlin

Schwules Museum Lützowstraße 73, Tiergarten, tägl. außer Di, 14–18 Uhr, Sa 14–19 Uhr, öffentliche Eröffnungsfeier am Fr 17.5., 19 Uhr, in der Lützowstraße 42

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