Rezension

„Cash on the Wall“ und „Frauenbank“: Kunst trifft Kapital

Die Ausstellungen „Cash on the Wall“ in der Stiftung Kunstforum Berliner Volksbank und „Frauenbank Berlin“ im Neuem Berliner Kunstverein beleuchten die Liaison zwischen Kunst und Kapital. Damit kommen sie genau zur richtigen Zeit.

„CASH on the Wall“:  Gruppenausstellung mit Werken aus der Kunstsammlung der Berliner Volksbank. Foto: Natalia Carstens Photography/Stiftung Kunstforum Berliner Volksbank/VG Bild-Kunst, Bonn 2022/Anne Jud, Anahita Razmi, Lies Maculan, Thomas Eller
Wenn Kunst vom Kapital handelt: Gruppenausstellung mit Werken aus der Kunstsammlung der Berliner Volksbank. Foto: Natalia Carstens Photography/Stiftung Kunstforum Berliner Volksbank/VG Bild-Kunst, Bonn 2022/Anne Jud, Anahita Razmi, Lies Maculan, Thomas Eller

Geld, Gold und NFTs: Das Kapital liebt die Kunst und umgekehrt

Anahita Razmi schwimmt in Geld. Banknoten regnen auf die liegende Künstlerin herab, deren nackten Körper Scheine notdürftig dort bedecken, wo andere Badende Bikini-Teile tragen. So zitiert Razmi Sam Mendes Film „American Beauty“ (1999) mit dem Bad in Rosenblüten. Doch ihr Video heißt „Iranian Beauty“. Es versinnbildlicht den Fall der iranischen Währung: Mussten Iraner:innen 2013, im Entstehungsjahr der Arbeit, 16.300 Rial zahlen, um einen (!) Euro zu erhalten, sind es heute rund 48.000 Rial.

Razmis Video läuft auf dem Fußboden und bildet eines der Zentren von „Cash on the Wall“, der neuen Ausstellung in den Charlottenburger Hallen der Stiftung Kunstforum Berliner Volksbank. „Cash on the Wall“ kommt zur richtigen Zeit. Zufällig zeitgleich zeigt das Deutsche Historische Museum eine Sonderschau zu Karl Marx. Vor allem aber fegt mit drastisch steigenden Preisen für Energie und Lebensmittel eine lang nicht mehr gesehene Inflation durch die Länder. Und der Krieg in der Ukraine lässt die Börsenkurse fallen.

Das alles schwingt mit, wenn es nun auf zwei Etagen der Siftung um Geld, Gold und NFTs geht, um Währungen und Werte. Die Arbeiten decken rund ein halbes Jahrhundert ab, reichen von Beuys bis Lies Maculan (Abb.), von Klaus Staeck bis Via Lewandowsky, der eine ganz frische Neon-Arbeit zeigt. Rund 40 Künstler:innen und –gruppen sind dabei. Die Exponate stammen größtenteils aus zwei Sammlungen: der von Stefan Haupt, einem Berliner Anwalt für Urheberrecht, der Kunst zum Thema Geld sammelt, und der Kollektion mit Kunst aus Berlin und Brandenburg der Berliner Volksbank, einer genossenschaftlichen Regionalbank. Ihre gemeinnützige Kunststiftung, die mit Halle, Büro und einer Werkstatt für Schüler:innen nun komplett an der Ecke Kaiserdamm/ Sophie-Charlotten-Straße sitzt, stellt die Säle.

Konventionell gehängt, erlauben die Exponate einige rasche Beobachtungen. So regen Währungsreformen und Finanzkrisen Künstler:innen offenbar dazu an, mit Geld zu arbeiten. Sie schreddern wie Ingrid Pitzer alte Scheine und lassen aus Münzen Zahnräder fräsen wie Alicja Kwade. Andere falten aus Banknoten einen Fächer (Anne Jud) oder Tangram-Figuren (Philipp Valenta). Oder sie drucken, malen, zeichnen eine Alternativwährung. Prominentestes Beispiel ist das von Künstler:innen wie Uta Hünniger und Wolfram Adalbert Scheffler entworfene „Knochengeld“, das um 1993 über Kneipentresen von Prenzlauer Berg ging und hier nun mit dem Musterbuch in einer Vitrine liegt.

So vielfältig und anschaulich ihr Spektrum ist, ihren Standortvorteil verschenkt die Schau: Sie findet in einer ausgedienten Bankfiliale statt. Doch weder die Geschichte des Ortes noch die aktuellen Filialschließungen überall sind Thema einer Arbeit. Institutionen, die über Wert oder Umlauf von Geld entscheiden, kommen dezidiert nur in zwei Exponaten vor. Christin Lahr überweist seit über zehn Jahren täglich einen Cent an das Finanzministerium, das keine Geldgeschenke annehmen darf. Caroline Weihrauch stickte auf ein weißes Stofftaschentuch mit rotem Faden diese Worte: „Die Börse ist weiblich“.

Yugoexport, REMASTER, Cabaret Économique von Dani Bauer, Irena Haiduk, Scott Kiernan, Dean Kissick, Laura McLean-Ferris, Daniel Merritt, Christian Schmitz, Maggie Selage Working, 2020. Foto: die Künstler*innen/Produktion Swiss Institute New York und Yugoexport/Courtesy Yugoexport

Eine Berliner Bank für Frauen

Apropos weiblich. Die analytische Schärfe, die das muntere Zusammenspiel der Arbeiten in „Cash on the Wall“ vermissen lässt, findet sich seit 4. März wohl im Showroom des Neuen Berliner Kunstvereins (n.b.k.). Irena Haiduk stellt dort ihre Arbeit zur Berliner Frauenbank vor, einer Genossenschaftsbank, die zwischen 1910 und 1916 erwerbstätige Frauen unterstützen sollte. Das Geld verwaltete diese Bank ohne die damals vorgeschriebene Einwilligung der Verwandten oder Ehemänner ihrer Kundinnen. So thematisiert Haiduk, dass Geld mehr ist als schöne Scheine: Haben und Sein resultieren aus Regeln und Gesetzen beziehungsweise deren Abwesenheit. Irena Haiduk, die auf der 14. Documenta ihre Kunstfirma „Yugoexport“ vorstellte, propagiert faire Besitzverhältnisse. Es ist die passende Ausstellung zum Frauentag am 8. Märzgrandios, erst recht, wenn die aktuelle Teuerung die Folgen des Gender Pay Gap verschärft. 

  • Stiftung Kunstforum Berliner Volksbank Kaiserdamm 105, Charlottenburg, Di–So 10–18 Uhr, 4/ 3 €, bis 19.6.
  • n.b.k. Chausseestr. 128/ 129, 1. Stock, Mitte, Di, Mi, Fr 12–18, Do 12–20 Uhr, Eintritt frei, bis 1.5.

Mehr zum Thema

Berlins Kunstwelt ist immer in Bewegung. Welche Ausstellungen starten, welche ihr unbedingt sehen solltet und welche bald enden, lest ihr hier. Falls ihr Kunst mit einem kleinen Ausflug verbinden möchtet, dann empfehlen wir einen Besuch in diesen Potsdamer Museen.

Berlin am besten erleben
Dein wöchentlicher Newsletter für Kultur, Genuss und Stadtleben
Newsletter preview on iPad