Ausstellungen

„The Chamber“ in der Exile Gallery

Erik_Niedling_und_Ingo_Niermann_c_PrivatFast jeder hat sich wohl schon einmal gefragt, wie er sein Leben gestalten würde, wenn es dafür eine definitive Deadline gäbe. Die meisten Menschen würden dieses nahe Ultimatum wohl dazu veranlassen, ihr Leben auf den Kopf zu stellen und ihre Fantasien und Wünsche auszuleben, seien das nun Reisen, sexuelle Eskapaden oder was auch immer. Am Ende steht aber immer eine Intensivierung des Lebens. Dabei ist jedes Leben auch ohne eine solche Deadline begrenzt. Doch kaum etwas anderes verdrängt man so gut und gerne wie die eigene Endlichkeit. Dieser Extremsituation hat sich der Erfurter Künstler Erik Niedling während seines Projekts „The last Year“ ausgesetzt. Ein Jahr lang hat er so gelebt, als wäre es sein letztes. Dabei stellt sich die Frage, inwieweit so ein Experiment funktionieren kann. Ob man diese Autosuggestion durchhalten kann?

Einen Einblick in die Genese und die sich immer weiter verstärkende Identifizierung des Protagonisten mit seinem Projekt liefert das im Verlag Sternberg Press erschienene Tagebuch („The Future of Art: A Diary“), das Niedling während des Jahres geführt hat. Ehrlich, radikal und authentisch schreibt er in trockener Sprache die Erlebnisse und Gedanken jedes Tages auf, notiert, wie er mit seiner Tochter auf den Spielplatz geht, den Sex mit seiner Freundin, ihren Streit, die Gedanken zu dem immer stärker an seinem Bewusstsein nagenden Projekt selbst, mit dem er sich radikal identifiziert. Gerade die Radikalität, mit der er sich diesem in sich schon extremen Projekt verschreibt, generiert eine Authentizität, die der „Performance“ eine eindringliche Tiefe gibt. „The last Year“ ist aber auch das ernsthafte Ordnen der Relikte des eigenen Lebens sowie die Regelung der eigenen Angelegenheiten: Testament, Verfügungen, Ernennung eines Nachlassverwalters. Dazu tritt die immer wieder mit finanziellen Engpässen einhergehende Arbeit an einem – in der Logik des Projekts posthumen – Ausstellungsprojekt im Neuen Museum Weimar.

Diese Ausstellung mit dem Titel „The Chamber“ („Die Kammer“), die jetzt in Berlin in der Exile Galerie zu sehen ist, verwandelte das Museum in eine Grabstätte für den Künstler samt Sarg, Relikten und einem 780-Seiten-Interview über sein Leben. Dabei hat diese Inszenierung der Ausstellungssituation als Grabkammer etwas herrlich Hintersinniges, ist die Musealisierung doch der Zweck der Kunstproduktion und das Schicksal der Arbeit eines Künstlers, dessen Werke am Ende statisch und mit der Gewichtigkeit des Musealen aufgeladen in ihrer Bedeutungsschwere zu erstarren drohen. In der räumlich ganz anderen Situation der Exile Galerie ist die Auseinandersetzung mit „The Chamber“ eine persönlichere, als würde man in eine Kapelle mit aufgebahrtem Leichnam hineinstolpern, der jederzeit abgeholt werden könnte. So läuft man gleich im Eingang fast gegen eine Transportkiste, in der Reliquien aus dem Leben des Künstlers (von DDR-Memorabilien seiner Kindheit über Fotos bis hin zu Objets trouvйs) aufbewahrt werden und von denen in einem Nebenraum Fotografien hängen. In der Mitte des Raumes steht ein Flugsarg mit einem Fenster zum Hineinschauen, der merkwürdig klein wirkt. Aus einem alten Lautsprecher kommen vibrierende Geräusche, Tonaufnahmen mehrerer EEGs von den Teilnehmern jener Nacht, in der Niedling als junger Mann beschloss, Künstler zu werden. Die nicht für aufbewahrenswert gehaltenen Dinge wurden vom Künstler verbrannt, die Asche wiederum hat er in komplizierter Prozedur auf Glasscheiben appliziert und so zu einer Werkreihe transformiert, von denen eine vor Ort ausgestellt ist. Was am Ende entsteht, ist eine Annäherung an die Biografie und die Narration eines Lebens mit weißen Flecken, mit Wünschen, mit Zukunft und mit viel Vergangenheit.

Text: Philipp Koch

Foto: Privat

tip-Bewertung: Sehenswert

The Chamber Exile Gallery, Skalitzer Straße 104, Aufgang A, Kreuzberg, Di–Sa 12–18 Uhr, bis 13.4.

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