Die ebenso spektakuläre wie berühmte Filminstallation „The Clock“ von Christian Marclay ist ab dem 29. November 2025 in der Neuen Nationalgalerie Berlin zu sehen. Marclay hat dafür tausende Ausschnitte aus Filmen so montiert, dass sie einen chrolonogischen 24-Stunden-Loop bilden, der synchron zur Berliner Realzeit läuft. Ein Mammut- und Meisterwerk

Wenn es in Berlin 11.23 Uhr ist, stehen die Zeiger in „The Clock“ auf 11.23. Und wenn es in „The Clock“ 19.48 Uhr ist, ist das auch die exakte Berliner Realzeit. Im Rhythmus des Uhrzeigers läuft ab dem 29. November eine 24-Stunden-Filminstallation in der Neuen Nationalgalerie, die das Verhältnis des Menschen zur Zeit zum Thema hat. Dieses Verhältnis hat viele Dimensionen. Präzision ist eine davon. Wie ein Schweizer Uhrwerk läuft „The Clock“, doch ohne Anfangszeit, man kann sich jederzeit in den Loop einschalten. Und weiß natürlich durch die Synchronisation mit der Berliner Realzeit genau, zu welcher Stunde man in der Videoinstallation ankommen wird.
Christian Marclays „The Clock“ ist als Box in the Box installiert
Aufgebaut ist „The Clock“ in einer riesigen Black Box , die sich in der oberen Halle der Neuen Nationalgalerie befindet, die man ebenfalls als Box bezeichnen kann – eine ikonische Kiste aus Glas. Der Bau von Mies van der Rohe erlaubt einen großartigen Übergang von der Realität in den Kunstraum. Ich gehe also mit dem Blick auf das mittägliche Berlin in einen Raum, in dem gleich ein Ausschnitt aus „High-Noon“ laufen wird. Oder, wenn es Nacht ist in Berlin, in die Nacht von „The Clock“, wo zu später Stunde beispielsweise Orson Welles im Glockenturm einer Kirche erscheinen wird, eine Szene aus dem Film „The Stranger“.
Zeitmessung ist ein faszinierendes Thema, von der Sonnenuhr bis zur Atomuhr. Wer sie beherrscht, hat Macht und Wohlstand. Der Aufstieg Großbritanniens zur Seemacht war auch dem Uhrmacher John Harrison zur verdanken, der im Jahr 1935 das erste funktionierende Marine-Chronometer konstruierte. Und ohne die Zeitmessung, in der ganzen Welt den Takt vorgibt, würde global einfach mal gar nichts funktionieren.

Doch natürlich ist diese wissenschaftliche Vermessung der Zeit nur ein Aspekt, denn wir betreten mit „The Clock“ ja einen Kunstraum. Er ist aus vielen tausenden Filmszenen zusammengesetzt. Drei Jahre lang hat Christian Marclay an dieser Videoinstallation gearbeitet, nicht alleine, sondern mit mehreren Assistenten. Ohne künstliche Intelligenz, die gab es noch nicht, als das 2010 erstmals präsentierte Werk entstand. Sondern Marclay und sein Team haben sich tatsächlich noch DVDs aus Videotheken ausgeliehen, wie er am Telefon erzählt, und auf diese Weise 100 Jahre Film- und Fernsehgeschichte gesichtet und zu „The Clock“ zusammenmontiert. Alleine schon diese dreijährige Recherche und Puzzlearbeit ist beeindruckend. Und war am Anfang ein ziemliches Risiko. Es habe ein ganzes Jahr lang gedauert, bis sie wussten, ob ihr Vorhaben gelingen könne, erklärt Christian Marclay.
Goldener Löwe für Marclays „The Clock“ auf der Venedig-Biennale 2011
Es ist gelungen. Die Schriftstellerin Zadie Smith bezeichnete „The Clock“ 2011 in einem Artikel für die New York Review of Books als „weder schlecht noch gut, sondern vollendet, vielleicht der beste Film, den man je gesehen hat.“ Im selben Jahr gab es für Marclay auf der Kunstbiennale Venedig den Goldenen Löwen als Bester Künstler. Seitdem wird seine Arbeit immer wieder in Museen gezeigt, Marclays Studio bekommt permanent Anfragen von Institutionen weltweit, die „The Clock“ ausstellen wollen. Die Arbeit altert gut, da sie nicht in ihrer Zeit im Sinne von Trends und Moden verhaftet ist. Man kann sie auch gut noch einmal sehen, wie in meinem Falle, denn ich habe den 24-Stunden-Loop in Venedig natürlich nur als Ausschnitt wahrgenommen, schon allein die Öffnungszeiten sind eine zeitliche Begrenzung.
Was Marclays Arbeit zum Thema Zeit so zeitlos macht, ist die Metaebene. Time-based media kommen ohne Zeit nicht aus. Aber die Zeitwahrnehmungen sind ganz unterschiedlich. In der Kunst verändert sich die Zeit, weil sie von der exakten Chronologie zum subjektiven Erleben wird, zur emotionalen oder narrativen Zeit. Zeit dehnt sich, sie läuft schneller, sie ist ein extrem wichtiges dramaturgisches Mittel. Immer wieder müssen die Film-Helden und -Heldinnen gegen die Zeit kämpfen. Sie müssen Maschinen stoppen, die die Welt zerstören, einen Zug erreichen oder eine Hochzeit. Oft hängt davon ein Leben ab. Oder doch zumindest eine Romanze. In 90 Minuten Kino passt ein ganzes Leben. Oder die Story springt sogar „Zurück in die Zukunft“. Meist zeigen Uhren die Zeit an, doch es kann auch eine Zigarettenlänge sein oder eine abbrennende Kerze, in der die verrinnende Zeit gemessen wird. Oder auch die Sprache, genauer die Dialoge, setzten den Zeitrahmen.

Marclay ist kein Kino-Nerd, auch wenn er Filme liebt. Ihm ging es vor allem um die Montage, um das Zusammenbauen einer neuen Arbeit aus gefundenem Material. Vielleicht, spekuliert er am Telefon – er ist zu dem Zeitpunkt noch in seinem Studio in London – habe ihm dabei sogar geholfen, dass er dem Kino nicht ehrfürchtig gegenüberstehe. So habe er spielerischer an diese Aufgabe herangehen können.
Und auch wir Besuchenden dürfen spielerisch mit „The Clock“ umgehen. Wie wichtig ist es also, die gesamten 24 Stunden von „The Clock“ zu sehen? Marclay antwortet diplomatisch. Die Filminstallation in einem Stück zu sehen, sei ja physisch unmöglich, man müsse ja zumindest mal zur Toilette. Deshalb sei sein Vorschlag, sich „The Clock“ mehrfach zu unterschiedlichen Zeiten anzusehen.

Außerdem besteht er an allen Ausstellungsorten darauf, dass „The Clock“ auch mindestens einmal 24 Stunden lang fürs Publikumm zu sehen sein muss. Die Neue Nationalgalerie bietet das dann auch an zwei Terminen (5.–6. Dezember und 2.–3. Januar) an. Und hat zudem die Öffnungszeiten in den Abend verlängert. Marclay, der 1992 selber für sechs Monate als DAAD-Stipendiat hier gelebt hatte, setzt da ganz auf Berlin. Er wisse, Berlin habe sich seitdem sehr verändert, sagt er, aber er habe die Stadt damals als „late night city“ erlebt und hoffe, dass die Menschen vor und nach der Clubnacht in der Neuen Nationalgalerie vorbeischauen werden. Wer möchte schon Christian Marclay enttäuschen? Berlin sicher nicht, die Stadt wird es schon hinbekommen.
- Neue Nationalgalerie Potsdamer Str. 50, Tiergarten, 29.11.2025 – 18.1.2026, Di–So 10–20 Uhr, Tickets 20/10 €, vom 5.–6. Dezember und vom 2.–3. Januar haben Besucher:innen die Möglichkeit, das vollständige 24-Stunden-Werk zu erleben. Von 20–10 Uhr ist der Eintritt an den beiden Tagen frei. Mehr Infos hier
Wer „The Clock“ von Christian Marclay mag, wird womöglich auch an Cyril Schäublins Uhrmacher-Film „Unruh“ Freude haben. Was lohnt sich derzeit? Aktuelle Ausstellungen in Berlin – die wichtigsten Empfehlungen. Immer gut über das Leben in Berlin informiert: Abonniert jetzt unseren tipBerlin-Newsletter. Ihr wollt wissen, was in der Food-Welt Berlins geschieht? Hier entlang. Unsere Empfehlungen für eure Ohren: Konzerte in Berlin. Tipps und News für Party in Berlin findet ihr in der Club-Rubrik. Nach Feierabend noch was unternehmen? Diese Museen in Berlin sind auch abends länger geöffnet. Immer neue Texte und Tipps findet ihr in unserer Rubrik „Ausstellungen“. Noch nichts vor? Was heute los ist, lest ihr bei den Tageshighlights mit den besten Veranstaltungen in Berlin. Was läuft wann? Hier ist das aktuelle Kinoprogramm für Berlin. Im Lauf der Zeit


