Ausstellungen

Christoph Schlingensief Retrospektive in den Kunst-Werken

Christoph_Schlingensief_KW_Freakstars_c_ThomasAurin_Filmgalerie451

Christoph Schlingensief mit Darstellern seiner TV-Show „Freakstars 3000“

Friedrich Küppersbusch – Journalist und TV-Produzent
Im WDR waberte das Gerücht, der irrlichternde filmende Kirchenschänder Schlingensief finanziere seine vielgeschmähten halbpornografischen Machwerke, indem er nebenher beim Schulfunk anschaffen ginge. Tatsächlich existiert eine kleine Reihe volkswirtschaftlicher Erklärfilme, bei denen die Regie dreist naiv alles schredderte, was der papierene Unterrichtstext behauptete. Eine endlose Fahrt vorbei an beängstigenden Wohnsilos illustriert einen papierenen Dialog über das Wohl des sozialen Wohnungsbaus; die Filme unterwandern sich selbst.

Unsere Redaktion sprach Christoph darauf an, und er hatte Freude, mit Alfred Edel, Udo Kier, einer legendären „Gräfin“ und gern auch sich selbst im on anfangs Aufträge, bald schon Interventionen zu liefern. In seine Sprache übersetzt war die Wahlkampagne der CDU ein ekler Sud aus kriegsverstümmelten Nazis, notgeilen Herrenmenschenfrauen und widerlichem Hühnchenbraten für alle. Charity für den Osten übersetzte er in eine schmierige Pornoproduktion. Und mit entwaffnend klarem, fast kindlichem Blick spiegelte er die beauftragende Redaktion in einem Film als Horde selbstgerechter larmoyanter Poplinker. So entstand Anfang der 90er ein gutes halbes Dutzend Magazinbeiträge, die heute erschütternd unverblasst aus dem Archiv funkeln.

Anselm Franke – Leiter Bereich Bildende Kunst und Film im HKW
Ich stieß zu Christoph Schlingensief zur Zeit von „Chance 2000“, jenem künstlerisch-politischen Unternehmen, das die mediale Verfasstheit der Republik, nach 16 Jahren Helmut Kohl, auf dem Weg in eine neoliberale Sozialdemokratie performativ begleiten sollte: Die Partei hatte damals die Zulassung zur Bundestagswahl 1998 in der Tasche, aber Christoph näherte sich persönlich dem Bankrott, und die Volksbühne, der Veranstalter des „Wahlkampfzirkus“ im Prater, war nicht darauf vorbereitet, den Wahlkampf einer Partei zu finanzieren. War das noch Theater oder schon Politik? Dass aus dem Theater eine zugelassene Partei und ein bundesweites Medienereignis werden sollte, war nicht vorgesehen. Ich arbeitete für ein paar Monate im Büro von „Chance 2000“ als Voluntär, später habe ich die Assistenz übernommen, zuerst für Schlingensiefs Beitrag für die 1. Berlin Biennale 1998 und den Kongress 3?000 im Haus der Kulturen der Welt, ich blieb dann in dieser Funktion seitens der Volksbühne zwei Jahre dabei.

Die Frage, die alle Arbeiten von Christoph, ob Film, Theater, Fernsehen oder Performance, aufwerfen, weil sie sie grundsätzlich sprengen, ist die nach den „Genres“: dem Verhältnis von Ausdruckskonvention zu sozialen Realitäten. Denn was ist das Material von Christoph Schlingensiefs Kunst? Die Ränder des Normativen. Alexander Kluge hat das für seine eigene „realistische Methode“ 1975 so beschrieben: „Das Verdrängte leistet unterhalb des Real-Terrors alle Arbeit.“ Das eigentliche „Medium“ Christophs war nicht Film oder Theater und sicherlich nicht die Bildende Kunst: das Medium waren die Medien. Seine Arbeiten fanden erst wirklich in der Medienreaktion statt, der historische Bezugsrahmen war dabei immer die medial affizierte Masse des Faschismus und dessen mehr als unheimliches „Nachleben“ in den Pathosformeln des Alltags. Daher ist Christoph Schlingensief auch immer überwiegend ein deutsches Phänomen geblieben. 

Weiterlesen: Christoph Schlingensief – eine Kurzbiographie  

Voxi Bärenklau – Kameramann
Ich begegnete Christoph Schlingensief 1984 an der Hochschule für Gestaltung Offenbach, wo ich Film bei Werner Nekes studierte, dessen Assistent er war. Wir teilten die Begeisterung für experimentellen Film und die Frühgeschichte der Kinematografie. Als Lichtdesigner und Kameramann habe ich Christoph seit dem Film „Mutters Maske“ von 1987 bis zu seinem Tod bei vielen Produktionen begleitet. Spätestens nachdem er mich nach all seinen damaligen Filmdreharbeiten für „ATTA ATTA“ an die Berliner Volksbühne holte, verfeinerten wir mit der Filmemacherin Meika Dresenkamp diese ausgefallene Bilderwelt des Schlingensiefschen Kosmos auf der Bühne. Diese Umsetzung der ihm so eigenen Formensprache fand ihren Höhepunkt in Christophs erster Oper, dem „Parsifal“ in Bayreuth 2004.

Danach entwickelte er folgerichtig aus der Idee der klassischen Drehbühne den „Animatographen“, mit dem er eine eigene gestalterische Synthese aus den Wirkungen der frühkinematografischen Apparate mit dem klassischen Wesen des narrativen Films, des Theaters, der Installation und der Oper erreichte. Licht und Dunkel, blutige Farbe und kontrastreich schreiendes Schwarz-Weiß. Irreale Projektionen, zufällige Mehrfachbelichtungen, mehrschichtige Überlagerungen und Überforderungen, irritierende Bildräume und krasse Raumverzerrungen, dunkel düstere Atmosphäre und strahlende Lichtstimmungen, Klang, Musik, Geschreie und verzerrte Kakophonie. Das Dunkle ins Licht zerren, das war immer seine Intention. Und das war eben auch ein wichtiger Teil dieser meiner langjährigen Mitarbeit: Zu zeigen, was wirklich zwischen den Bildern geschieht.

Klaus Biesenbach – Kurator und Direktor MoMa PS1
Christoph Schlingensief war Film. Er war ein Mensch, der immer versucht hat, das Richtige herauszufinden und es dann zu tun. Er hatte diese ungeheure Fitzcarraldo-Energie. So dass man nie dachte, das kriegt der nicht hin.

Matthias Lilienthal – Intendant und Dramaturg
Uns war ’93 ja gerade eine Inszenierung an der Volksbühne zusammengekracht, und wir suchten schlicht Ersatz. Dirk Nawrocki, Mitarbeiter von Castorf, hatte von Schlingensief und seinem Film „Terror 2000“ gehört. Den haben wir uns dann angesehen und sofort Kontakt mit ihm aufgenommen. Er sollte eigentlich erstmal diesen Film auf die Bühne bringen, er hatte ja vorher noch nie Theater gemacht. Es ging dann aber doch gleich mit einer Theaterproduktion los, mit „100 Jahre CDU“. Das eigentlich Großartige an Christophs Art zu arbeiten war, dass er von einem Moment auf den anderen genau das Gegenteil von dem gemacht hat, was er vorher gesagt hat. 

Christoph Schlingensief Retrospektive im Institute for Contemporary Art, Auguststraße 69, Mitte, 1.12–19.1.2014, Kuratiert von Klaus Biesenbach, Anna-Catharina Gebbers und Susanne Pfeffer, Künstlerische Beratung: Aino Laberenz

Foto: Thomas Aurin / Filmgalerie 451

Mehr über Cookies erfahren