Ausstellungen

Corinne Wasmuhts „Supracity“ im Haus am Waldsee

CorinneWasmuhtDie Spannweite, die ihre Bilder umfassen, und der Weg, den Corinne Wasmuht seit Beginn der 90er Jahre zurückgelegt hat, sind enorm, das macht diese Ausstellung sichtbar. Damals trat Wasmuht mit großen, farbigen Ölbildern auf Holz an die Öffentlichkeit. Unter generischen Titeln wie „Kröten“, „Schlangen“ oder „Raupen“ wurde ein fantastischer Mikrokosmos heraufbeschworen, der einer akribisch vorgehenden Sammelleidenschaft und der Liebe zu typologischen Ordnungssystemen entsprang. Wasmuht leiht sich in diesen frühen Bildern die Gestalt von Illustrationen aus Biologiebüchern – jener Mimikry gleich, durch die Kröten mit ihrer Umgebung fast verschmelzen. Denn nur scheinbar übernimmt Wasmuht hier einen wissenschaftlichen Blick auf die Beschaffenheit von biologischen und geologischen Erscheinungen, ihre Malerei knöpft sich vielmehr auch genau diese Formen des analytischen Sehens vor, die sie ausstellt – (elektronen)mikroskopische Perspektiven oder die Quer- und Längsschnitte von menschlichem Gewebe, von Mikroorganismen und Zellstrukturen.

Wasmuht eignet sich die Sichtweise des Anatoms an, aber nicht, um zu sezieren, was tot ist, sondern um in einem animistischen Umkehrprozess ihren Bildgegenständen, die sie auf dem Objektträger ihrer Bildflächen isoliert, mit einer frei flottierenden Fantasie zu neuem Leben zu verhelfen. So werden aus den organischen Kleinststrukturen in Bildern wie „Spiegelraum II“ (1997) unversehens Einrichtungsgegenstände, die einen surrealen White Cube irgendwo zwischen Magritte und De Chirico möblieren. In solchen Arbeiten springt Wasmuht von der extremen Flächigkeit ihrer ersten Arbeiten in den Raum, der in den folgenden Bildern einen immer größeren Stellenwert einnimmt, während sich die Perspektive prismatisch aufsplittert. In einem programmatischen Bild wie „Räume“ (1996) wird daraus ein psychedelisches Spektakel, ein multifokales All-over aus fluchtenden Farbstreifen, das zugleich wie ein ironischer Kommentar zur Banalität architektonischer Entwürfe vom Reißbrett daherkommt.

Mit dem Weg aus dem Mikro- in den Makrokosmos werden die Bilder noch fantastischer, der Blick weitet sich in Science-Fiction- Landschaften und utopische Parallelwelten. Wasmuhts Motivspektrum vervielfältigt sich in den Splittern eines zerbrochenen Spiegels, der die Versatzstücke von millionenfach reproduzierten Bildern zurückwirft, und den die Künstlerin neu zusammensetzt in fremdartigen, kristallinen Strukturen. Mit den neuen digitalen Bildquellen aus der Welt der elektronischen Medien, die sie nun am Computer zu Vorlagen für ihre Ölbilder collagiert und bearbeitet, ändert sich auch das Licht ihrer Bilder radikal. Die riesigen Tafeln mit urbanen Motiven von den Transitzonen einer beschleunigten Gesellschaft, die jetzt entstehen, die Flughafenhallen, Tunnel, Bahnsteige und Foyers sind von einem kalten, bläulichen Schimmer erfüllt. Sie erscheinen wie „von hinten beleuchtet, wie ein Kirchenfenster oder ein Fernsehbildschirm“ (Wasmuht). Der Tiefenzug ins Räumliche verstärkt sich in diesen Bildern, in denen sich immer mehr Schichten und Bildebenen übereinander lagern, während sie zugleich durchlässiger, flüchtiger und transparenter werden und hier und da in verpixelten Leerstellen aufreißen. Bilder wie „Pathfinder“ (2002) entwickeln mit ihren dramatisch fluchtenden Linien einen unwiderstehlichen Sog auf den Betrachter. Die Bilder scheinen einem ähnlichen Geist zu entspringen wie der minutenlange Farbrausch zu den elektronischen Klängen von György Ligeti am Ende von Stanley Kubricks „2001“. Hier wie dort dominieren grellbunte Falschfarben, wie man sie aus den bildgebenden Verfahren der Naturwissenschaften kennt, aus Magnetresonanztomografien oder Satellitenbildern. Der Schluss, dass Wasmuht auch an Synästhesie­effekten interessiert ist, liegt nahe, wenn man hört, wie sie die Orgelmusik Bachs begeistert als Möbiusband beschreibt, oder erwähnt, dass sie beim elektronischen Gezirpe von Raumsonden anfange, Landschaften zu sehen.

CorinneWasmuhtDer Flüchtigkeit des Dargestellten setzt Wasmuht ein äußerst zeitaufwendiges Verfahren und die Langsamkeit eines fast geologisch anmutenden Prozesses entgegen. Erst die zahlreichen, hauchdünnen Schichten ihres lasierenden Farbauftrags ermöglichen das intensive Leuchten ihrer Ölbilder, in denen die Materie wie entstofflicht wirkt. Allmählich entsteht so das unhierarchische All-over der Farbcluster und Motivfragmente ihrer großen Formate. Dem Blick des Betrachters stellt sich eine verführerische Fläche ohne Zentrum entgegen, die er sorgfältig abtasten muss, um sich die verschiedenen Schichten und Dimensionen Stück für Stück zu erschließen, bevor er – wie „Alice hinter den Spiegeln“ von Lewis Carroll – in eine von Wasmuhts Parallelwelten eintreten kann, der Sogwirkung der Gemälde schließlich erliegend.
Die Quellen, aus denen sich Wasmuhts Motivfundus speist, sind in den letzten beiden Jahren realer geworden. Sie sind nähergerückt und entstammen jetzt häufig der unmittel­baren Umgebung der Künstlerin, während ihre Bilder selbst abstrakter werden – eine gegenläufige Bewegung, die in ihren jüngsten Werken eine Angleichung von Natur- und Stadtmotiven bewirkt. „U Heinrich-Heine-Str.“ (2009) ließ sich dabei von der direkten Nachbarschaft ihres Ateliers neben dem Sage Club anregen, während sich „Caleta 3 Garagen“ (2009) einer Wiederbegegnung mit der zerstörten Landschaft ihrer Kindheit in Peru verdankt, die sie in einem glühenden Erinnerungs- und Traumbild neu zusammensetzt. Es gibt wohl kaum etwas Tröstlicheres als das Wissen um eine Welt hinter den Spiegeln.

Text: Jutta v. Zitzewitz

Corinne Wasmuht „Supracity“
im Haus am Waldsee, Argentinische Allee 30, Zehlendorf, tgl. 11-18 Uhr,
11.12.2009-21.2.2010

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