Ausstellungen

»Das Bild performt sich selbst«

Der Ausstellungsraum von Kerstin Brätsch im Hamburger Bahnhof in Berlin

Mehrere Mails schreibt man Kerstin Brätsch, um ein Gespräch zu vereinbaren. Erst antwortet sie nicht, dann schlägt sie einen Termin vor, verschiebt, schlägt einen zweiten vor, sagt ab. Vielleicht gehört es zu ihrer Strategie, sich selbst zu entziehen. Schließlich sollen ihre Bilder sprechen. Auf jeden Fall möchte sie sich nicht entscheiden. Zum Beispiel für eine Antwort auf die Frage: Ist Malerei für sie eine Sache des Gefühls oder des Verstandes?
Künstlerinnen können kapriziös sein und kompliziert. Vielleicht ist das ein Ausdruck von Komplexität. Immerhin kam ein Treffen im dritten Anlauf doch noch zustande. Kurator Malte Roloff leistete geduldig Hilfestellung. Dabei ist gerade die Kooperation das Feld von Kerstin Brätsch. Die Hamburgerin, Jahrgang 1979, arbeitet oftmals mit anderen zusammen. Natürlich nicht nur.
Mit Debo Eilers kollaboriert sie für ihre „Kaya“-Projekte, benannt nach einem Mädchen, das mitwirkte am Experiment um eine neue Körperlichkeit für die Malerei. Mit Adele Röder bildet sie „Das Institut“ – ein Feld, in der ihre Malerei in einen „erweiterten Handlungsraum“ gebracht werden könne: „Solche Kollaborationen, aber auch das Arbeiten mit der Schweizer Glasmalerei Mäder, gestatten es mir, die Funktion von Malerei zu definieren.“
Um die Radius-Erweiterung der Malerei geht es ihr. Im Ergebnis entstehen abstrakte Arbeiten – Malerei und mehr. „Die Kunst ist ein Abstraktionsfeld.“ Die Möglichkeit, Abbilder zu schaffen, ausgereizt. „Das Bild performt sich selbst“, sagt sie. Wie skelettierte Malerei-Körper hingen ihre und Eilers Gemeinschaftswerke unlängst in einer New Yorker Galerie. Farbstreifen auf Folie umhüllten die Objekte, was an bunte Knochen erinnerte.
Kerstin Brätsch in ihrem Ausstellungsraum in BerlinFür den Wettstreit um den Preis der Nationalgalerie für junge Kunst im Hamburger Bahnhof hat Kerstin Brätsch großformatige Papierarbeiten ausgewählt, ihre „Psychic Series“ (2005-7). Diese kombiniert sie mit ebenfalls großen Glasarbeiten. Diese wirken, als seien sie direkt ihren und Adele Röders Bildern für die Biennale von Venedig 2011 entsprungen – Sonnen, die die Malerei in neuem Licht erscheinen lassen.
Den multimedialen Aspekt verstärkt ein Projektor. Er wirft Maskierungen an die Wand. Ein Spiel der Masken von Brätsch und Röder. Für die Diaserie „Viola“ bemalten sie ihre Gesichter mit schwarzer Farbe, schlüpften in Männer- und Frauen-Rollen, oft in Anspielung auf Bilder der Kunstgeschichte, und posierten in verschiedenen Stoffen und Haltungen mit Papagei, Banane oder Baguette. Ein lustvoller Identitätswechsel.
„Who’s Kerstin Brätsch?“, lautet der Titel einer Arbeit in Öl auf Papier, und „When you see me again it won’t be me“. Alles ist veränderlich, erst recht der Mensch in seinen Wandlungen. Für ihre „Psychische Serie“ ließ sie sich von Besuchen bei Wahrsagern inspirieren. Die Bilder verhandeln Zustände. Kopf und Augen treten mitunter kaschiert in Erscheinung. Kerstin Brätsch betont, dass es um den Abstraktionsprozess gehe.
„Mich interessiert die Entmystifizierung von Malerei, gleichzeitig möchte ich, dass das (Quasi-)Bild eine hexenhafte Komik entwickelt.“ Experimentell und spielerisch wirkt das Ergebnis bisweilen, andere Male düster raunend. Fühlt sie sich der schwedischen Pionierin der Abstraktion Hilma af Klint verbunden, deren esoterisch angehauchte Bilder man derzeit ebenfalls im Hamburger Bahnhof besichtigen kann?
„Natürlich verbindet mich was. Wir malen beide auf Papier.“ Ihre farbigen Sonnen wirken wie eine zeitgenössische Fortschreibung. Damit erschöpfen sich aber auch die Gemeinsamkeiten. Die raumgreifende Installation, die Kerstin Brätsch präsentiert, offenbart einen Hang zum Gesamtkunstwerk. „Kann Malerei Körper sein?“, lautet die zentrale Frage, die sie vom Keilrahmen wegtreibt. „Ja, aber nicht allein.“ Es braucht die Interaktion und Kommunikation mit Kollegen. Teamgeist eben.

Text: Andrea Hilgenstock

Fotos: David von Becker

Ausstellung zum Preis der Nationalgalerie für Junge Kunst, ?Hamburger Bahnhof, Invalidenstraße 50-51, Tiergarten, ?Di, Mi, Fr 10–18, Do 10–20, Sa+So 11–18 Uhr, bis 12.1. Am 19.9. ?wird der Gewinner bekannt gegeben

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