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„Daumier ist ungeheuer!“ im Max Liebermann Haus

Daumier_Frau_mit_Kind_c_PrivatsammlungSchlotternde Touristen im Zug mit hochgezogenen Krägen. Draußen regnet es Bindfäden. Überdeutlich steht ihnen das Gefühl des Betrogenseins ins Gesicht geschrieben. Herzhaft gähnt auf einem anderen Blatt der unbeschäftigte Musiker im Orchestergraben, während über ihm die Protagonisten einer Tragödie tüchtig Pathos auffahren. Honorй Daumier ist hierzulande hauptsächlich für seine famosen – meist spottenden, manchmal mitfühlenden – Lithografien berühmt. Davon besaß Max Liebermann stolze 3?000. Und darüber hinaus ein wichtiges Ölbild, das er nach dem Reichstagsbrand 1933 schleunigst ins sichere Ausland transferierte: „Der Maler vor seinem Werk“. Dieses ist nun mit etlichen anderen Ölbildern, Grafiken und Skulpturen Daumiers im Max Liebermann Haus am Brandenburger Tor zu sehen.

Es ist die erste umfassende Schau des „Totalkünstlers“ seit 80 Jahren in Berlin – und es ist schon verblüffend, was die Stiftung Brandenburger Tor weltweit aus Museen und Privatsammlungen zusammengetragen hat. Liebermanns Lobeshymne „Daumier ist ungeheuer! … Wo man ihn packen will, entschwindet er. Er ist als Maler und Zeichner und Lithograf über alle Maßen groß“, muss man uneingeschränkt beipflichten. Neben den genialen Grafiken muten vor allem seine Gemälde ungeheuer modern an. Dies gilt etwa für den großformatigen „Ecce Homo“ aus Essen, der bislang erst ein Mal das Folkwang Museum verlassen hat. Entgegen aller Konventionen erblicken wir Jesus vom Betrachter abgekehrt, ein undeutliches Profil vor fahlem Lichtschein. Eine dichte Menge Schaulustiger verstellt den Bildraum. Im Schmerzensmann hat der Künstler die verratene Republik verbildlicht. Daumiers spindeldürrer Don Quichotte ist ihm Anlass für eine ganze Serie und ebenso Emblem der Epoche wie der bodenlos hangelnde „Mann am Seil“. Ähnlich wie Goya glückt es ihm, Traumängste auszudrücken.

Text: Martina Jammers

Foto: Privatsammlung

tip-Bewertung: Herausragend

Daumier ist ungeheuer! Stiftung Brandenburger Tor, Max Liebermann Haus, Pariser Platz 7, Mitte, Mo, Mi–Fr 10–18 Uhr, Sa+So 11–18 Uhr, bis 2.6.

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