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Dekoloniale Ästhetik

Dekoloniale Ästhetik

Wenn Julia Grosse, Chefredakteurin des 2013 vom Institut für Auslandsbeziehungen (ifa) in Berlin gegründeten Online-Kunstmagazins „Contemporary And“ (C&) Neulingen erklärt, worum es in ihrer Publikation geht, dann kann man bei ihr immer wieder eine Geste beobachten: die in der Luft mit den Fingern angedeuteten Anführungszeichen. „Wir beschäftigen uns mit zeitgenössischer Kunst aus afrikanischen Perspektiven„, sagt Julia Grosse. Schränkt aber sogleich ein, dass man diese Kunst nicht mit dem Begriff – Handzeichen – „afrikanische Kunst“ labeln könne. Schließlich dächten die Künstler, die sie meint, nicht nur global, sondern lebten teils auch gar nicht auf dem afrikanischen Kontinent, auch wenn sie – Handzeichen – „afrikanische Wurzeln“ hätten: „Wir haben einen Fokus – und eben doch keinen.“?Denn was „C&“ auf keinen Fall will: Die Künstler oder ihre Werke – es sind Installationen, Performances, Skulpturen aus unterschiedlichsten Materialien, Malerei, Fotos oder Video-Art – in eine wie auch immer geartete exotische Ecke stellen. „Wir schauen ja nicht darauf, was an dieser Kunst besonders afrikanisch ist“, sagt sie. Stattdessen ginge es ihr und ihren journalistischen Mitstreitern – sie leben rund um den Globus verteilt – um den zeitgenössischen Bezug und natürlich um hohe künstlerische Qualität. Aber eben auch um die afrikanische Perspektive.
In Städten wie Paris, London oder New York, wo die Bevölkerung bereits sehr viel länger global durchmischt ist und der internationale Austausch zum Alltag gehört, ist der Umgang mit zeitgenössischer „black art“ oder der afrikanischen Perspektive deutlich selbstverständlicher. Der Künstler Yinka Shonibare etwa, documenta-Teilnehmer, Turner-Prize-Gewinner und Sohn nigerianischer Eltern, startete seine Karriere von London aus. Bodys Isek Kingelez, ein kongolesischer Bildhauer, der seine Werke unter anderem im Museum of Modern Art, New York, oder bei der Biennale von Sгo Paulo gezeigt hat, fand bereits Ende der 1980er-Jahre in Paris internationale Aufmerksamkeit.
Verglichen mit anderen deutschen Städten erwies sich aber auch Berlin frühzeitig als aufgeschlossen für zeitgenössische globale Kunst. Dafür sorgte nicht nur das 1989 eröffnete Haus der Kulturen der Welt, wo neben Künstlern aus Asien oder Südamerika 1992 auch Bodys Isek Kingelez eine Einzelausstellung hatte. Auch über das Berliner Künstlerprogramm des Deutschen Akademischen Austauschdienstes (DAAD) werden etwa seit der Jahrtausendwende regelmäßig vielversprechende Künstler aus oder mit engen Beziehungen zu Uganda, Benin, Südafrika oder Nigeria eingeladen.  
Dekoloniale ÄsthetikEinen weiteren Schub in Sachen internationaler Anerkennung erfuhr zeitgenössische afrikanische Kunst 2001 aber auch durch die Ausstellung „The Short Century. Independence and Liberation Movements in Africa 1945–1994“ im Martin-Gropius-Bau. Kuratiert von Okwui Enwezor, einem gebürtigen Nigerianer, der 1998 zum Leiter der documenta 11 ernannt wurde und seit 2011 der Direktor des Hauses der Kunst in München ist.
„Es geht um Wissen“, fasst es Bonaveture Soh Bejeng Ndikung, promovierter Biotechniker, Kurator und Gründer des 2009 eröffneten Neuköllner Projektraums SAVVY Contemorary zusammen. Was er damit meint, illustriert die derzeit bei SAVVY laufende Ausstellung „Wir sind alle Berliner 1884–2014“ in anschaulicher Weise: Die Künstler, sie haben senegalesische, deutsche, kamerunische oder portugiesische Wurzeln, beziehen sich in ihren Arbeiten auf die Kongokonferenz 1884/1885 in Berlin. Damals wurde nicht nur der afrikanische Kontinent durch seine Verteilung unter den Kolonisatoren für immer verändert. Auch der Reichtum der westlichen Staaten ist ohne die Ausbeutung Afrikas nicht denkbar. So dokumentiert etwa Theo Eshetu, ein Videokünstler, bei SAVVY den Umzug des Ethnologischen Museums in Dahlem in das neu geschaffene Humboldtforum nach Mitte. Aus afrikanischer Perspektive ist die Sammlung des Museums ziemlich problematisch: Viele der Objekte, darunter wichtige Kultgegenstände, wurden Anfang des vergangenen Jahrhunderts unter äußerst fragwürdigen Umständen von Europäern „erworben“.
Dass dieser Perspektivwechsel nicht nur Erkenntnisgewinn verspricht, sondern auch zu überraschenden ästhetischen Lösungen führt, wird durch das wachsende internationale Interesse an dieser Kunst belegt. So berichten nicht nur alle wichtigen Kunst-Publikationen über die Ausstellungen bei SAVVY Contemporary, auch der Leiter der kommenden documenta 14, Adam Szymczyk, hat sich dort bereits umgeschaut. Und auch Julia Grosse kann einen gewissen Stolz nicht verhehlen, dass ausgerechnet der angolanische Pavillon bei der Biennale in Venedig 2013 den Goldenen Löwen gewonnen hatte: Auf den für den Pavillon maßgeblichen, bis dahin aber weitgehend unbekannten Fotokünstler Edson Chagas hatte ihr Kunstmagazin „C&“ früher als andere aufmerksam gemacht.

Text:
Eva Apraku

Fotos:
Njideka Akunyili Crosby, Samson Kambalu

Aktuelle ?Ausstellungen

savvy contemporary 
Im ehemaligen Umspannwerk in Neukölln ist Platz für konzeptuelle Kunst, Performances und klassische Ausstellungsformate – und für kulturellen Austausch mit der Welt.
Aktuelle Ausstellung: „Wir sind alle Berliner 1884–2014“, Richardstraße 20, Neukölln, Winteröffnungszeiten: Sa–So 16–20 Uhr, bis 28.2., Finissage & Symposium: 26.–28.2.

Galerie Listros
Kunst als Antriebskraft des sozialen Wandels und des interkulturellen Dialogs: So ambitioniert wie das Motto dieser Galerie ist auch das Programm.
Aktuelle Ausstellung: „Out of the Box. Artists Meet Shoeshine Boxes“, Kurfürstenstraße 33, Schöneberg, Di+Mi, Fr 12–16, Do 19–2 Uhr, bis 26.2.

Blain?I?Southern
Londoner Galerie-Ableger mit internationalem Anspruch und Programm.
Aktuelle Ausstellung: „Abdoulaye Konatй“, Potsdamer Straße 77-87, Tiergarten, Di–Sa 11–18 Uhr, 7.2.–18.4.

ifa-galerie
Zeitgenössische Kunst und Design mit Schwerpunkten in Asien, Afrika, Osteuropa und der islamisch geprägten Welt ist hier zu sehen.
Aktuelle Ausstellung: „Klasse Schule – so baut die Welt“, Eröffnung am 5.2. ab 19 Uhr, Linienstraße 139, Mitte, Di–So 14–18 Uhr

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