Ausstellungen

„Der Affe ist ?unser Spiegel“

Anselm Franke

Freude am Nachdenken sollte man für die Ausstellungen im Haus der Kulturen mitbringen, dann sind sie eine wunderbare intellektuelle Anregung. Das gilt auch für die aktuelle Schau „Ape Culture“, die Anselm Franke, Leiter des Bereichs Bildende Kunst und Film im HKW, zusammen mit Hila Peleg kuratiert hat. Der kulturwissenschaftliche Teil der Ausstellung führt in ?16 chronologisch und thematisch geordneten Kapiteln von der Aufklärung in die Jetztzeit. Der zweite Teil versammelt 24 Arbeiten von 16 Künstlern, darunter Lene Berg, Marcus Coates, Coco Fusco, Pierre Huyghe, Louise Lawler, Damiбn Ortega und Rosemarie Trockel, Frederick Wiseman.

tip Anselm Franke, die Ausstellung „Ape Culture“ zeigt sehr viele Filmausschnitte.
Anselm Franke?Ich hatte ursprünglich überlegt, ob ich die ganze Ausstellung nicht aufbauen soll auf „100 Jahre Kino – 100 Jahre Primatologie“. Ich glaube, keine andere Wissenschaft hat so viel gefilmt wie die Primatologie im 20. Jahrhundert.  

tip Es gibt auch Ausschnitte aus Spielfilmen, beispielsweise „Planet der Affen“. Ist der Affe das Lieblingstier des fiktionalen Films?
Anselm Franke Film ist ein animierter Spiegel, der unsere Gefühle unmittelbar affiziert. Deshalb weinen wir im Kino. Meine These wäre, dass der Affe ebenso wie das Kino ein affizierender, animierter Spiegel ist. Er spricht nicht unser rationales Bewusstsein an, sondern unsere Emotionen. Es fasziniert uns, Affen im Film zu sehen, weil sie uns von allen Tieren am meisten ähneln. Wir meinen, in ihnen etwas uns Menschen Imitierendes zu erkennen, aber in einer Verschiebung, und lachen dann darüber, weil es einen Überfluss an Bedeutungen gibt, die nicht mehr stabil sind. Oder aber, und das ist dann das Gegenmodell, der Affe agiert als Monster wie in „King Kong“.  Jetzt sind wir schon mitten

tip in der Ausstellung, die im kulturwissenschaftlichen Teil chronologisch vorgeht. „Ape Culture“ ­beginnt mit der Aufklärung. Warum?
Anselm Franke Weil der Affe sich zu der Zeit als doppelte Grenzfigur etablierte. Einerseits dient er zur Abgrenzung des Kulturbegriffs (Mensch) vom Naturbegriff (Affe). Andererseits kommt es in der Aufklärung dazu, dass im Zuge der modernen Naturwissenschaft die Kontinuität wichtig wird. Eine dieser Kontinuitäten, für die Darwin steht, ist die, dass es keinen theologisch begründeten Bruch zwischen Affe und Mensch gibt, sondern eine Verwandtschaft, das Hervorgehen des einen aus dem anderen.

tip Wie führt die Grenzziehung zwischen ­Kultur und Natur in den Rassismus?
Anselm Franke In der Populärkultur des 19. Jahrhunderts ist der Affe ein Bild der Abgrenzung durch Abwertung. Die kolonialen Vorstellungen sind  ab 1850 massiv präsent, und das hängt eng ?mit dem Aufkommen der Pseudowissenschaft des Rassismus zusammen. Noch heute verbinden sich rassistische Motive mit dem Affenmotiv, man kennt das beispielsweise aus Fußballkontexten.

tip Darwin taucht auch in dem Kapitel der Ausstellung auf, in dem es um Sprachexperimente mit Affen geht.
Anselm Franke Die Frage, ob man Menschenaffen Sprache beibringen kann, hat die Wissenschaftler im 20. Jahrhundert lange beschäftigt. Heute geht es darum, inwiefern es Äquivalente gibt zwischen der menschlichen Sprache und der Kommunikation bei Primaten. Wir haben diese Sektion „Wilde Zeichen“ genannt, weil im Bereich der Sprachforschung bis heute am hartnäckigsten eine Sonderstellung des Menschen verteidigt wird. Auch da war Darwin ein Pionier, der von einer großen Kontinuität der tierischen und der menschlichen Ausdrucksformen bis hin zur Sprache ausgegangen ist. Mittlerweile hat sogar Noam Chomsky, der lange für diese Sonderstellung der menschlichen Sprache argumentiert hat, seine Position geändert. Diese Umwertung findet im Moment massiv statt.

tip Was bedeutet diese Neubewertung?
Anselm Franke Im Kern unserer Auseinandersetzung mit der Kultur der Affen geht es um die menschliche Gesellschaftsordnung.

tip Können Sie das konkretisieren? Vielleicht an der Frage, ob Affen juristische Personen sind.
Anselm Franke Wir haben das Kapitel der Affen als Rechtssubjekt vor allem deshalb in die Ausstellung aufgenommen, um die Frage nach dem Zirkel der Empathie zu stellen. Ein Beispiel für einen kleinen Zirkel der Empathie ist der Stammtisch und dessen Mechanismen des Ausschließens. Unsere Ansichten sind immer Teil eines sozialen Verbandes, dessen Grenzen ständig verhandelt werden müssen. Und unser Begriff für diese Verhandlung ist Politik.  

tip In welcher Verbindung steht der kulturwissenschaftliche Teil der Ausstellung mit dem Teil, der die Kunstwerke zeigt? Für mich war das schwer zu entschlüsseln.
Anselm Franke Der wichtigste Link zwischen diesen beiden Sektionen der Ausstellung ist die Frage nach der Sprache. Wenn die Kunst nicht die Fähigkeit hätte, auch anders als linguistisch zu kommunizieren, dann wäre sie nicht das, was sie ist.

tip Könnten Sie das bitte an einer Arbeit ­erklären?
Anselm Franke Nehmen wir die Videoarbeit „Kopfkino“ von Lene Berg, Dominas sprechen über ihre Arbeit mit den Fantasien ihrer männlichen Klienten. Es geht um die Frage, wie man mit dem Nicht-Sprechbaren des Begehrens so umgeht, dass es doch zu einer Sprache wird. BDSM, das ist eine Sprache eines nicht sprachlichen Komplexes.

tip Und die Affen-Gouachen von Rosemarie Trockel?
Anselm Franke Das sind Arbeiten aus den 80er-Jahren. Sie sollen daran erinnern, dass Rosemarie Trockel als eine der wenigen berühmten Künstlerinnen auf Joseph Beuys’ Satz „Jeder ist ein Künstler“ entgegnet hat: „Jedes Tier ist eine Künstlerin.“ Eine feministische Position, mit der sie die Ausgrenzungsmechanismen des Zirkels der Empathie männlicher Künstler adressiert.  

Interview: Stefanie Dörre

Foto: Harry Schnittger

Haus der Kulturen der Welt
John-Foster-Dulles-Allee 10, Tiergarten, ?Mi–Mo 11–19 Uhr, bis 6.7.

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