Ausstellungen

„Der exzentrische Blick“ in der Sammlung Scharf-Gerstenberg

Toulouse-L.Exzentriker stehen abseits der Mitte und des Mainstream. Sie bewegen sich außerhalb der sozialen Norm und sehen die Dinge anders. Unangepasst, eigensinnig, neugierig und kreativ ist ihr Blick. Wenn sie dazu noch den Pinsel, Stichel oder Zeichenstift führen, dann schaffen sie nicht nur Neues, sondern haben beste Chancen, berühmt und berüchtigt zu werden. Je ätzender und spleeniger, desto besser. Drei solchen, ganz speziellen Künstler-Menschen ist die neue Schau im Marstall des Museums Scharf-Gerstenberg gewidmet. Francisco de Goya, Honorй Daumier und Henri de Toulouse-Lautrec eint und ehrt, dass sie sich nicht nur für die Lichtseiten des Lebens, für Repräsentation und Macht, sondern auch für die Schattenseiten der Gesellschaft interessierten.

In der Druckgrafik fanden ihre bissigen Kommentare zur Realität Ausdruck. Daumier wanderte für seine Karikaturen sogar ins Gefängnis. Nach seiner Entlassung war die Wochenzeitschrift „Caricature“, in der seine satirischen Betrachtungen erschienen, ebenfalls eingestellt. Er durfte im „Charivari“ nur noch Unpolitisches veröffentlichen – in fast 40 Jahren über 2?000 Karikaturen. Auch diese unverfänglichen Werke haben Biss, prägnante Charakterdarstellungen wie „Der singende Geiger“ etwa. Darüber hinaus schuf der 1808 geborene Franzose packende Bronzen. Seine markanten Parlamentarierbüsten von 1831 flankieren die Grafiken in der Schau „Der exzentrische Blick“, sie entstanden ursprünglich als Vorlagen für die Karikaturen. Jahre später karikierte er in der Figur des „Ratapoil“ (Rattenfell) mit verbeultem Zylinder und Schlagstock, die bereit ist, alles niederzuknüppeln, was nicht „Vive l’ Empereur!“ ruft, den bonapartistischen Geist.

Eine Geschichtsstunde darf man in dieser Ausstellung allerdings nicht erwarten. Etwas Hintergrundwissen mitzubringen, ist darum nicht verkehrt. Schließlich begegnet man drei Künstlern dreier Generationen, die in unterschiedlichen Welten lebten, geeint nur durch die Exzentrik ihres außerordentlichen Werkes. Das wird hier vergleichend in zwölf Themenkreisen ausgebreitet. Mutig in der Überzeichnung und mit spitzer Feder beleuchteten die drei Existenzkampf und Arbeit, die Mühlen der Justiz, die Posen auf der Bühne oder die Hingabe der Frauen – andächtig lesend bei Goya, mütterlich stillend bei Daumier und im Bordell an der Seite eines „Wüstlings“ bei Toulouse-Lautrec (Foto: „Die Loge mit dem goldenen Maskaron, 1894). Natürlich darf das Moulin Rouge nicht fehlen, wo jener 1899 der Tänzerin „Jane Avril“ begegnete, die nie ohne Hut auftrat – ein beliebtes Plakatmotiv bis heute.

In der Ausstellung kann man Schein und Sein studieren anhand von schwarz-weißen und farbigen Drucken, aber auch einzelnen Gemälden und zahlreichen Skulpturen. In der ungewohnten Nachbarschaft der Exzentriker werden Parallelen wie Unterschiede in ihrem Werk anschaulich. Alle waren auf ihre Weise Meister der Groteske, „das seltsame Verhältnis von Individuum und gesellschaftlicher Norm“ im Blick, wie Kuratorin Kyllikki Zacharias berichtet. Alle drei Künstler lebten in sozialen Umbruchsphasen und nahmen die Perspektive des Außenseiters ein, sie gehörten selbst zum Rande der Gesellschaft oder sympathisierten mit den Nonkonformisten. Als genaue, kritische und humoristische Beobachter wollten sie wissen, wie es dem einzelnen Bürger ergeht – dem „blinden Sänger“ 1778 auf der Straße, den Goya ins Bild rückte, oder auch den „Grandes Dames“ des Pariser Nachtlebens.

Dort trieb sich der hinkende Alkoholiker und Syphilitiker Toulouse-Lautrec herum, der als Sohn eines Grafen in adligen Verhältnissen gestartet war, bevor er dem großstädtischen Amüsierbetrieb und der Halbwelt verfiel. Ein Glück für die Nachwelt, die seine Bühnen-Darstellungen liebt. Auf dem absteigenden Ast, landete er 1899 zeitweilig im Irrenhaus. Bei Goya war die Entwicklung umgekehrt. Der Sohn eines kleinen Vergolders wurde zum Hofmaler. Neben seinen „Caprichos“ zählen die Stierkampfszenen von Bordeaux, die er 1825, kurz vor seinem Tod, erstmals in der neuen Technik der Lithografie fertigte, zu den Höhepunkten der Schau. Ihr eigentlicher Anlass ist die Erinnerung an Otto Gerstenberg, den Sammler, der dies alles zusammentrug. Der 1848 geborene Berliner Versicherungsdirektor besaß eine legendäre Kollektion. Max Liebermann bezeichnete sie 1921 gar als „die bei weitem wichtigste Sammlung moderner Malerei“ in Deutschland. Gerstenberg sammelte Alte Meister, die Impressionisten seiner Zeit und eben auch Arbeiten auf Papier. Von den über 2?200 Werken des 1935 verstorbenen Kunstfreundes ist nur noch ein Viertel in Familienbesitz. Vieles ging im Krieg verloren oder hängt heute, außer in Berlin, in internationalen Sammlungen und als Beutekunst in Russland.

Dieter Scharf (1926-2001) bewahrte die Sammlung seines Großvaters zusammen mit seinem Bruder Walther und setzte sie fort. Er konzentrierte sich wie später seine Tochter Julietta auf den Surrealismus, seine Vorläufer und Nachfolger. Den von Piranesi, Goya bis über Max Ernst hinausreichenden „surrealen Welten“ ist die ständige Sammlung Scharf-Gerstenberg im 2008 eröffneten Museum gewidmet. Nun hat Gerstenbergs Urenkelin, Julietta Scharf, eine 728 Seiten starke Publikation herausgegeben, die die „Historische Sammlung Otto Gerstenberg“ erstmals rekonstruiert. Dieses Buch gab den Anstoß für die aktuelle Sonderausstellung.

Text: Andrea Hilgenstock

Foto: Staatliche Museen zu Berlin, Hans-Joachim Wuthenow    

Der exzentrische Blick Sammlung Scharf-Gerstenberg, Schloßstraße 70, Charlottenburg, Di–So 10–18 Uhr, 3.11.–17.2.2013. „Die historische Sammlung Otto Gerstenberg“, hrsg. von Julietta Scharf, erscheint im Hatje Cantz Verlag, 98 Euro

 

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