Ausstellungen

Der Kult des Künstlers im Ägyptischen Museum Berlin

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Was haben die nervösen und spindeldürren Statuetten des Bild­­hauers Alberto Giacometti zu tun mit den blockhaften Sitz- und Schreitfiguren der altägyptischen Kunst? Und was die expressiven, vielfach vibrierenden Bildnisse seiner Frau Annette mit den hie­ratisch dreinschauenden Köpfen eines Echnaton oder einer Nofretete? Auf den ersten Blick verblüfft selbst den Giacometti-Liebhaber diese un­konventionelle Ko­a­­­lition des unablässig kläubelnden Modelleurs – der Sartre und Beauvoir miniaturhaft porträtierte und dessen fadendünne Schrei­tende zu Ikonen der Unbehaustheit des modernen Menschen avancierten – mit den auf Ewigkeit abgestellten Darstellungen der Schreiberlinge und Pha­rao­nen aus dem Land der Pyramiden. Herausgekommen ist aber eine der originellsten Ausstellungen im sich über den gesamten Okto­ber hinprasselnden Dauerfeuerwerk „Der Kult des Künstlers“ zum Abschied des Museumsgenerals Peter-Klaus Schuster.

Eines steht fest: Etwas Kulthaftes ist zweifellos beiden Sphären eigen, etwas dem Irdischen Ent­rück­tes, das zur Anbetungswürdigkeit verleitet. Mit Aplomb schrei­ten die überlängten Figurinen des 1901 im Schweizer Bergelltal geborenen Giacometti in den Raum. Ebenso selbstverständlich nehmen die mys­tisch aufgeladenen Skulpturen des alten Ägypten mit ihren tiefen Blicken nicht allein unsere Aufmerksamkeit in Beschlag, sondern sind das, was man gemein­hin „raumgreifend“ nennt. „Viel zu wenig haben die Kunsthistoriker bislang die Zusammenhänge zwischen altägyptischer Kunst und der Moderne erkannt und herausge­arbeitet“, resümiert Dietrich Wildung, Direktor des Berliner Ägyptischen Museums. Anlässlich der Bremer Paula-Modersohn-Becker-Retrospektive im vergangenen Jahr konnte Wildung in einer Studie hier eine Fülle von verblüffenden Bezügen herstellen: Er spannt den Bogen von Paulas eindringlicher Verarbeitung ägyptischer Mumien­porträts über Ernst Ludwig Kirchners Zeichnungen nach koptischen Stoffmustern und Paul Klees nachhaltiger Auswertung seiner Ägyptenreise (idealerweise kann deren zentraler Niederschlag im Gemälde „Hauptweg und Nebenwege“ in der Berliner Kult-Sektion „Klee“ überprüft werden) bis hin zu den virtuellen Käfigkonstruktionen in den Papstporträts Francis Bacons, der sich mehrfach enthusiastisch auf die antike Kunst im Land am Nil beruft.

Keiner aber hat sich derart intensiv mit den Zeugnissen der alten Ägypter auseinandergesetzt wie Alberto Giacometti. In über 100 Zeichnungen hat er die Köpfe und Statuen fixiert, hat diese unermüdlich umkreist mit seinen nervösen Linienbündeln. Dietrich Wildung erinnern sie an die Schichtaufnahmen heutiger Computertomogramme, die das Subkutane unter der Oberfläche offenbaren: nämlich die Struktur. Jenseits der Ikonografie zog Giacometti das ägyptische Faible für klare Formen, der besondere Umgang mit dem Raum, geradezu magisch an. Und dies zeitlebens, wie Christian Klemm von der Zürcher Giacometti-Stiftung, neben Wildung der zweite Ausstellungskurator, in seinem „ägyptischen Lebenslauf“ des Schweizer Bildhauers belegen kann.

Text: Martina Jammers

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Den vollständigen Texte finden Sie in tip 22/08

Der Kult des Künstlers: Giacometti
Altes Museum, Ägyptisches Museum
und Papyrussammlung,
Museumsinsel, Lustgarten, Mitte,
Fr-Mi 10-18 Uhr, Do 10-22 Uhr,
29.10.2008 bis 1.3.2009

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