Ausstellungen

Der Kunst-Sommer 2012

Koch-Otte_c_Klassik_Stiftung_Weimar_Bauhaus-Archiv_Berlin_Foto_Markus_Hawlik„Ich war 3 Tage in Berlin. (…) Es ist nicht fröhlich, diese Versammlung der Gestrandeten, aber man tut gut, sich nicht ganz zu verlieren. Die meisten kämen gern mit nach Bethel.“ Als Benita Koch-Otte dies 1935 an eine Freundin schrieb, leitete die einstige Bauhäuslerin seit einem Jahr die Weberei an den Bodelschwinghschen Anstalten in Bethel bei Bielefeld, die ihr zunächst „zu fromm“ erschienen. Doch schon wenige Monate nach Hitlers Machtergreifung hatten die Nazis sie und elf weitere Lehrer von der Kunstgewerbeschule Burg Giebichenstein bei Halle geschasst; „aus Sparsamkeitsgründen“ lautete die fadenscheinige Begründung. Faktisch war es für die 1892 in Stuttgart geborene Koch-Otte unter den braunen Horden „unleidlich“ geworden, stand sie doch unter Generalverdacht: „Und Bauhaus gewesen zu sein, ist eine furchtbare Verdächtigung – an so was geht keiner mehr dran.“ Ein schales Fazit für eine der größten Begabungen der aufgelösten Kaderschmiede, der Gropius attestierte, dass „benita koch-otte zu den best ausgebildeten persönlichkeiten gehört, die fähig sind, leitende stellen in der textil-industrie (…) zu übernehmen“.

Aus ihren Entwürfen und Briefen erfährt man eine Menge über das Leben am Bauhaus wie an der Kunstgewerbeschule Giebichenstein. Dass sie sehr wohl um ihre Bedeutung wusste, lässt sich daran ablesen, dass sie 1937 den bekannten Fotografen Albert Renger-Patzsch beauftragte, ihre Betheler Weberei aufzunehmen. Die Fotoserie gewährt einen guten Eindruck davon, was Koch-Otte in den ersten drei Jahren organisatorisch und künstlerisch zustande gebracht hat. Mutmaßlich schon im gleichen Jahr musste die Künstlerin jedoch wider ihren Willen politische Konzessionen machen: Sie webte einen Teppich mit Reichsadler, Eichenkranz und Hakenkreuz für das Trau- und Sitzungszimmer der Gemeinde Gadderbaum bei Bielefeld. Im Bauhaus-Archiv lässt sich Walter Gropius’ Riesenlob nun überprüfen. Unverdientermaßen fokussierte sich bisher die Auseinandersetzung mit Weberinnen am Bauhaus auf Gunta Stölzl. Doch ihre Freundin Benita Koch-Otte ist ihr absolut ebenbürtig. Lemonenfarbene Klötzchen und Balken gehen einen aparten Farbenklang ein mit Graublau und Nougatbraun. Die kleinteiligen Musterungen wie auch ihre fast immer abgetönten, nicht von Primärfarben bestimmten Palette verweigern sich dem, was das Publikum als ‚typische Bauhaus-Arbeiten‘ ansieht.

Knüpfproben demonstrieren, wie die Künstlerin allmählich aus dem quadratischen Grundraster ihre eigene Formensprache findet. Die Binnenstruktur mutiert von der anfangs geometrisch exakten Musterung zu einer immer diffuseren, Konturen verwischenden Optik. Ihr Gespür für aparte Farb- und Formsymphonien ist atemberaubend. Die Produktpalette reicht von handgeknüpften Smyrna-Teppichen über Bade- und Kinderteppiche bis zu Tischdecken und Kissen aus Perlgarn sowie zu feinen Kleiderstoffen aus Seide oder Mohair sowie Schals. Ein Höhepunkt der Ausstellung ist ihr wohl bekanntestes Stück: der 1923 gewebte Gobelin-Teppich für ein Kinderzimmer: Blaugelbe Schachbrettmuster wechseln sich ab mit Treppen und Zacken, ohne dass dadurch die beruhigende Klarheit preisgegeben wird. Ihre größte Arbeit jedoch, der 315 mal 315 Zentimeter große Zackenteppich für das Direktorenzimmer im Weimarer Bauhaus, scheint bedauerlicherweise verschollen.

Text: Martina Jammers

Foto: Klassik Stiftung / Weimar Bauhaus-Archiv Berlin / Foto Markus Hawlik

Die Bauhäuslerin Benita Koch-Otte. Textilgestaltung und Freie Kunst 1920–1933 Bauhaus Archiv, Klingelhöferstraße 14, Tiergarten, Mi–Mo 10–17 Uhr, 20.6.–27.8.

TERMINE:

Festivals und Messen

September:

Berlin Art Week
Politiker und Galeristen haben sich zusammengeschlossen und die Berlin Art Week ins Leben gerufen. So bekommt der Kunstrummel im Herbst einen neuen Namen. Neben Kunstmessen wie der abc – art berlin contemporary, dem kollektiven Ausstellungsprojekt wichtiger Berliner Galerien ist auch die Preview Art Fair beteiligt. Die Kunstmessen, einst als Satelliten zum Art Forum gedacht, ermöglichen seit mehreren Jahren kleinen, mittleren aber auch bereits etablierten Galerien aus aller Welt, in die Öffentlichkeit zu treten. Ab sofort sind auch Institutionen wie die Neue Nationalgalerie, Hamburger Bahnhof, NBK, NGBK und KW Institute for Contemporary Art beteiligt und hoffen auf zusätzliche Besucherströme. Zudem ist davon auszugehen, dass jenseits des offiziellen Programms der Berlin Art Week auch weitere Institutionen, Galerien und Messen sich in dieser Woche präsentieren dürften. Berlin: Kunststadt total!
11.-16.9.

Ausstellungen

Juni:

Diane Arbus
Unverfälscht, eindringlich, schockierend und revolutionär sind die Aufnahmen der New Yorker Fotografin, die zu den Größen ihrer Zunft gehört. Oft arbeitete Arbus in ihrer Heimatstadt und lichtete Passanten ab: Paare, Kinder, Artisten, Transvestiten oder Exzentriker.
22.6.–23.9., Martin-Gropius-Bau

Jenseits des Horizonts
Die Welt beobachten, sich anpassen und Dinge nach den eigenen Bedürfnissen formen. Die Ausstellung widmet sich dem Wissensdrang in der Antike. Mehr als 400 Objekte spannen ein Panorama über Götterreisen, Körper- und Seelenräume und Flüche und Orakel.
22.6.–30.9., Pergamonmuseum

Eleganz und raue Sitten – Cornelis Bega
Bauern in zwielichtigen Kaschemmen, Paare beim Musizieren und Familienszenen – der Maler Cornelis Bega gilt als Meister der niederländischen Genremalerei, die im 17. Jahrhundert ihre Blütezeit erlebte.
29.6.–30.9., Gemäldegalerie

Reise nach Jerusalem
Acht Positionen zwischen Religion, Tradition und Tabu. Berliner Künstler setzen sich in der Gruppenausstellung mit Geboten und Verboten ihrer religiösen Tradition auseinander.
30.6.–19.8., Kunstraum Kreuzberg

Juli:

Paul McCarthy: The Box
Die gigantischen, oftmals sexuell provokanten Pop-Skulpturen von Schnecken oder Zwergen des amerikanischen Künstlers erinnern ein wenig an Arbeiten von Jeff Koons und erzielen ebenso hohe Preise auf dem Kunstmarkt. McCarthys Werk, das u.?a. in der Tate Modern und im Münchener Haus der Kunst zu sehen war, umfasst zudem Zeichnungen, Filme und Installationen. Zudem ist der 1945 in Utah geborene Künstler, der heute in Los Angeles lebt, als Performancekünstler aktiv.
5.7.–15.10., Neue National­galerie

Gabriel Orozco
Der aus Mexiko stammende Künstler Gabriel Orozco wird für seine Ausstellung „Asterisms“ aufeinander bezogene skulpturale und fotografische Installationen aus Müll schaffen. Das Material hat er zuvor an zwei Orten gesammelt – auf einem Spielplatz in New York und in einer unter Schutz stehenden Biosphäre an der Küste Mexikos.
6.7.–21.10., Dt. Guggenheim

Sylt – 23 fotografische Positionen
Die Insel der Schönen und der Reichen, oft besungen, in Filmen geehrt und von Fotografen bereist. Die Gruppenausstellung bringt eine Vielzahl von Motiven zusammen, die der Aura der Nordseeinsel nachspüren.
6.7.–2.9., Willy-Brandt-Haus

Die Irren sind los … Fluxus-Ereignisse in Europa 1962–1977
Anlässlich des 50. Geburtstags der Fluxus-Bewegung untersuchen die Kuratoren die Ideen, Ideologien und Aktionen jener Zeit, als die Fluxus-Künstler mit schockierenden und verstörenden Handlungen für Entrüstung beim Kunstpublikum sorgten.
13.7.–12.8., Akademie der Künste (Hanseatenweg)

August:

BIOS – Konzepte des Lebens in der zeitgenössischen Skulptur
Das Verständnis vom Leben und der Formbarkeit des Lebendigen hat sich in den letzten zwanzig Jahren durch bahnbrechende neue Erkenntnisse in der Gentechnik und Mikrobiologie grundlegend verändert. Die Ausstellung zeigt deutsche und internationale Künstler, die mit den klassischen Mitteln der Skulptur und der Installation die veränderten biologischen Konzepte reflektieren.
26.8.–11.11., Georg Kolbe Muse­um

Mythos Olympia – Kult und Spiele
Das künstlerische Rahmenprogramm zu den Olympischen Spielen in London erweitert den Blick auf die Welt des Sports und verleiht dieser eine historische Dimension. Anhand von Artefakten aus aller Welt vermittelt die Schau ein faszinierendes Bild der sportlichen Festivitäten aus einer Ära, als die Spiele noch unberührt waren von unschönen Dingen wie Doping, Korruption und Kommerz.
31.8.–7.1., Martin-Gropius-Bau

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