Interview

Marx im Deutschen Historischen Museum: Das sagt die Kuratorin

Wir sprechen mit Sabine Kritter, der Kuratorin der neuen Ausstellung „Karl Marx und der Kapitalismus“ im Deutschen Historischen Museum in Berlin. Dabei geht es nicht nur um Themen wie Marx und Antisemitismus und wie man ihn auf die heutige Zeit beziehen kann. Sondern auch um einige der weniger bekannten Facetten des Vaters von „Das Kapital“ – und anderem sein Interesse an Ökologie und der Nutzung von Pinguninkot zur Düngung.

„Karl Marx und der Kapitalismus“ sind Thema im Deutschen Historischen Museum. Das Bild zeigt die Bronzeplastik von Marx und Friedrich Engels auf dem Marx-Engels-Forum in Berlin. Foto: Imago/Steinach

Ausstellung ist „kein biografischer Überblick über das Leben von Marx“

tipBerlin Das große Marx-Jahr war 2018, als wir das das Jubiläum zum seinem 200. Geburtstag feierten. Die naheliegende Frage ist also: Warum Marx, warum jetzt?

Sabine Kritter Sie haben Recht, es ist kein Jahrestag, und die Ausstellung ist kein biografischer Überblick über das Leben von Marx. Vielmehr geht es uns um unterschiedliche Perspektiven auf den Kapitalismus im 19. Jahrhundert. Außerdem planen wir im April eine Ausstellung über Richard Wagner. In diesem Jahr befassen wir uns also mit zwei deutschen Persönlichkeiten und der Art und Weise, wie sie mit den massiven wirtschaftlichen, sozialen und kulturellen Veränderungen in ihrer Zeit umgingen. Interessanterweise entwickelten sich die Theorien von Marx mit den historischen Situationen, mit denen er konfrontiert war, und wir denken, dass es einige Parallelen zwischen unserer Zeit und den radikalen Veränderungen im 19. Jahrhundert gibt.

tipBerlin Sie sehen also Ähnlichkeiten zwischen den frühen Phasen des Kapitalismus, die Marx kannte und kritisierte, und dem digitalisierten Zeitalter des Kapitalismus, in dem wir heute leben?

Kritter Ja, nehmen wir zum Beispiel die enormen Veränderungen, die die Digitalisierung mit sich bringt. Etwas Ähnliches geschah im 19. Jahrhundert, als die Einführung von Maschinen die Art und Weise, wie die Menschen lebten und arbeiteten, radikal veränderte. Sie veränderte das Verhältnis zwischen Mensch und Arbeit, warf aber auch viele Fragen über das Verhältnis zwischen Mensch und Maschine auf, so wie es heute die Künstliche Intelligenz tut. Wer hat letztlich die Kontrolle? Sind es die Menschen oder sind es die Maschinen? Sie sehen, es sind ähnliche Diskussionen.

Karl Marx und Ökologie: Ein Blick für den Planeten

tipBerlin Überraschenderweise haben Sie in der Ausstellung einen Abschnitt über Natur und Ökologie. Hatte Marx viel über Umweltfragen zu sagen?

Kritter Eigentlich mehr, als man denken würde. Weniger bekannt ist, dass Marx sich auch mit ökologischen Fragen beschäftigte. Er war ein früher Befürworter von Pinguinkot oder Guano (einkörniges Pulver aus Exkremente von Seevögeln, Anm.d.R.) als Mittel zur Düngung des Bodens. Sein Hauptanliegen war es, die von Malthus (britischer Ökonom, Anm.d.R.) aufgeworfene Herausforderung zu lösen – wie man eine exponentiell wachsende Bevölkerung bei begrenzter Verfügbarkeit von Nahrungsmitteln ernähren kann. Er beschäftigte sich eingehend mit der chemischen Analyse des Potenzials von Guano. Schließlich kam er jedoch zu dem Schluss, dass Guano kein so perfektes Düngemittel ist und dass die intensive Ausbeutung des Bodens ihre Grenzen hat. Marx glaubte, dass die Ausbeutung der Arbeiter und der Natur Hand in Hand gehen. Ich mag ein Zitat von ihm, in dem er sagt: „Selbst eine ganze Gesellschaft, eine Nation, ja alle gleichzeitigen Gesellschaften zusammengenommen sind nicht Eigentümer der Erde. Sie sind nur ihre Besitzer, ihre Nutznießer, und haben sie als boni patres familias den nachfolgenden Generationen verbessert zu hinterlassen.“

tipBerlin Doch neben seiner Kritik an der gierigen Ausbeutung der natürlichen Ressourcen durch den Kapitalismus war Marx auch ein großer Befürworter der modernen Technologie, die die Zerstörung unseres Planeten beschleunigen sollte. Er war fasziniert von all diesen neuen Maschinen…

Kritter Ja, er hielt es für einen großen Fortschritt, dass der Kapitalismus so viel mehr produzieren konnte. Er war fasziniert von all diesen Maschinen, die, wie die Dampfmaschinen, viel Kohle verbrauchten und die Atmosphäre verschmutzten. Natürlich würde ich ihn nach heutigen Maßstäben nicht als Umweltaktivisten bezeichnen, aber er wies auf den systematischen Raubbau an den natürlichen Ressourcen hin und kritisierte ihn. Er kritisierte auch den privaten Besitz von Wäldern, der zu deren Ausbeutung und Zerstörung aus Profitgründen führte.

Karl Marx: Zuerst die Arbeiter, dann die Frauen

tipBerlin Marx war vielleicht ein bisschen „grün“, aber Sie würden ihn nicht als Feministen bezeichnen, oder? Er kämpfte für die Emanzipation der Arbeiter, aber er war nie an der Emanzipation der Frauen interessiert. Was sind seine Position wenn es um die Rechte der Frauen geht?

Kritter Grundsätzlich war Marx der Meinung, dass es ohne die Emanzipation der Frauen keine wirkliche Emanzipation der Arbeiter und der Gesellschaft im Allgemeinen geben sollte. Das findet man zum Beispiel in einem Brief an Ludwig Kugelmann. Es war eine sehr fortschrittliche Position, aber es ging ihm vor allem um die Arbeitsbedingungen der Frauen. Auch in Das Kapital hat er die Ausbeutung der weiblichen Arbeitskräfte scharf kritisiert.

Das Logo der Ausstellung zu Karl Marx im Deutschen Historischen Museum. Foto: DHM

tipBerlin In der Zwischenzeit führte er einen recht konservativen bürgerlichen Lebensstil, wobei seine Frau Jenny (geb. von Westphalen) die Rollen der Mutter, Hausfrau, persönliche Assistentinübernahm…

Kritter Ganz genau. Jenny ist aus ihrem provinziellen, aristokratischen Milieu geflohen, um Marx zu heiraten, einen Mann, der unter ihrem Klassenstand steht. Sie wollte dem langweiligen Trier und dem Schicksal der Frauen ihrer Klasse entkommen. Für eine Frau der damaligen Zeit hatte sie eine aktive Rolle, einschließlich eigener politischer Positionen, aber ja, als Frau Marx führte sie ein typisches Eheleben, kümmerte sich um die Kinder und den Haushalt. Währenddessen diskutierte sie die Texte ihres Mannes mit ihm und schrieb sie für ihn ab. Einige ihrer eigenen Ideen flossen in sein Werk ein. Außerdem war ihr Englisch besser als seins, und als sie nach London zogen, half sie ihm viel bei den englischen Texten.

tipBerlin In der Ausstellung haben Sie einen fiktiven Dialog zwischen einer der außergewöhnlichsten marxistischen Feministinnen der 1870er Jahre, Victoria Woodhull (die 1872 die erste Zeitung gründete, die das Kommunistische Manifest in englischer Sprache druckte), und Marx selbst inszeniert – können Sie dazu mehr sagen?

Kritter Ja, im Kontext der Ersten Internationale stellte er sich gegen jemanden wie Victoria Woodhull, die als erste Frau für die Präsidentschaft in den USA kandidierte (zu einer Zeit, als Frauen noch nicht wählen durften) und für das Frauenwahlrecht kämpfte. Für Marx war die Arbeiterfrage vorrangig und musste zuerst gelöst werden. Er kritisierte Woodhull und ihre New Yorker Sektion der „Internationale Arbeiterassoziation“ dafür, dass sie das Wahlrecht für Frauen in den Vordergrund rückten, Victoria Woodhull trat auch offen für die sexuelle Befreiung der Frauen ein, und das konnte Marx nicht verstehen, dass freie Liebe Teil einer Arbeiterbewegung sein konnte. Dann umfasst der Konflikt zwischen ihnen die Arbeiterbewegung insgesamt. Sollte sich eine Arbeiterbewegung nur mit Arbeiterfragen befassen oder auch mit Themen wie sexueller Befreiung und Frauenwahlrecht? Dies war Teil des Konflikts, und er endete damit, dass Woodhull und die New Yorker Sektion 1872 von der Ersten Internationale ausgeschlossen wurden.

Plakat der Occupy-Bewegung mit Porträt von Karl Marx
vom Designer Azlan McLennan, 2008 Foto: Azlan McLennan, Melbourne/Australien

Marx und Antisemitismus

tipBerlin Der Aufsatz „Über die Judenfrage“, den Marx als 25-jähriger Enkel zweier Rabbiner schrieb, brachte ihm den Ruf ein, ein „selbsthassender Jude“ zu sein. Werfen Sie auch auf dieses Thema ein anderes Licht?

Kritter Marx wuchs in einer jüdischen Familie auf, die zum Protestantismus konvertierte. Sein Vater tat das, als ihre Heimatstadt Trier von der liberalen französischen Herrschaft zu Preußen überging. Er musste dies tun, um weiterhin als Anwalt praktizieren zu können. Marx selbst wurde lutherisch getauft, war aber sein ganzes Leben lang Atheist. Er schrieb 1843 die Schrift „Zur Judenfrage“. Darin sprach er sich für die Emanzipation der Juden aus.

tipBerlin Aber es gab auch ziemlich verächtende Teile, die antisemitische Stereotypen verstärkten. Ein Beispiel ist die Charakterisierung von Juden als Inbegriff geldgieriger Kapitalisten.

Kritter Dies ist der zweite Teil, in dem er im Wesentlichen ziemlich typische antisemitische Stereotypen seiner Zeit reproduziert, in denen Juden als gierig und egoistisch dargestellt werden. Für ihn sind diese „jüdischen Prinzipien“ zu den vorherrschenden Prinzipien der modernen, kapitalistischen, christlichen Gesellschaft geworden. Dies ist Teil seiner Kritik am Finanzkapital. Dies ist in den 1840er Jahren, als Marx noch nicht mit der Analyse der kapitalistischen Produktion begonnen hatte und sich auf die Finanzsphäre konzentrierte.

tipBerlin Würden Sie sagen, dass Marx ein Antisemit war?

Kritter Die Argumente, die er verwendet, sind antisemitische Stereotypen, die unter den Sozialisten seiner Zeit üblich waren. Er hat sie nicht hinterfragt. Wichtig ist, dass Marx in den 1850er Jahren, als er anfängt, sich eingehend mit der kapitalistischen Wirtschaft zu beschäftigen – und dass die Finanzsphäre ein Aspekt ist, zusammen mit der Produktion – nicht mehr auf diese Stereotypen zurückkommt. Es ist wichtig zu sehen, dass sie Teil einer Analyse des Finanzkapitals sind, die später verschwindet.

„Das Kapital“, persönliches Exemplar von Karl Marx mit handschriftlichen Anmerkungen
Verlag von Otto Meissner Hamburg, 1867 Foto: International Institute of Social History, Amsterdam

tipBerlin Haben Sie bei der Zusammenstellung dieser Ausstellung etwas Neues über Marx entdeckt?

Kritter Neu für mich war, dass Marx sich mit ökologischen Fragen beschäftigt hat. Interessant fand ich auch, dass Marx aktiv Gewerkschaften unterstützt hat, um sich gegen die Chefs zu wehren. Er hat also nicht immer die Revolution befürwortet, sondern sich in konkreten Kämpfen engagiert, um die Arbeits- und Lebensbedingungen hier und jetzt zu verbessern. Er war der Meinung, dass die Arbeiter nicht mehr als sechs Stunden am Tag arbeiten sollten – andererseits sagte er, dass der Kampf für kürzere Arbeitszeiten dem Kampf der Sklaven für mehr Essen gleichkommt! Für Marx gibt es also verschiedene Ansätze und Strategien, die vom historischen Moment abhängen. Oft kennt man Marx als revolutionären Kommunisten, nicht unbedingt als Gewerkschafter.

tipBerlin Sehen Sie in einem Land wie Deutschland, in dem die Erfahrungen mit der DDR, aber auch mit dem linksextremen Terrorismus der 1970er Jahre in Westdeutschland, zu einer Diskreditierung des Marxismus beigetragen haben, eine Wiederbelebung von Marx, insbesondere bei den jüngeren Generationen?

Kritter Ich denke, die Finanz- und Wirtschaftskrise 2007/08 hat viel daran geändert, wie Marx in den Sozialwissenschaften und in öffentlichen oder politischen Debatten behandelt wird. Sogar innerhalb der politischen Bewegungen. Viele der Dinge, die die Menschen für sicher hielten – dass der Kapitalismus der freien Marktwirtschaft uns für immer Sicherheit und materiellen Komfort geben würde – diese Gewissheiten wurden erschüttert. In den Jahren nach der Krise kehrten viele zu Marx zurück. Selbst liberale Ökonomen wie Hans-Werner Sinn sagten, dass Marx in bestimmten Aspekten des Umgangs mit kapitalistischen Krisen Recht hatte.

In den Sozialwissenschaften, aber auch in der Philosophie, gibt es mehr Debatten über marxistische Ideen, insbesondere über das Konzept der Entfremdung, und in den vergangenen zehn Jahren wurden viele Bücher über Soziologie veröffentlicht. Das gilt vor allem für die jüngeren Generationen, und das wird sichtbar. Das zeigt die IPSOS-Umfrage, die im vergangenen Sommer für das Deutsche Historische Museum durchgeführt wurde: Auf die Frage, ob sie die Marx’sche Kapitalismuskritik heute für relevant halten, antwortete eine Mehrheit der 16- bis 22-Jährigen, dass dies der Fall sei, und dasselbe gilt für die Generation ihrer Großeltern im Alter von 55 bis 65 Jahren. Man kann also sagen, dass nach zwei Generationen das Interesse an Marx wieder da ist.

tipBerlin Wenn Marx heute auftauchen würde, was würden Sie ihn fragen?

Kritter Ich würde ihn fragen, was er darüber denkt, was aus seinen Ideen gemacht wurde, insbesondere in sozialistischen Ländern.

Das Interview wurde auf Englisch für unser Magazin exberliner geführt und ins Deutsche übersetzt.

Zur Person

Sabine Kritter ist die Kuratorin der Ausstellung „Karl Marx und der Kapitalismus“. Geboren 1975, kam sie 2020 an das Deutsche Historische Museum in Berlin, nachdem sie Ausstellungen in den Gedenkstätten Ravensbrück, Wewelsburg und Sachsenhausen mitkuratiert hatte.

  • Deutsches Historisches Museum, Unter den Linden 2, Mitte, 10.2.–21.8., tägl. 10–18 Uhr, 8/ 4 €, Infos und Tickets hier

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