Ausstellungen

Die Ausstellung „Homosexualität_en“ im DHM und Schwulen Museum

Die Ausstellung

Dokument weiblicher Selbst­ermächtigung: Walpurgis in Berlin, 1983. Foto von Petra Gall

Sensation in Berlin – Mega-Ausstellung zur Homo-Geschichte“, jubelt „L.Mag“, das „Magazin für Lesben“, auf der Titelseite seiner aktuellen Mai-Juni-Ausgabe 2015. Und bewirbt den entsprechenden Print-Beitrag auf seiner Homepage mit den Worten: „Das Deutsche Historische Museum in Berlin schreibt Geschichte. Erstmals kommt die Geschichte von Homosexuellen in eines der bedeutendsten Museen Deutschlands.“ Und auch die Zeitschrift „Siegessäule“ („We Are Queer Berlin“) kennt in ihrer Begeisterung kaum Grenzen. Sie nennt die Ausstellung – lange vor deren Eröffnung am 26. Juni – auf ihrer Titelseite unbesehen bereits „epochal“.
Tatsächlich gibt es gute Gründe, anzunehmen, dass die queere Szene mit „Homosexualität_en“ – so der Name der Schau – keine massive Enttäuschung erleben wird. Die Aus­stellungsmacher werden kaum mit überkommenen Klischees jonglieren, vergangene und aktuelle Diskriminierungen verharmlosen beziehungsweise verschweigen oder ins­gesamt zu prüde sein: Laut Caroline Ausserer, Pressesprecherin des Schwulen Museums, ging die Initiative zu der Präsentation von der Szene selbst aus – dem Schwulen Museum. Dessen Vorstandsmitglied Dr. Birgit Bosold ist nicht nur eine aus dem dreiköpfigen Kuratorenteam von „Homosexualität_en“. Als Finanz­expertin hat sie auch maßgebliche Geldgeber, die Kultur­stiftung des Bundes und die Kulturstiftung der Länder, an Bord geholt. Insgesamt 960?000 Euro ist den Förderern die Schau wert.
Die Ausstellung

„Hommage to Benglis“, Foto von Heather Cassils

Mit diesem Voranpreschen knüpft „Homosexualität_en“ auch an die Entstehungs­geschichte des Schwulen Museums an. Es waren die drei schwulen Studenten Andreas Sternweiler, Wolfgang Theis und Manfred Baumgardt, die Anfang der 1980er-Jahre erst als Museums­aufsichten im Berlin Museum – heute sitzt dort das Jüdische Museum – jobbten. Und dann den damaligen Direktor im Mai 1984 zu einem mutigen Schritt anregten: Die dort gezeigte Schau „Eldorado – Geschichte, Alltag und Kultur homosexueller Frauen und Männer in Berlin 1850–1950“ galt als „erste Schwulen­ausstellung in einem staatlichen Museum“ („Die Berliner Literaturkritik“). Sternweiler, Baumgart und Theis – inzwischen haben sie sich als Kunst­historiker, Politologe sowie Filmwissenschaftler und Ausstellungsmacher etabliert – waren maßgeblich an der Schau beteiligt. Und gehörten 1985 zu den Gründern des Schwulen Museums, für das „Eldorado“ den Start­schuss lieferte.
Rund 30 Jahre, einen schwulen Berliner Bürgermeister und zahlreiche bekennende Lesben und Schwule in Politik, Wirtschaft und Kultur später, dürfte „Homo­sexualität_en“ indessen deutlich offensiver werden, als es noch die „Eldorado“-Schau war. Denn während der Ausstellungs­gegenstand im Berlin Museum, 100 Jahre homosexuelle Geschichte bis 1950, damals bereits lange abgeschlossen war und nicht einmal die Emanzipations­bewegung der 1960er- und 1970er-Jahre berücksichtigte, thematisiert die Schau im DHM und im Schwulen Museum „Homosexualität … seit dem späten 19. Jahrhundert bis in die Gegenwart“. Damit hat es die LGBTI-Szene (Lesbian, Gay, Bisexual, Transgender, Intersexual) geschafft, auch aktuelle Diskussionen wie die um die Homo-Ehe oder die Selbstbestimmung von Trans- und Inter­sexuellen an einem zentralen Ort aufzugreifen und, so der eigene Anspruch, „in der Mitte der Gesellschaft“ zu platzieren. Was aber auch für einigen Zündstoff sorgen könnte und die Frage aufwirft: Hat sich das – sonst eher konservative – DHM die Ausstellung gar überstülpen lassen? Bis Redaktions­schluss jedoch war dem DHM kein Kommentar zu „Homosexualität_en“ zu entlocken. Die Verantwortlichen hätten alle keine Zeit, hieß es in der Presse­abteilung lapidar.
So weckt „Homosexualität_en“ auch bei anderen gesellschaftlichen Gruppierungen Begehrlichkeiten. Dominik Peter etwa, Vorstandsmitglied beim Berliner Behinderten­verband „Für Selbstbestimmung und Würde e.?V.“, hätte nichts dagegen einzuwenden, wenn gehandicapte Menschen mit einer selbst konzipierten Ausstellung über ihre Geschichte, Emanzipationsbewegung und gegenwärtige gesellschaftliche Leistungen ebenfalls an einem repräsentativen Ort in der Mitte der Gesellschaft ankommen dürften. Und auch Berlin Postkolonial e.?V. – der Verein beschäftigt sich kritisch mit Geschichte und Auswirkungen des deutschen Kolonialismus – hätte gerne an der im kommenden Jahr im DHM stattfindenden Ausstellung „Deutsche Kolonialgeschichte“ maßgeblich mitgewirkt.

Text: Eva Apraku

Fotos:
Fotos Sammlung Petra Gall, Schwules Museum;  Archiv FFBIZ, 1974; Heather Cassils and Robin Black / Image courtesy of Heather Cassils and Ronald Felman Fine Arts / Copyright Heather Cassils and Robin Black, 2011

Deutsches Historisches Museum + Schwules Museum Unter den Linden 2, Mitte; Lützowstraße 73, Schöneberg, 26.6.–1.12.

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