Ausstellungen

Die Austellung „Der gerettete Blick“ im Martin-Gropius-Bau

Wer ist dieser Mann, der da mit schlaksiger Körperhaltung, den Kopf, mit Zigarettenstummel im Mundwinkel, fast gelangweilt zur Seite gedreht, lässig an der Wand lehnt? Das Selbstporträt zeigt Alfred Wolfgang Otto Schulze, kurz Wols, in der Hochphase seines fotogra-fischen Schaffens. Fast unbekannt sind seine fotografischen Arbeiten, die am Anfang seiner künstlerischen Karriere stehen. In der abstrakten Malerei gilt er als wichtiger Vertreter des Informel, sein Name jedoch bleibt häufig hinter bekannteren Vertretern wie K. O. Götz zurück.

Musikkarriere

1913 in Berlin-Wilmersdorf geboren, siedelt die Familie später nach Dresden über. Hier wächst Wols in gutbürgerlichen Verhältnissen auf und kommt durch die Bekanntschaft seiner Eltern mit Künstlern wie Otto Dix und Conrad Felixmüller schon früh mit der Kunst in Berührung. Aber der junge Wolfgang ist nicht nur kunst- und naturwissenschaftlich interessiert, sondern auch musikbegabt: Er beherrscht das Geigenspiel in solcher Perfektion, dass der damalige Musikdirektor der Dresdener Oper, Fritz Busch, dem 18-Jährigen anbietet, ihn als Konzertmeister zu vermitteln. Doch Wols lehnt ab und arbeitet lieber vorübergehend in den Dresdener Werkstätten von Mercedes.
Ein knappes Jahr später, nach kurzer Station in der Berliner Bauhaus-Schule – der Lehrer Lбszlу Moholy-Nagy rät ihm vom Besuch ab – geht er nach Paris. Hier arbeitet er als Porträtfotograf, lernt seine spätere Ehefrau, die rumänische Modeschneiderin Grйty kennen und erlangt mit der Dokumentation des „Pavillon de l’йlйgance“ auf der Pariser Weltausstellung neben finanziellem Erfolg auch namentliche Reputation. Die Bilder von aus dem Boden wachsenden Armen der Schaufensterpuppen wirken grotesk und deuten Wols’ Hang zum Abstrakten an.
Die nun im Martin-Gropius-Bau präsentierte Sammlung seiner Fotografien umfasst neben zahlreichen Porträts auch Stadtansichten, die seinen detaillerten Blick für den Moment beweisen. Daneben markieren die Stillleben, anfangs noch klar strukturiert – wie der Teller mit Gabeln und Essensresten nebst Salzstreuer und Weinkaraffe – später dann surrealistische Bilder von Knoblauchknollen, deren Fasern sich auf dem Untergrund verlieren, wie dünne Flussverästelungen im Land, seine Hinwendung zur Abstraktion.

Freundschaft mit Sartre

Mit Beginn des Zweiten Weltkrieges wird Wols in Frankreich als „feindlicher Ausländer“ in diversen Lagern festgehalten. Zu diesem Zeitpunkt beginnt er Aquarelle zu malen. Wols expressive Ölgemälde, die ab 1946 innerhalb kurzer Zeit entstehen, zeugen mit dicken Farbschichten, die mit eingekratzten Kerben fast reliefartig wirken, von einer impulsiven Maltechnik.
Seine Bekanntschaft mit dem Philosophen Jean-Paul Sartre, der den Mittellosen in den schwierigen, von seiner Alkoholsucht geprägten Nachkriegsjahren finanziell unterstützt, prägt Wols’ Weltanschauung. Sartre sagte später über ihn: „Großherzig ohne Wärme, aufmerksam aus Gleichgültigkeit, so betrieb dieser prinzliche Vagabund Tag und Nacht seinen fruchtbringenden Selbstmord … Jeden Tag war er ein bisschen mehr tot.“ Der gesundheitlich angeschlagene Wols starb 1951 in Paris an einer Fleischvergiftung.
Wols galt als in sich gekehrter, etwas verschrobener Charakter, der als Autodidakt gänzlich seiner Eingebung folgte. Für ihn war die Kunst keine Ware, sondern etwas, das aus der eigenen Innerlichkeit heraus entsteht. Dazu passt, dass Wols von sich selbst ungern in der Ich-Form sprach und lieber die dritte Person als Erzählperspektive wählte.

Text: Lea-Maria Brinkschulte

Foto: Estel/Klut / VG Bild-Kunst, Bonn 2014

Wols Photograph. „?Der gerettete Blick“, ?Martin-Gropius-Bau, Niederkirchnerstraße 7, Kreuzberg, ?Mi–Mo 10–19 Uhr, 15.3.–22.6.

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