Ausstellungen

Die Ausweitung ?der Kunstzone

Der Projektraum after the butcher in Berlin

„Der Umzug in die neuen Räume und die damit einhergehende Vergrößerung sind lange geplant gewesen“, sagt der Gründer von Savvy Contemporary, Dr. Bonaventure Ndikung, ein aus Kamerun stammender Biologe, bei der Führung durch den zwei Ebenen umfassenden Projektraum im Umspannwerk in der Richardstraße.
Vor dem Umzug im Juli wurden die Ausstellungen in einem 80 Quadratmeter großen Ladengeschäft am nahe gelegenen Richardplatz durchgeführt. Durch die Vergrößerung auf rund 400 Quadratmeter können nicht nur größere Projekte umgesetzt werden, die Räume bieten jetzt auch Platz für eine Präsenzbibliothek und für ein Dokumentationszentrum für Performance-Art. Mit dem in Berlin einzigartigen Konzept, Künstler aus dem westlichen Kunstkontext im Dialog mit solchen aus einem nicht westlichen Kunstkontext auszustellen, gehörte Savvy Contemporary im letzten Jahr zu den ersten sieben Preisträgern des mit je 30?000 Euro dotierten Preises für Projekträume und Initiativen des Berliner Senats, dessen Verleihung in die Berlin Art Week integriert ist. „Mit den neuen Räumen hatte der Preis aber nichts zu tun“, resümiert Dr. Bonaventure Ndikung. „Für uns bildet er eher ein Fundament, auf dem wir aufbauen müssen. Was wir jetzt brauchen, ist ein festes Haus.“ Zwar habe der Preis dem Projektraum zu einiger Bekanntheit verholfen und wirke sich bei der Beantragung von Fördergeldern und der Suche nach Sponsoren positiv aus, ermögliche aber aus sich heraus kein nachhaltiges Arbeiten. Projekträume mit einem so spezifischen Konzept wie Savvy Contemporary sind nur eine Spielart dieser Form frei finanzierter und nicht kommerzieller Kunstorte, die für die Kunstszene eine Vielfalt von Funktionen erfüllen. Manche sind soziale Treffpunkte, um die sich Netzwerke gruppieren, andere stellen sich Fragen, die so nur ausnahmsweise in Institutionen und kommerziellen Galerien verhandelt werden können, wieder andere bieten Raum für ästhetische und kuratorische Experimente. Sie bilden damit den Humus einer lebendigen Kunstszene und geben noch nicht etablierten Künstlern die Chance, Projekte umzusetzen und ihre Arbeiten der Öffentlichkeit zu zeigen.
So sind es oft diese über die ganze Stadt verteilten Plattformen, die Berlin auf Seiten der Künstler und vieler Kulturschaffender als Kunstort so attraktiv macht. Gleichzeitig beschäftigt man sich in Projekträumen manchmal zu viel mit sich selbst, rekrutiert sich das Publikum doch oft zu einem Großteil aus der Kunstszene. Diese Selbstbezogenheit hat strukturelle Ursachen. Zum einen fehlen oft die nötigen finanziellen Mittel, wenn es überhaupt ein Budget gibt, zum anderen haben die Ausstellungen in vielen Projekträumen kurze Laufzeiten von nur einigen Tagen oder Wochen.
Einer der diesjährigen Preisträger ist der Kreuzberg Pavillon, der sich stark dem Netzwerkgedanken verpflichtet fühlt. Konzeptuell geht es um Partizipation und die Herstellung eines Dialogs zwischen den vielen, sehr heterogenen Kunstzirkeln in Berlin. Man kennt sich in der Kunstszene untereinander mitunter weniger gut, als dies von außen angenommen wird. So sind die Ausstellungen inzwischen zu einem wichtigen Ort im Sozialleben vieler Künstler geworden. Zumeist werden im Kreuzberg Pavillon drei bis vier unterschiedliche Künstler aus verschiedenen Kreisen zusammengebracht. Die Ausstellungen laufen dabei fast immer nur einen Tag. So wurden von den Initiatoren seit der Gründung vor drei Jahren über 70 Ausstellungen realisiert, bei denen mehr als 500 Künstler ausgestellt haben.
Dabei ist der Kreuzberg Pavillon, immer bezahlbaren Mieten folgend, rund fünfmal umgezogen, zwischenzeitlich auch aus Kreuzberg heraus. So wurde der Kreuzberg Pavillon auch schon mal als Gentrifizierer angefeindet, was umgehend durch Ausstellungen thematisiert wurde. Zur Berlin Art Week eröffnet im Kreuzberg Pavillon am 14. September die Ausstellung „Means To An End“. Die Ausstellung wird erst vor den Augen der Besucher auf- und dann vor den Augen der Juroren bei der Preisverleihung abgebaut. Wofür das Preisgeld verwendet werden soll, ist indes noch ungewiss. „Wir waren doch überrascht, als wir gehört haben, dass wir einer der Preisträger sind“, sagt Heiko Pfreundt, einer der Initiatoren und Organisatoren des Kreuzberg Pavillon. „Neben ein bisschen Equipment, das wir uns sonst immer zusammenleihen mussten, wollen wir uns einen Weg überlegen, in welcher Form wir die im Kreuzberg Pavillon ausstellenden Künstler am Preis beteiligen können.“
Auch unabhängig von der Preisverleihung gibt es bei der diesjährigen Berlin Art Week eine stärkere Partizipation von Projekträumen. Die Kunstmesse ABC bietet durch das von Shanaynay aus Paris initiierte Projekt „Upcoming Exhibitions“ 15 internationalen Projekträumen eine Plattform für eine je zweistündige Ausstellung. Zudem wird das offizielle Programm um einen von einer Jury kuratierten Parcours von zehn Kunstorten erweitert. Die ausgewählten Kunstorte verteilen sich weiträumig über das Stadtgebiet, von Marzahn bis Moabit, von Lichtenberg bis Neukölln, sodass auch die Geografie der Kunststadt Berlin über das Zentrum hinaus ausgeweitet wird. Die Wahl der Juroren umfasst dabei neben drei Projekträumen auch kommunale Galerien und andere Initiativen.
Neben after the butcher, einem von den Künstlern Franziska Böhmer und Thomas Kilpper geleiteten Ausstellungsraum in einer alten Schlachterei in Lichtenberg, und dem hauptsächlich mit sehr renommierten Künstlern arbeitenden Schinkel Pavillon ist auch das schon seit 2001 bestehende Autocenter von Maik Schierloh und Joep van Liefland mit von der Partie. Das Autocenter hat sich seit seiner Gründung im Hinterzimmer des Friedrichshainer Clubs Lovelite, ursprünglich eine Automobilwerkstatt, nach und nach zu einer Konstante im Berliner Ausstellungszirkus gemausert.
Der Projektraum Im Frühjahr dieses Jahres bezog das Autocenter neue Räume an der Leipziger Straße in Mitte. „Die Idee, nach Mitte umzuziehen, hatten wir schon lange“, sagt Maik Schierloh. „Wir hoffen, mit den neuen Räumen auch unter der Woche mehr Besucher für unsere Ausstellungen gewinnen zu können. Schon Friedrichshain ist für einige manchmal als Weg zu weit.“
Zur Berlin Art Week präsentiert man mit „One from None“ passend zum übergreifenden Thema „Painting Forever“, das sich dieses Jahr wie ein roter Faden durch alle Veranstaltungen zieht, eine Auswahl abstrakter zeitgenössischer Malerei, die eine Erweiterung zu den übrigen Ausstellungen bietet. Erfahrung bei der Partizipation in größeren institutionellen Zusammenhängen konnte das Autocenter schon bei der umstrittenen Ausstellung „based in Berlin“ sammeln. „Für uns war ,based in Berlin‘ schon eine gute Sache, obwohl wir dem Konzept der Ausstellung selbst kritisch gegenüberstanden“, so Maik Schierloh. Den Unterschied zur Teilnahme an der Art Week sieht er vor allem in der gänzlich anderen räumlichen Situation. Während das Autocenter bei „based in Berlin“ in die Ausstellungsarchitektur integriert war, verteilen sich die Veranstaltungsorte bei der Berlin Art Week weitläufig über den Stadtraum.
Welchen Erfolg die Ausweitung der Berlin Art Week haben wird, anderen Kunstorten auch in diesem Format ein Podium zu geben und zu mehr Bekanntheit zu verhelfen, wird man abwarten müssen. Immerhin aber scheinen die Projekträume seit der Auslobung des Preises im letzten Jahr langsam in der öffentlichen Wahrnehmung den Stellenwert zu gewinnen, den sie auf Seiten von Künstlern und Kuratoren schon lange haben.

Text: Philipp Koch

Foto oben: after the butcher

Foto unten: Maik Schierloh

After the Butcher „Das Neue Fleisch“, ?Spittastraße 25, Lichtenberg, Di–Sa 14–19 Uhr, 13.9.–18.10.

Autocenter „One from none“?, Leipziger Straße 56, Mitte, Mi–So 16–19 Uhr, 14.–28.9.

Kreuzberg Pavillon „means to an end“?, Naunynstraße 53, Kreuzberg, Sa 20–24 Uhr, 14.9.

Schinkel pavillon „Gelatin & anna Ly sing“ + Performance, ?Oberwallstraße 1, Mitte,
Performance: Mi 18.–Sa 21.9., Mi–Fr 17–21 Uhr, Do 18–22 Uhr, Sa 15–19 Uhr, Ausstellung: Do 26.9.–So 10.11.?

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