Ausstellungen

Die Berliner Mauer als Kunstfläche

WriteTheWall167,8 Kilometer lang, teilte sie etwas länger als 28 Jahre Ost- und West-Berlin und damit symbolisch den gesamten Osten vom Westen. Kein anderes Bauwerk weltweit repräsentierte derart unmissverständlich den Kalten Krieg. Ein absurdes, menschenverachtendes und letztlich zum Scheitern verurteiltes Projekt. Während die Politik ihren eigenen Umgang mit dem aus Beton errichteten Status Quo finden muss­te und sich der gebauten Realität stellte, reflektierten vor allem Künstler aus dem Westen die gigantische Installation im öffentlichen Raum, deren Urheber Leben opferten, um sie in ihrer Exis­tenz zu bestätigen, mit der ihren zustehenden Freiheit und Kreati­vi­tät. Bereits 1964 empfahl Joseph Beuys eine Erhöhung der Mauer um fünf Zentimeter, aus rein ästhetischen Gründen, der französische Maler Thierry Noir, dessen Graffiti ab 1984 die Mauer schmückten, wollte sie mit seinen bunten und fröhlichen Bildern entmystifizieren, und als der amerikanische Künstler Keith Haring 1986 seine „Strichmännchengirlande“ auf ein 50 Meter langes Stück am Checkpoint Charlie malte, verankerte er sie endgültig im internationalen Kunstkontext. Der Begriff der „Mauerkunst“ entstand.

 

Sven_Johnes_Video_Tears_of_the_EvewitnessDie Mauer bildete Projektionsfläche und Agitationsraum zugleich, und jedes Werk, das auf und an ihr entstand, glich einem Exorzismus, einer Antwort auf den bedrückenden Irrsinn jener polarisierten Weltordnung. „Die Mauer ist ein schlafendes Krokodil, welches jederzeit urplötzlich aufwachen und zuschnappen kann“, sagte Noir einmal, und Künstler wie Jonathan Borofsky, Christophe Bouchet und Franco Bartoletti reizten das Krokodil, so oft sie konnten. Graffiti und Vorstufen der heutigen Street-Art prägten ihr künstlerisches Erscheinungsbild, worauf heute
noch die Touristenattraktion East-Side-Gallery etwas unbeholfen anknüpft. Doch es gab auch Experimente mit Film, Musik oder Performance. Am 9. August 1984 zündete Kain Karawahn ein 20-Meter-Segment an und dokumentierte den brennenden Beton. „Gefährlicher Unfug mit Feuer“, schrieb am nächsten Tag die „Mor­genpost“. Stephan Elsner schlug im Juni 1982, bei seiner Aktion „Grenzverletzung“, eine Betonplatte heraus und bespannte die Lücke mit einer transparenten Folie, die er bemalte, woraufhin ihn eine britische Militärpatrouille verhaftete, und die Genialen Dilletanten von der Tödlichen Doris präsentierten 1983 ihr „Naturkatastrophenballett“ auf dem Niemandsland des Potsdamer Platzes.

Flix_Da-war-mal-was20 Jahre nach ihrem Fall erlebt die künstlerische Auseinandersetzung mit der Mauer einen neuen Höhepunkt. Reflexion, Dokumentation und Interpretation sind dabei zentral, schließlich existiert das zu verhandelnde Objekt nicht mehr. So fotografierte die in Berlin lebende Schweizer Filmemacherin Dominique de Rivaz entlang des Mauerwegs und thematisiert in einem daraus entstandenen Fotoband das Verschwundene. Der Berliner Zeichner Flix begibt sich in seinem Comicband „Da war mal was …“ auf die Reise in die Vergangenheit und erzählt mal amüsante und mal beängstigende Anekdoten rund um Mauer, DDR und Wiedervereinigung. Auch Anne Peschken und Marek Pisarsky von der Künstlergruppe Urban Art suchen nach solchen Erinnerungen. Mit ihrer Wanderboje, einer vier Meter hohen Skulptur, die einer echten Boje nachempfunden ist, besuchen sie jeden, der mit ihnen seine persönliche Mauergeschichte teilen will, und erzählen diese anschließend am Ort des Geschehens wieder. Um Bilder aus dem persönlichen, aber auch kollektiven Gedächtnis geht es ebenfalls in Sven Johnes Videoarbeit „Tears of the Eyewitness“, die im Grenz­wachturm Schlesischer Busch zu sehen ist. Johne lässt an Schauspielern die dramatischsten Ereignisse des Jahres 1989 Revue passieren und ruft so ihre Emotionen ab.
Wohin man schaut, ein Kunstprojekt zur Berliner Mauer taucht auf, selbst in den Neukölln-Arcaden residiert noch bis zum 22. August ein mobiles Museum zum Jahrestag des Mauerbaus. Diese Häufung zeigt in erfreulicher Art und Weise, dass die Kunst auf historische Ereignisse und Jahrestage reagieren kann und jenseits von offiziellen
Programmpunkten zum Jubiläum, wie der Open-Air-Schau „Friedliche Revolution 1989/90“ am Alexanderplatz oder dem geplanten „Fest der Freiheit“ am Brandenburger Tor, alternative Blickwinkel eröffnet.

Das vielleicht aufregendste Projekt in diesem Zusammenhang heißt „Write the Wall„. Der Kunstverein Artitude hat dafür in der Heidestraße ein für jedermann gestaltbares temporäres Denkmal aus Mauersegmenten errichtet. Wie in den 80ern kann dort jeder malen, der will. Ab 9. November auch auf beiden Seiten der Mauer.

Text: Jacek Slaski
Foto: Boris Niehaus, Sven Johne, Flix

Dominique de Rivaz Buchpremiere:
„Endlosschleife. Der Berliner Mauerweg“, Buchhandlung Zadig,
Linienstraße 141, Mitte, Mi 9.9., 19 Uhr

Flix „Da war mal was …“,
Open-Air-Ausstellung, Gedenkstätte Berliner Mauer, Bernauer Straße 111, Mitte

Wanderboje Projektraum in der Galerie Zero, bis Mo 9.11., www.wanderboje.de

Mobiles Museum zum Jahrestag des Mauerbaus,
Neukölln-Arcaden, Karl-Marx-Straße 66, Neukölln, bis Sa 22.8.

Sven Johne „Tears of the Eyewitness“,
Grenzwachturm Schlesischer Busch, Do-So 14-19 Uhr, bis So 27.9.

Write the Wall Installation: Heidestraße 14, Moabit (hinter dem Hamburger Bahnhof), Informationsort: Senatsreservenspeicher, Cuvrystraße 3-4, Kreuzberg, bis November,
www.writethewall.net

Mehr zu 20 Jahre Mauerfall:

OSTZEIT – FOTO-AUSSTELLUNG IM HAUS DER KULTUREN DER WELT

WANDERBOJE

Mehr über Cookies erfahren