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Nanne Meyer im Kupferstichkabinett

Nanne Meyer Kupferstichkabinett

Schwungvoll kommt sie uns entgegen. Nanne Meyer begrüßt noch rasch einige Besucher, die gekommen sind, um das motivisch wie stilistisch reichhaltige Werk der Zeichenkünstlerin im Kupferstichkabinett zu bewundern. Die gepunktete Jacke, die die Künstlerin trägt, passt zu ihrer lebhaften Art und ihrem Metier. Der Punkt bildet die kleinste Einheit beim Zeichnen, den Beginn einer lebenslangen Leidenschaft für die Linie.
Sie ist Motor und Vehikel vieler Zeichnungen. Dynamisch treibt Nanne Meyer die Linie voran, entwickelt im Prozess frei assoziierend abstrakte Gedankenfäden. Auf schwarzem Papier, dunkel wie das Innere des Kopfes, gehen diese seltsam chaotische Verbindungen ein. Meist bietet eine konkrete Vorstellung oder Idee den Anlass, innere Vorgänge und äußere Motive im Schaffensprozess abzugleichen.

Das Zeichnen ist dem Denken, Sprechen und Schreiben verwandt

„Man transformiert ein Wahrnehmungs­moment“, bekennt Nanne Meyer im Blick auf ihre Zeichnung „Quirl“, eine der frühesten Arbeiten ihrer Ausstellung „Nichts als der Moment“ am Kulturforum. Die Bewegung dieses Haushaltsgerätes reizte die Wahlberlinerin, das Flüchtige, schwer Greifbare aufs Papier zu bringen. „Es geht immer um das Verhältnis von mir und den Dingen, nicht um die Sache selbst. Die sieht man ja vor sich.“
Die Realität nur nachzubilden, würde die Künstlerin nicht befriedigen. Sonst hätte sie ja Fotografin werden können, sagt sie. Sie überschreitet lieber die Grenzen des Realen, erfasst ein Gefühl wie das Glück. Hierfür übermalte sie eine Landkarte mit blauen Punkten, eliminierte gewohnte Zuordnungen und legte nur diesen einen Begriff frei. Winzig klein versteckt sich das Wort zwischen all den verwirrenden Linien der vermessenen Welt.
Schön rund und luftig, so sieht ihr „Glück“ aus, das Nanne Meyer mit scheinbar leichter Hand aufs Blatt zaubert. Indem sie auswählt und entschlackt, schafft sie Freiräume – auch für den Betrachter. Der lernt wieder zu sehen. „Man muss sich manchmal auch verabschieden. Das ist ein lebens­langer Prozess. Zeichnung ist ja nicht abgehoben. Sie bezieht sich immer auf die Realität und vermittelt doch eine andere Wirklichkeit.“
Nanne Meyer Über Worte und visuelle Phänomene habe sie sich schon von klein auf Gedanken gemacht, berichtet die Hannah-Höch-Preisträgerin des Landes Berlin und langjährige Professorin an der Kunsthochschule Weißensee. „Ich finde, dass das Zeichnen dem Denken, Sprechen und Schreiben eher verwandt ist als die Malerei.“ Die Zeichnung entfalte sich im Moment, bedeute mehr Freiheit.
Ein Spielraum, den die 61-Jährige gerne nutzt. So wichen ihr frühes Geigenspiel und der Blick auf die linierten Notenblätter einer eigenwilligen Bilderwelt, die sich zwischen Reduktion und Mehrschichtigkeit bewegt. Der dynamische Gestus verrät ein musikalisches Rhythmusgefühl, etwa wenn sie Grenzlinien aus Atlanten wie Fusseln über die Wand des Museums­raumes mäandern lässt.

Der Versuch, Geschwindigkeit in die Gegenwart der Zeichnung zu übersetzen

„Hier ist Italien, und das Portugal“, erläutert Nanne Meyer temperamentvoll die Papierschnitte. Sie weist auf die zarten Linien. Die Länder erkennt man nicht mehr. Sie öffnete ihre Umrisse, um Grenzenlosigkeit herzustellen. „Wir sind vernagelt in unserer Wahrnehmung“, findet die Zeichnerin. Für ihre unaufdringliche Horizont­erweiterung wurde sie auch mit dem Künstlerinnen­preis Nordrhein-Westfalen geehrt.
Nach vielen Ausstellungen andernorts sind ihre Werke nun erstmals in der Soloschau eines Berliner Museums vereint. Wer sie betritt, dem wird schnell klar, hier werden nicht irgendwelche Formen vermittelt, sondern hier wird Inneres nach außen gekehrt und von außen nach innen geguckt. Der Mensch sei „sehr konditioniert“ und fixiert auf Konventionen. Man müsse aber immer wieder prüfen, wo man Irrtümern aufsitze, um diese nicht zu reproduzieren. Recht hat sie und keine Mühe, mit eingefahrenen Sehgewohnheiten zu brechen.
Indem sie das Ephemere ergründet und den Sinn für Verborgenes schärft, justiert sie unseren Blick neu. In „Becken und Brunnen“ etwa übermalte sie bekannte Ansichtskarten­motive mit Wachs­stift. Wenige architektonische Versatzstücke bilden nun Fantasie­landschaften. „Zeichnen ist Weglassen“, Auswählen aus der Informations- und Wahrnehmungsflut. „Wir werden ja überrollt. Mir geht es jedenfalls so. Alles finde ich interessant. Wie bewältige ich das?“, fragt sich Nanne Meyer.
Es scheint, als gehe die Künstlerin zeichnend gegen diese Überforderung vor. Sie sucht die Herausforderung geradezu, greift sogar während eines Nachtfluges zum Stift. Weniger, um die vorbeijagenden Lichtpunkte dingfest zu machen, als das Auseinanderdriften von Raum und Zeit. Wer traut sich das schon? Dem schnellen Flieger hinkt die menschliche Auffassungsgabe doch stets hinterher. „Das, was ich zeichne, habe ich nur einen kurzen Moment vor Augen, ich bin immer schon vorbei, zeichne das, was aus meinem Sichtfeld bereits verschwunden ist“, kommentiert sie den intuitiven Blindflug auf dem Papier. Ihr Versuch, Geschwindigkeit in die Gegenwart der Zeichnung zu übersetzen, besticht, wie so viele der 120 Arbeiten aus 20 Jahren, die das Kupferstichkabinett präsentiert. Sie geben Einblick in das Lebenswerk einer Neugierigen, die dem Ungreifbaren dicht auf den Fersen bleibt.

 

Nanne MeyerNanne Meyer
Geboren 1953 in Hamburg, lebt seit 1993 in Berlin. Sie studierte von 1974 bis 1981 an der Hochschule für bildende Künste in Hamburg. Seit 1994 lehrt sie als Professorin an der Kunsthochschule Weißensee. Sie hat viele Stipendien (u.?a. DAAD, Villa Massimo) sowie Preise erhalten, zuletzt den Hannah-Höch-Preis, mit dem das Land Berlin herausragende Künstler für ihr Lebenswerk auszeichnet.

 

 

 

 

 

 

Text: Andrea Hilgenstock

Bilder in Reihenfolge: Courtesy Nanne Meyer, Berlin. © Nanne Meyer,  Portät: Patricia Sevilla Ciordia 2014

„Nanne Meyer. Nichts als der Moment. Zeichnungen“, Kupferstichkabinett am Kulturforum, Matthäikirchplatz, Tiergarten, Di+Mi, Fr 10–18 Uhr, ?Do 10–20 Uhr, Sa+So 11–18 Uhr, bis 15.2.2015; Kuratorenführung mit der Künstlerin am 29.1.2015 um 18.30 Uhr, ?Anmeldung unter: [email protected]

 

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