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Die Deutsche Bank KunstHalle eröffnet

RonaldDickEs könnten Blutspritzer sein. Aber dazu sind sie eigentlich viel zu schön. Vor zwei Jahren war der pakistanische Künstler Imran Qureshi mit einer solch ambivalenten Arbeit in der Berliner ifa-Galerie zu Gast. Dort nahm er an der Gruppenschau „Ornament im Wandel“ teil. Der 40-Jährige überführt die historische Miniaturmalerei seines Landes in neue organisch-vegetabile Formen, Fußabdrücke und blutrote Farbspritzer inklusive. Schließlich brodelt in seiner Heimat die Gewalt. Seit seiner Unabhängigkeit ist Pakistan von blutigen Auseinandersetzungen zwischen verschiedenen Volks- und Glaubensgruppen geprägt. Osama bin Laden hielt sich dort bis zu seinem Tod versteckt. Als die Militärregierung nach den Terroranschlägen vom 11. September 2001 eine politische und militärische Allianz mit Amerika suchte, wurde die Islamische Republik selbst zum Ziel fundamentalistischen Terrors.

Was das mit der Kunst von Qureshi zu tun hat? Der Mann aus Lahore, der zweitgrößten Stadt im Land, findet: „Es liegt etwas Paradoxes zwischen Gewalt und Schönheit, zwischen Leben und Tod, die auf derselben Bildfläche existieren.“ Diesem Paradox trägt er in seinen Papierarbeiten und installativen Malereien Rechnung. Inwieweit diese in ihrem ornamentalen Gestus auch kritische Untertöne spürbar machen, wird die erste Einzelschau des „Künstlers des Jahres 2013“ der Deutschen Bank zeigen. In der KunstHalle Unter den Linden, dort wo vorher die Deutsche Guggenheim war – die Kooperation zwischen Deutsche Bank und Solomon R. Guggenheim Foundation ist seit Jahresanfang beendet –, stellt er neue Werke vor. „Es ist eine Premiere für ihn in Europa“, sagt Deutsche-Bank-Mitarbeiter Klaus Winker. „Global, offen, experimentell“ solle es dort künftig zugehen. Nein, ein politisches Statement sei die Wahl des Künstlers nicht. „Er ist unseren Beratern vielfach aufgefallen“, so Winker. Gemeint sind die Juroren des Advisory Boards, die Kuratoren Okwui Enwezor, Hou Hanru und Udo Kittelmann, die den Bankern den in Pakistan lebenden Maler empfahlen.

Mit der neuen Kunsthalle soll verstärkt jungen Talenten eine institutionelle Plattform geboten werden. Damit will man „auch eine Lücke schließen, indem wir schneller als staatliche Institutionen junge Kunst aus Berlin da vorstellen, wo sie entsteht“, sagt Stefan Krause, Mitglied im Vorstand der Deutschen Bank, der dort in Zukunft das weltweite Kunstengagement verantwortet.Junge Kunst aus Berlin soll also künftig Teil des Programms sein sowie Kooperationen mit internationalen Partnermuseen oder Kulturinstitutionen und unabhängigen Kuratoren. Natürlich steht auch die Sammlung Deutsche Bank im Fokus, zu der fortan auch Papierarbeiten Qureshis zählen. Die KunstHalle könnte eine Lücke in Berlin schließen helfen. Bekanntlich ist der Hunger nach einer – staatlichen oder privaten – Kunsthalle groß. Nun kümmert sich also die Geld-Wirtschaft in Eigenregie darum.

Corvi-Mora_LondonWas einigermaßen logisch ist, denn Geld bestimmt den Kunstmarkt, fördert aber auch eine ganz bestimmte Kunst. Die sieht, wie schon bei den Bank-Künstlern der vergangenen Jahre, gut aus und macht etwas her. Wangechi Mutu aus Kenia, die französisch-marokkanische Künstlerin Yto Barrada und Roman Ondбk aus der Slowakei waren die früheren „Jahres-Künstler“. Nun geht mit Qureshi wieder einer ins Rennen, dessen ornamentale und raumgreifende Kunst der Andeutung auch gefällt.
Schon als Kind habe er sich für Kunst begeistert, erzählt der 1972 Geborene, der heute selbst an der Nationalen Kunsthochschule in der Sieben-Millionen-Stadt Lahore unterrichtet. Die Miniaturmalerei, die eine langwierige Geduldsprobe darstellt, erlebte dort in den 90er-Jahren eine Art Neugeburt. Nicht mehr die Reproduktion tradierter Formen, sondern die individuelle Kreativität wurde wesentlich. Qureshi vergrößerte die Formate, schuf ortsspezifische Installationen.
Damit wird er in diesem Jahr auch den Pavillon Pakistans auf der Biennale von Venedig bespielen. Er ist bislang nicht ausgewandert und stellte sich der Herausforderung, in einer Militärdiktatur (bis 2008) zu arbeiten. „Ich denke“, so Qureshi, „es sind die Schwierigkeiten und Probleme, mit denen man umgehen muss, die einen dazu befähigen, eine eigene Sicht auf die Dinge zu entwickeln und sich selbst auszudrücken. In solch schwierigen Situationen kann die Kunst wirkliche Kraft entwickeln.“ Anecken jedoch darf sie nicht.

Dafür entfaltet sie im besten Falle eine spirituelle Dimension. Von dieser Kraft dürfte in Berlin etwas spürbar werden. Denn sein Thema: Schönheit und deren Bedrohung durch Gewalt und Zerstörung beschäftigt Qureshi natürlich auch hier. In der KunstHalle wird er die Miniaturmalerei zu neuem Leben erwecken. Neben traditionell gemalten Arbeiten präsentiert er raumbezogene, abstrakte Werke sowie – erstmals – Leinwand-Großformate. So kann man sich ein Bild von einer Kunst machen, die zwischen Tradition und Moderne ihren Weg findet.

Text: Andrea Hilgenstock

Foto: Ronald Dick (oben), Corvi Mora / London

Imran Qureshi – Künstler des Jahres 2013 Deutsche Bank KunstHalle, Unter den Linden 13/15, Mitte, tgl. 10–20 Uhr, 18.4–4.8.

 

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