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„Die Geschichte von Kaspar Hauser“ im Haus der Berliner Festspiele

Vor einiger Zeit hat der lettische Regisseur Alvis Hermanis in einem tip-Interview erklärt, er wolle in Zukunft nur noch Opern inszenieren, das Theater sei für ihn vorbei. Wer Schauspiel-Inszenierungen von Hermanis kennt, wie seinen vor zwei Jahren zum Theatertreffen eingeladenen Wiener „Platonov“, muss sehr hoffen, dass diese Absage ans Theater nicht endgültig ist.

Hermanis’ bislang letzte Theaterarbeit, „Die Geschichte von Kaspar Hauser“ vom Schauspielhaus Zürich, beschließt das diesjährige Theatertreffen. Wie funktioniert das Hineinwachsen in die menschliche Gesellschaft? Sind Selbstdisziplinierung und sorgsam eingeübte Affektkontrolle die einzige Alternative zur Barbarei? Kultur versus Natur – Alvis Hermanis’ Inszenierung kreist um ziemlich große Fragen, aber sie macht das ausgesprochen verspielt.

Nicht als schönen Wilden, sondern als verschrecktes, verkrüppeltes Tier spielt Jirka Zett diesen Kaspar Hauser, der zu Beginn der Aufführung in einem Sandhaufen eingegraben ist, als wäre er selbst nichts als ein Stück Natur und Erde. Langsam gräbt den hoch gewachsenen Kaspar ein seltsamer Zwerg aus, der später durch Kaspar Hausers Albträume geistern wird. Vorsichtig und beharrlich richtet er den unbeholfenen Findling auf, um ihn in kleinen Schritten zu den Menschen und ihrer Kultur zu führen – der Prozess der Zivilisation ist offenkundig eine recht mühselige Angelegenheit.

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Die Menschen, die Kaspar Hauser aufnehmen, sind als Biedermeier-Greise verkleidete Kinder, die von Schauspielern wie Stabpuppen geführt werden. Wie es aussieht, hat die Gesellschaft, in die sie den verstörten Findling Hauser einführen wollen, sie zu dressierten, wohlabgerichteten, fremdgesteuerten Lemuren gemacht, die Lebensfreude gegen die formvollendete Beherrschung der Konventionen getauscht haben. Kein Wunder, dass einer dieser grotesken Würdenträger Mitgefühl mit Kaspar Hauser hat, als der in einem Verzweiflungsanfall gegen seine neue Umgebung rebelliert: „Jetzt musst du in dieser Welt bleiben. Dass sie dir nicht gefällt, verstehe ich gut, aber dableiben musst du.“ Die einzige Alternative ist die bewusstlose, halb tierische, menschenfern monadische Existenz, die Hauser zuvor geführt hat.

Dass der Riese Kaspar die putzige Biedermeier-Puppenstube mit einer Armbewegung beiseitefegen könnte, mag man als Hinweis auf die Zerbrechlichkeit der Zivilisation gegenüber einer barbarischen Natur verstehen. Dass umgekehrt die kultivierten Kinder-Greise schwer deformiert sind, verweist auf den Preis zivilisatorischer Anpassungsleistungen. Hermanis spielt so dezent wie genau mit den Ambivalenzen zwischen Zivilisation und Barbarei, bis beide Seiten recht trostlos wirken.

Die Sozialisation, der die kindlichen Greise den verwilderten Kaspar Hauser unterziehen, ist eine Befreiung von seinem tierhaften Leben. Sie geschieht nicht als brutale Disziplinierung, sondern vorsichtig und geradezu zart und liebevoll. Sie bringen ihm bei, was man in ihrer kleinen Bildungsbürger-Biedermeier-Welt zum kultivierten Überleben braucht, von Tischsitten bis Lateinvokabeln und Rousseau-Lektüren.

Im Vertrauen auf die zivilisierende Wirkung von geradezu konservativen Manieren dreht Hermanis über weite Strecken die Klischees der Disziplinierungszumutungen der schwarzen Pädagogik um, mit denen der Hauser-Stoff gerne interpretiert wird. Erst als der wohlabgerichtete Kaspar langsam den exotischen Reiz als halb tierisches Spielzeug und Forschungsobjekt verliert und die Biedermeier-Zwerge das Objekt ihrer Bemühungen zur Arbeit als dem „Ernst des Lebens“ zwingen, wird aus dem vorsichtigen Streicheln ein brutales Schlagen: Der Zwang zur gesellschaftlichen Integration entwickelt Härte.

Text: Peter Laudenbach

Foto: Tanja Dorendorf

Die Geschichte von Kaspar Hauser Haus der Berliner Festspiele, Sa 17.?+?So 18.5., 19.30 Uhr, Karten-Tel. 25 48 91 00

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