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Die Grenzgänger: Pong – Merle Kröger und Philip Scheffner

Die Grenzgänger: Pong - Merle Kröger und Philip Scheffner

Merle Kröger, 1967 in Plön ­geboren, und Philip Scheffner, 1966 in Homburg/Saar, kooperieren seit Gründung der Künstlergruppe Botschaft e.V. 1990 in Berlin mit­einander. Parallele Aktivitäten in der Videogruppe dogfilm. Seit 2001 wirken sie in der eigenen Produktionsfirma pong, in der unter anderem Scheffners Dokumentarfilme „The Halfmoon Files“, „Der Tag des Spatzen“ und „Revision“ erschienen sind. Kröger ist Produzentin, Drehbuch- und ­Romanautorin. Ihre letzten beiden Kriminalromane ­“Grenzfall“ und „Havarie“ basieren auf gemeinsamer Recherchearbeit mit Philip Scheffner.

Das Mittelmeer füllt sich mit Toten wie ein Massengrab. Und wir gehen baden, am Wochenende, an den Stränden von El Portъs und oder Portmбn“, sagt Diego Martнnez. Gemeinsam mit seinem kranken Vater fischt er auf der Santa Florentina, unweit des Seehafens von Cartagena, einer Stadt im Südosten Spaniens. Manchmal treibt eine Leiche an ihnen vorüber. Manchmal kann auch jemand lebend aus dem Wasser gehievt werden. Aber eigentlich ist Diego Martнnez auf der Salvamar Rosa unterwegs. Sie gehört zur Flotte des Cartagena Maritime Rescue Center. Dann geht ein Notruf vom Kreuzfahrtschiff Spirit of Europe ein. Ihm gegenüber: ein Schlauchboot.
Den Mann, der Diego Martнnez heißt, gibt es nicht. Er ist eine Figur in dem hochgelobten Kriminalroman „Havarie“  von Merle Kröger, der kürzlich im Hamburger Argument-Verlag erschienen ist.  Die Geschichte von Diego Martнnez ist aber nicht wirklich ausgedacht.
Merle Kröger und Philip Scheffner erfinden nicht einfach Dinge. Die Schriftstellerin und Produzentin und der Filmregisseur, die in Kreuzberg arbeiten, sind ein eingespieltes Theam. Ihre Stoffe entstehen aus ausführlicher Recherche. Sie nennen sie „dokumentarisch“. Merle Kröger sagt: „Es ist eine Methode des sehr diskursiven Forschens.“ Das Ergebnis: Filme und Bücher. Vor allem aber: komplexe Geschichten, die einen nicht kalt lassen. Weil sie viel Wahrheit in sich tragen.
Denn ganz sicher haben Merle Kröger und Philip Scheffner im vergangenen Jahr tatsächlich mit einem Mann am Hafen von Cartagena gesprochen, der Ähnliches zu berichten hatte. Der vielleicht über das Massengrab Mittelmeer erzählte und über die Insel Escombreras, auf der sich einst ein Dorf befand, und die nun keine Insel mehr ist, sondern der Abschluss des neuen Hafenbeckens von Cartagena.
Eine Arbeitsmethode mit langer Vorgeschichte.“ Wir haben in den 90ern in einem Autorenkollektiv gearbeitet, dogfilm hieß das.“ Als  Merle Kröger  das erzählt, sitzen Philip Scheffner und sie hoch oben über der Skalitzer Straße. Unten dröhnt der Straßenverkehr. Hier reisidert pong, ein Zusammenschluss, der von beiden 2001 begründet wurde. Ihr Fokus liegt auf Filmproduktion, aber, so steht es auf der Website –  man versteht sich auch als „Plattform für Text, Ton und alles was dazwischen liegt“.
Zum pong-Kollektiv gehören außerdem auch Caroline Kirberg und Alexandra Gerbaulet. Gerbaulets Film „Schicht“ hat gerade bei den Oberhausener Kurzfilmtagen den Hauptpreis für den besten deutschen Film gewonnen. Er erzählt von Salzgitter. Aber auch von Gerbaulets eigener Familie.
„Wir suchen nach Methoden, um unseren eigenen Blick, der ja häufig auch verstellt ist von lauter Vorstellungen und Klischees, irgendwie zu öffnen“, sagt Scheffner. „Ihn frei zu machen und zu sensibilisieren für Dinge, die nicht in dieses Bild passen, oder es merkwürdig verrutschen lassen. Um dann erst zu sehen, was tatsächlich stattfindet.“ Vielleicht ist das ein Funktionsprinzip von pong.
Dieses Prinzip kann man gut an einem anderen Projekt erkennen, aus dem Scheffners Film „Revision“ entstand, der 2013 auf der Berlinale premierte. Er näherte sich von verschiedenen Positionen aus einem Fall, der sich kurz nach der Wende in Mecklenburg-Vorpommern zutrug: Zwei tote Männer in einem brennenden Feld, nahe der deutsch-polnischen Grenze. Rumänische Männer.
Scheffner und Kröger nahmen während ihrer Recherche in Deutschland und Rumänien längst vergessene Fäden wieder auf. Zum Teil sogar solche, die andere geflissentlich gar nicht zwischen die Finger nahmen.
Kröger hatte damals war schon die Idee zu einem Kriminalroman im Kopf, doch die eigentliche Schreibarbeit war noch nicht getan. Später spann sie einige Geschichten der Recherche in ihrem Roman „Grenzfall“ weiter, verdichtete sie, reicherte die Wirklichkeit mit gut möglicher Fiktion an.
Erst der Film, dann das Buch. Nun, im Sommer 2015, ist es umgekehrt.   „Havarie“  steht bereits in den Regalen. Aber wieder soll ein Film aus der gemeinsamen Recherche heraus entstehen. Man spürt Krögers Gelöstheit. Die Anspannung ist weg, die Figuren mitsamt ihren Geschichten sind zu Papier gebracht: „Du hast ja erst das Gefühl, dass du es loswirst, wenn du es niederschreibst. Das Buch kam mit einem viel größeren Druck als ich es selbst erwartet hätte.“
Derweil sitzt Philip Scheffner vor dem Computer. Wieder ist es ein bestimmtes Bild, das Scheffner fasziniert: Die Gegenüberstellung von Kreuzfahrtschiff und Schlauchboot. Das Video dieser Begegnung haben beide auf Youtube entdeckt, von einem Touristen aufgenommen. Es stand zwischen Haraga-Clips. Haraga, so heißen jene, die illegal das Mittelmeer überqueren. In Schlauchbooten, die sich unsichtbar hinter Wellen verbergen. Auf keinem Radar zu erkennen. Schutzlos.
Es gibt viele dieser Clips. Und sie verbreiten eine tragisch-heroische Stimmung. Sie waren ein Recherche-Einstieg für Kröger und Scheffner. Genauso wie die Internetseite ­Vesselfinder.com, auf der man alle Gewässer dieser Erde auf ihren Verkehr hin untersuchen kann. Über sie nahmen die beiden Kontakt zu Containerschiffen und Reedereien auf. Jetzt geht es für Scheffner darum, die vielen losen Enden zu einem einzigen Film zu verknüpfen. Gedanken, die er sich macht: „Schaffen wir es, einen gemeinsamen filmischen Raum für diese Figuren zu konstruieren? Der ja auch ein fiktiver Raum ist, denn laut europäischem Grenzregime dürfte es eigentlich keinen gemeinsamen Raum geben.“  Und er setzt hinzu: „Ich bin jetzt in einer Phase, in der ich mir sehr viel angeguckt habe und das ist ähnlich wie bei ,Revision‘ sehr bewegend und auch traurig. Es ist sehr fragil. Die Personen sind auch fragil.“
Über dem Verkehrsmeer an der Skalitzerstraße fließt bei pong vieles zusammen. Und es wird über diesen Zusammenfluss nachgedacht. „Wir machen dieses Kreiseln-lassen von Themen sehr lange und sehr bewusst“, sagt Merle Kröger und erzählt von den Anfängen. „Es gibt diese Anekdote, dass immer Leute vorbeigekommen sind und gesagt haben: Macht ihr auch manchmal Filme oder redet ihr immer nur?“ Die Antwort bezüglich pong wäre heute jedenfalls eine klare: Gemacht wird beides. Und noch viel mehr.

Text:
Carolin Weidner

Foto:
David von Becker

Mehr zu der Arbeit von Merle Kröger und Philip Scheffner finden Sie auf www.pong-berlin.de

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