Ausstellungen

„Die Großgörschen 35“ im Haus am Kleistpark

Berlin 1964: Oase für Abenteurer und Freigeister – ein Aussteigersammelbecken, eine eingemauerte Stadt, durch die sibirische Winde wehen, ein unter enormen Anstrengungen am Leben erhaltenes „Schaufenster des freien Westens“. Wer Geld hatte oder verdienen wollte, zog nach Westdeutschland. Zurück blieben Trümmer aus dem Zweiten Weltkrieg, leere Fabriken und billig zu mietende Altbauwohnungen.
Der Maler Markus Lüpertz, 1963 aus Mönchengladbach zugereist, sah West-Berlin als großes Vakuum, das es zu füllen galt. Zusammen mit vierzehn Künstlerkollegen mietete er eine Fabriketage in der Schöneberger Großgörschenstraße, um sie zum Ausstellungsraum zu machen: Großgörschen 35, wie die Galerie nach ihrem Standort hieß, wurde für sie eine aus der Not heraus geschaffene Möglichkeit, ihre Arbeiten auszustellen. Nach der Flucht in die Form der 1950er-Jahre probte die Gruppe einen neuen Realismus, der es auch auf Provokation anlegte.
Vier Jahre später zerstritt sich die ohne gemeinsames künstlerisches Programm gegründete Künstlergruppe wegen unvereinbarer Ansichten. Das für ein paar Mitglieder der Galerie untragbare Ausstellungsstück von K. H. Hödicke (eine bemalte, zerkratzte und beklebte Fensterscheibe) hatte die Differenzen eingeläutet. Aus der Notgemeinschaft hatte sich eine Gruppe von Individualisten gebildet.
Neunzehn der in den Anfangsjahren ausgestellten „wilden Männer“, aus denen etablierte Künstler wurden, zeigen zum Jubiläum im Haus am Kleistpark jeweils eine Arbeit aus den 1960er-Jahren. Viele wirken brandaktuell, da sich junge Künstler nicht selten an der Avantgarde aus jener Zeit orientieren. An der Präsenz von Künstlerinnen hat sich inzwischen zum Glück etwas geändert. Bis zum Auftreten von Maina-Miriam Munsky 1968 wurden in der Großgörschen 35 ausschließlich Arbeiten von Männern gezeigt!

Text: Constanze Suhr

Foto: Galerie Poll Berlin

tip-Bewertung: Sehenswert

„Die Großgörschen 35“
Haus am Kleistpark

Grunewaldstraße 6-7, Schöneberg,
Di–So 10.00–19.00, bis 10.8.                                                                                                                                           

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