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Die Gruppe ZERO im Martin-Gropius-Bau

Die Gruppe ZERO im Martin-Gropius-Bau

Sie spielen mit Licht, Luft und Feuer, die Künstler der Gruppe ZERO. Seit der Sammler Gerhard Lenz vor fünf Jahren bei Sotheby’s seine gut behüteten Werke von Heinz Mack, Günther Uecker, Otto Piene und Co versteigern ließ, rückten die Deutschen international wieder ins Blickfeld. Am Auktionsmarkt schlug ihr Erfolg ein wie eine Bombe. Jüngst gelangte die Nachkriegsavantgarde sogar zu Guggenheim-Weihen. Nun legt die ZERO Foundation in Berlin nach – mit Lichtspielen, Rußbildern, Nagelungen und mehr.
Eingebettet in den internationalen Kontext der Kunstbewegung präsentieren die Altmeister hier auch das Umfeld sowie vergessene Kollegen der ZERO-Phase von 1957 bis 1967. Ihre Werke sind innovativ, unangepasst, zeitlos. Darin liegt wohl ein Teil des Erfolges der Gruppe begründet, deren Strahlkraft abfärbte auf manch Zeitgenössisches. Rund 200 Werke bezeugen im Martin-Gropius-Bau das breite Spektrum der Impulsgeber. Sie malten, schlitzten, performten, filmten, installierten und wagten kinetische Experimente. Manchmal bleiben die wirklichen Revolutionen in der Kunst eben „unsichtbar, bis sie längst vergangen sind“, sagt Daniel Birnbaum, „doch die unterirdischen Schockwellen können sich über Generationen fortsetzen.“
Heute, meint der Stockholmer Museumsdirektor und Beirat der Düsseldorfer ZERO Foundation, sei es „interessant zu beobachten, wie die rotierenden Lichtapparate“, die Mack, Piene und Uecker 1964 auf der documenta vorstellten, „aus dem Blickwinkel von Künstlern wie Carsten Höller, Spencer Finch und Уlafur Elнasson wirken.“ Mit dem Einfluss der Revoluzzer auf jüngere Künstler wird sich ein Symposium des umfangreichen Begleitprogramms zur ZERO-Schau befassen. In den 50er-Jahren waren die Oldies in immaterielle Erfahrungsbereiche aufgebrochen. Mit sichtbar gemachten energetischen Beziehungen zwischen Licht, Bewegung und Farbklängen reagierten sie auf die Nachkriegsströmungen Tachismus und Informel. Weg vom abstrakt dekorativen Erscheinungsbild, etwa eines Ernst Wilhelm Nay, wollten die Kunsterneuerer kommen – hin zu weniger Glätte und mehr Nachhall.

Die Gruppe ZERO im Martin-Gropius-Bau

„Ein Blick zum Himmel, in die Sonne, auf das Meer genügt zu zeigen, dass die Welt außerhalb des Menschen größer ist als die in ihm.“ So ZERO-Mitglied Piene 1961. Der Pionier der Licht- und Multimediakunst verstarb 2014, als er ein Sky-Event aus Luftskulpturen und die Dia-Performance „Die Sonne kommt näher“ für die Neue Nationalgalerie realisiert hatte. Die Welt von null aufbauen, die Erschütterung der Nachkriegsjahre überwinden, eine optimistische, dem technischen Fortschritt vertrauende Sicht vermitteln, wollten diese Künstler.
Vorbild war unter anderem der Leinwandschlitzer Lucio Fontana. In seinen „Concetti Spaziali“ (Raumkonzepten) zerstörte er die Aura des traditionellen Kunstwerks und brach ähnlich wie Piero Manzoni und Yves Klein parallel, ja etwas früher noch, zu neuen Ufern auf. Arbeiten dieser Geistesverwandten sind in den 20 Ausstellungsräumen ebenso versammelt wie solche des französischen Kinetikers Jean Tinguely, der die kinetische Kunst der Rheinländer inspirierte, und weitere, der Gruppe nahestehende Künstler.
Wer die internationalen Verästelungen vertiefen möchte, kann im Lichthof in den sogenannten „Wanderzirkus“ eintauchen. Dabei handelt es sich um Archivmaterial zu 30 ausgewählten ZERO-Projekten aus den Jahren 1958 bis 1966. Die Dokumente ermöglichen eine historische Kontextualisierung und beleuchten das sich wandelnde internationale Gesicht der Bewegung. Fakt ist, dass es sich um eine deutsche Gruppe handelt, deren Aktivitäten mit einer Reihe von Abendausstellungen in Pienes Düsseldorfer Atelier begannen.
In Düsseldorf lebt und arbeitet Uecker bis heute. Seine „Hommage а Fontana“ (1962) kam vergangenes Jahr für 1,3 Millionen Euro unter den Hammer. Die Preise seien so hoch, weil täglich mehr Geld gedruckt würde als Kunst gemacht, meint der 85-jährige Bildhauer. Auch die Werke einiger Mitstreiter erreichen inzwischen sechsstellige Preise, nachdem sie lange unterbewertet waren – etwa im Vergleich zu Fontana oder Klein. Seit die 49 ZERO-Werke der Sammlung Lenz 26 Millionen Euro einspielten, ändert sich das.
Ganz nebenbei lässt sich nun überprüfen, ob der Ruf der Truppe hält, was der Markthype verspricht. Auf breiter Front füllen die deutschen Himmelsstürmer das Erdgeschoss mit ihren Mitstreitern aus den Nachbarländern. Der Blick wandert von Fontanas Wasserfarbe auf geschlitzter Leinwand oder François Morellets „Sphärischem Raster“ zu Uecker und Christian Megert. Das Besondere: Die Schau wurde gemeinsam mit den noch lebenden ZERO-Künstlern konzipiert. Heinz Mack etwa legt im Lichthof Hand an und präsentiert dort Strahlkraft vom Feinsten.

Die Gruppe ZERO im Martin-Gropius-Bau

In Berlin kennt man von dem Maler, Bildhauer, Zeichner und Architekten den 35 Meter hohen „Lichtpfeiler“ am Europa-Center. 1?550 computergesteuerte Halogenlampen bringen ihn zum Leuchten. Die Grenzen des lichttechnisch Machbaren hat der 84-Jährige auf schillernde Weise ausgelotet. Im Martin-Gropius-Bau zeigt er überdies seinen „Gruß an Tinguely: Siehst Du den Wind?“ Ein Ventilator mit Reflektor bläst Aluminiumbänder in die Gegend, leicht und luftig wie silbriges Haar.
Taufrisch wirkt diese über 50 Jahre alte Arbeit. Und nicht nur die. Wer die nach den zentralen Themen Zeit und Raum, Farbe, Vibration, Reflexion, Bewegung und Licht gegliederte Ausstellung abschreitet, wird viel progressives Potenzial entdecken. Für Museumsdirektor Birnbaum ist klar, dass auch die Gemeinschaftsarbeiten von Mack, Piene und Uecker „Weiße Lichtmühle und Silbermühle“ „weiterstrahlen“. Die Rheinlandoffensive hat die Kunst von null auf umgekrempelt. Sie inspiriert bis heute.

Text: Andrea Hilgenstock

Fotos: Jon Naar/ ZERO Foundation + ZERO Foundation/ Heinz Mack, OttoPiene, VG Bild-Kunst + Winfried Reckermann/ ZERO Foundation VG Bild-Kunst, Courtesy The Mayor Gallery

Martin-Gropius-Bau Niederkirchnerstraße 7, Mi–Mo 10–19 Uhr. 21.3.–8.6.

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