Ausstellungen

Die Kunst des Alterns im NGBK

Kunst_des_Alterns_Foto_The_John_Coplans_TrustEtwas zu vergessen, tut der Seele noch nicht weh, wohl aber die Erinnerung daran, etwas vergessen zu haben. „Wie hieß die Kneipe, in der ich vorgestern war?“, „Wo ist die Karte, auf der ich den Ort nicht wusste?“, „Wo ist das Verzeichnis der Nachbarn?“, schrieb Herr S. auf kleine Zettelchen, die von Merkzetteln immer mehr zu Verlust­listen wurden in seinem hartnäcki­gen Kampf gegen die größer werdenden Gedächtnislücken.

Die Sammlung sei­ner Notizen und Fragen ist, in einer langen Vitrine geordnet, ein äußerst berührendes Dokument der ganz alltäglichen Geschichte des Alterns, der die Neue Gesellschaft für Bildende Kunst ihre Ausstellung „Ein Leben lang“ widmet. Heute ist es zwar einerseits üblich, das Bild der Gesellschaft nach Generationen aufgesplittert zu betrachten, dennoch wird der Blick auf das Altern vermieden. Für den amerikanischen Künstler John Coplans, 1920 geboren und damit der älteste in der Ausstellung, war der Blick auf die Veränderungen seines Körpers, von Füßen, Arsch und Händen, keine besondere Entscheidung mehr, hat er sich doch fast ein Leben lang mit dem fotografischen Selbstporträt beschäftigt.

Für Regine von Felten dagegen, 1980 geboren, und damit die jüngste Künstlerin des Projekts, ist das Thema eine bewusste Setzung. Sie hat ihre Großmutter im Altersheim besucht und erzählt in überzeichneten Fotografien, wie sich die alte Frau selbst abhandenkommt. Ihr Gesicht oder ihr Körper ver­schwin­den unter dicken Lagen von Filzstiftstrichen, oder sie taucht als Strichfrau wieder auf, ohne sich zu erkennen. Die Angst vor dem Verlust ist aber nicht die einzige Farbe der Ausstellung. Daneben gibt es auch sehr gelassene und witzige Arbeiten, wie die langen biografischen Bögen, die Lenka Clayton & James Price durch alle Altersstufen ziehen, oder der Besuch von Peter Granser in „Sun City“, einer gated community der Senioren in Arizona (siehe Foto). Die Fröhlich­keit allerdings, die dort in tägli­chen Dosen von kleinen Events verordnet wird, ist dann doch gruseliger noch als der ganz normale Verfall.

Text: Katrin Bettina Müller

Ein Leben lang – Die Kunst des Alterns
Neue Gesellschaft für Bildende Kunst
tgl. 12-18.30 Uhr, bis 31.8.2008

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