Ausstellungen

Die Leidenschaft der Expressionisten

Galerie Nierendorf

tip Herr Karsch, Sie sind der Spiritus Rector der Expressionale. Ist die Ausstellung auch so etwas wie die Summe Ihrer Aktivitäten?
Florian Karsch Keineswegs, der Veranstalter USB kam auf mich zu. Andererseits ist es schön, Teile unserer Sammlung – wir zeigen rund 150 Werke – auch einmal einer größeren Öffentlichkeit zu präsentieren. Natürlich ist aus Platzgründen auch vieles nicht zu sehen. Wenn wir die gesamte Kunst aus unserem Besitz alle zwei Meter ein Stück an die Berliner Mauer gehangen hätten, so hätten wir die gesamte Stadt locker einmal umrundet.
tip Warum wird die Expressio­nale ausgerechnet jetzt zu sehen sein? Glauben Sie, dass das Expres­sionistische eine Art Wesenszug deutschen Kunstausdrucks ist, wie es etwa eine große Überblicksausstellung in Stuttgart über „Deutsche Kunst im 20. Jahrhundert“ vorschlug?
Karsch Da ist etwas dran. Max Beckmann beispielsweise kam in Paris gar nicht gut an. Ein absoluter Flop! Sie können das Expressive lobend werten – oder auch dämonisieren. Zum einen steht es dann für das Teutonische, Aufbrausende. Zum anderen aber auch für das Sentimentale, Gefühlvolle, das dem Deutschen eignet. Auf jeden Fall hat es die Zeitläufte überdauert: Trotz Abstraktion malen Künstler immer noch und wieder Gesichter. Ich würde das Expressionistische eher mit dem Osteuropäischen in Verbindung bringen, neigt doch auch ein Künstler wie Maxim Kantor dem Expressiven zu. Im Schloss Charlottenburg gab es einmal eine eindrucksvolle Konfrontation: In einem Flügel waren die französischen Fauves zu sehen, im anderen die Künstler der Brü­cke. Da konnten Sie sehen, wie relativ brav doch die Künstler der Fauves noch waren, immer noch an der Peinture festhielten. Demgegenüber Schmidt-Rottluff und Kirchner: An dieser Vitalität gemessen, ist selbst der wildeste Matisse extrem dezent!

Galerie Nierendorf
tip Die Galerie Nierendorf ist die einzige noch in Berlin existente Galerie der 20er und 30er Jahre. Dennoch: Ist nicht inzwischen der Markt für Kunst der zwanziger Jahre „abgegrast“?
Karsch Keineswegs. Es werden immer wieder Objekte weiterverkauft, Sammler sterben oder sind klamm und müssen sich von Stücken trennen. Allerdings muss ich einräumen, dass für manche meiner Künstler die Sammler nahezu „ausgestorben“ sind. So finden sich bei­spiels­weise kaum noch Josef-Scharl-Kunden.
tip Wer erwirbt bei Ihnen heute Kunst?
Karsch Früher kamen hier viele Chefärzte, Rechtsanwälte oder Juristen vorbei. Doch auch vielen Ärzten geht es längst nicht mehr so gut. Und wenn früher ein Aquarell von Kirchner mal 2000 Mark kos­tete, so ist das inzwischen hochgeschnellt auf 20.000 Euro oder gar 200.000 Euro. Dies können sich viele Expressionisten-Freunde nicht mehr leisten. Auch ich kann durch den überhitzten Markt nicht immer mitbieten. Und dann muss man leider noch registrieren: Die gut verdienenden 40- bis 50-Jährigen kaufen „heute nicht mehr mit dem Auge, sondern mit dem Ohr“, wie es mein Kollege Gunzenhauser mal treffend formulierte. Sie verlassen sich mehr auf Berater als auf ein geschultes Auge, den Kennerblick. Dies hat Empfehlungen zur Folge, wie sie Gerd Harry Lybke kürzlich aussprach: Ein Sammler solle sich seine Kunstwerke keineswegs ins Wohnzimmer hängen, sondern sie sogleich ins Bankdepot bringen oder ins Museum. Und am besten kaufe man gleich en gros. Ich kenne allerdings sein Sortiment nicht so genau.


tip Wenig anfreunden können Sie sich mit der Berufsbezeichnung „Galerist“ – und dennoch heißt Ihr Haus Galerie Nierendorf.
Karsch Ach, wissen Sie, ich wurde mal für einen großen Katalog interviewt und habe damals auf den Titel bestanden: „Ich bin Kunsthändler und kein Galerist.“ Galeristen haben so etwas Gestyltes und betonen nach meinem Geschmack zu sehr das Designhafte. Letztlich besagt der Begriff überhaupt nicht, dass hier ausdrücklich Kunst vertrieben wird. Es gibt Schuhgale­-rien, Postergalerien, und es gibt die Galeries Lafayette. Ein Kunsthändler kann auch Galerist sein, aber nicht jeder Galerist ist ein Kunsthändler.
tip Der Sinn für die Kunst wurde Ihnen ja 1925 in die Wiege gelegt: Ihr Vater Joachim war Bildhauer, Ihre Mutter hatte Kunst studiert, Ihr Stiefvater war der Bruder des berühmten Galeristen Karl Nierendorf. Sind Sie sogleich in diese Fußstapfen getreten?
Karsch Es gibt dazu eine kleine Episode. Ich sage es ja immer wieder: Vor der Ehe mit einem Künstler kann ich nur ausdrücklich warnen. Das geht nicht gut, wenn es sich um eine starke Frau handelt. Und meine Mutter war eine sehr starke Frau. Sie wollte nicht neben der Kunst eine untergeordnete Rolle spielen, und also trennten sich meine Eltern nach fünf Jahren. Ich lebte dann „allein erzogen mit meiner Mutter“ zusammen – ja, das ist nämlich eine beiderseitige Angelegenheit. Zweimal im Jahr etwa besuchte ich meinen Vater, und der schrieb meiner Mutter, wie wohlerzogen ich mit meinen 15 Jahren sei und dabei doch so angenehm kindlich. Besonders positiv fiel ihm aber auf, dass „er sich so gar nicht für Kunst interessiert. Womöglich ist Florian so ein friedlicheres Dasein beschieden, so ganz ohne Träumereien in der harten Wirklichkeit“.


tip Was bewog Sie schließlich, die berühmte Galerie Nierendorf wei­terzuführen?
Karsch Mein Stiefonkel Karl, der ja in den USA den Kunsthandel wei­terführte, unternahm 1947 einen hartnäckigen Versuch, mich über den großen Teich zu locken, um bei ihm einzusteigen. Er erlag 1947 über­raschend einem Herzinfarkt in New York. Doch ich war zögerlich, zweifelte, ob mein Interesse für einen tatsächlichen Job in der Kunsthändlerbranche groß genug sein würde. Noch heute besitze ich meine Reaktion in einem Briefentwurf, in dem ich sorgfältig abwäge, ob ich überhaupt das Zeug zum Kunsthändler habe. Mein Onkel setzte großes Vertrauen in mich – sogar ein Auto hielt der sprichwörtliche „Onkel aus Amerika“ schon bereit! Doch ich wollte auf keinen Fall das wirtschaftliche Standbein meiner Mutter – eine Buchhandlung kombiniert mit Kunstgewerbe – opfern. Für dieses Geschäft in Tempelhof hatte mein Stiefvater Josef Nierendorf bereits einen Galerieraum vorgesehen: Ein Neuanfang der erfolg­reichen Galerie der 20er Jahre sollte hier beginnen. „Außerdem halte ich es nicht für richtig“, schrieb ch zurück, „das Kunstinteresse und Kunstverständnis eines Kunsthändlers an seinem materiellen Erfolg zu messen. Der Erfolg beim Publikum und in der Öffentlichkeit ist nicht allein entscheidend. Denn gerade durch kleine, der Masse anfangs unbekannte Kunsthändler und Galerien wird die Entwicklung der Kunst entschieden und vielleicht am besten gefördert.“ Außerdem machte ich ihm klar, dass ich die allwaltende „Deutschland-Flucht“ damals für grundlegend falsch hielt: „Man muss auch bei seinem Volk leben können, wenn es ihm mal schlecht geht.“


tip Sehr reife Worte für einen solch jungen Mann …
Karsch Da ich ja kriegsverletzt war, kam ich 1946 zur Reha-Maßnahme nach Bad Pyrmont, wo ich plötzlich ein ganz neuer Mensch wurde. In einem halben Jahr holte ich mein Abitur nach – und obwohl ich bis dahin gar kein besonders glänzender Schüler war, flog mir plötzlich alles zu. Da ich ja ein wenig behindert war, suchte ich Beweglichkeiten im eher geistigen Sinne.
tip Sie lernten dann Ihre heutige Frau Inge Loewe kennen.
Karsch Meine Mutter hatte sie 1949 zufällig während einer Busrück­fahrt von der Frankfurter Messe nach Berlin kennengelernt – und präsentierte sie mir als Überraschungsgast: „Ich habe dir einen kleinen Löwen mitgebracht!“ Zunächst half Inge, die ja ausgebildete Künstlerin ist, öfter im Geschäft meiner Mutter aus. Und auf einmal hat es dann wahrhaftig „Wumm!“ gemacht, wie es in dem bekannten Schlager heißt. Ich hatte während meiner Studienzeit abends versucht, die noch bei uns im Keller gelagerte Kunst zu verkaufen. Da nach dem Tode meines Stiefonkels Karl kein Testament auftauchte und der Kriegszustand zwischen den USA und Deutschland offiziell nicht beendet war, wurde sein Nachlass vom Staat New York beschlagnahmt – und von der Guggenheim-Foundation für magere 72.500 Dollar erworben! Unter den über 700 Teilen befanden sich 554 Bilder von 88 Künstlern, darunter Picasso, Feininger, Kandinsky, Lehmbruck, Kirchner sowie über 100 Werke von Klee. Wir deutschen Erben versuchten, wenigstens unsere Ansprüche aus dem erzielten Erlös geltend zu machen. Doch wir erhielten nichts. Auch 14 Kisten aus der einstigen Berliner Galerie Nierendorf mit über­aus wertvollen Gemälden gingen in den Kriegswirren verloren.


tip Sie entschlossen sich dann mit Ihrer Frau, das Wagnis des Kunsthandels auf sich zu nehmen. Wie haben Sie sich so schnell in das fremde Metier eingearbeitet?
Karsch Nach dem unerwarteten Tode meines Stiefvaters Josef Nierendorf musste ich neben meinem Zoo­logiestudium plötzlich Kunst verkaufen. Ich habe allabendlich Listen der einzelnen Kunstwerke erstellt und mich zunehmend professioneller in das Taxieren eingeübt. Anfangs kam allwöchentlich mein Mentor Hanns Krenz aus Caputh, der in Hannover die renommierte Kestner-Gesellschaft zu Beginn der 20er Jahre geleitet hatte. Nach einem halben Jahr bescheinigte er mir, dass ich nun gut gerüstet sei für den Kunsthandel.
tip Wie konnten Sie sicher sein, nicht über den Tisch gezogen zu werden?
Karsch Ich habe mich vor allem auf meine Intuition verlassen. Das tue ich bis heute. Qualität erkennt man einfach. Die Preise für viele Künstler waren ja in den 50er Jahren noch ziemlich im Keller. Eine Beck­mann-Grafik kostete gerade einmal sieben Mark! Ich war mir aber sicher, dass diese Preise auch wieder steigen würden. Der Marktwert vieler Grafiken – vervielfältigte Kunst, wie Holzschnitte und lithografische Drucke – stieg in wenigen Jahren um das Zehn- bis Neunzigfache. Natürlich habe ich aber auch einmal abgelehnt, zum Beispiel als mir Martha Vogeler in Worpswede 50 bis 80 Blätter von Paula Modersohn-Becker anbot. Als sie aber zwischen 100 und 500 Mark dafür haben wollte, habe ich Nein gesagt.


tip Ihre Kataloge sind ja legendär und absorbieren doch eine Menge Zeit und Geld.
Karsch Das stimmt, aber dies ist wohl meine wissenschaftlich-sys­tematische Ader, die hier immer wieder durchschlägt. Das Dix-Verzeichnis ist bis heute ein wertvolles Auskunftsmittel, das auch von großen Museen wie dem MoMA oder Guggenheim immer wieder konsultiert wird. Von Anfang an wollte ich stets die ausgestellten Werke auch fotografisch dokumentieren – und behalte dies bis heute bei.
tip Wie sah Ihr Kontakt zu den Kollegen aus? Sie waren doch alle Konkurrenten, die Morgenluft witterten in der Goldgräberstimmung um 1960.
Karsch Seit 1963 führten meine Frau und ich unter dem alten Namen Galerie Nierendorf unser Haus an der Hardenbergstraße 19. Hier in Berlin waren vor allem in den frühen 50er Jahren die Galerie Rosen und die Galerie Bremer sehr aktiv, wenngleich Anja Bremer sich gar nicht als professionelle Kunsthändlerin verstand. Wir haben ihr so ei einer Picasso-Ausstellung, die sie ausschließlich mit Keramik bestückte, mit Picasso-Grafik „ausgeholfen“. Schon unsere Hochzeitsreise führte uns 1957 nach Paris, wo ich Kontakt zu Heinz Berggruen suchte, mit dem mein Stiefonkel Karl bereits in den USA zusammengearbeitet hatte. Außerdem fuhr ich regelmäßig zu Auktionen – auch um zu schauen, wie die Kollegen das so anstellen. Einer der gewieftesten war Ketterer in Stuttgart, der hat beispielsweise die sagenhafte Kollektion des größten Kirchner-Sammlers aller Zeiten versteigert. Zu diesem Schatz von Kirchners Leibarzt Dr. Bauer zählten rund 200 Bilder, Grafiken und Zeichnungen. Für 8000 Mark habe ich aus dem von Ketterer verwalteten Kirch­ner-Nachlass 1957 80 Blätter zum Preis zwischen 15 und 450 Mark gekauft. Das teuerste war damals eine hinreißend schöne Gouache von Kirchners Modell Fränzi, die heute ein Star im Münchner Kupferstichkabinett ist.


tip Sie feiern demnächst Ihren 3. Geburtstag: Wie geht es mit der Galerie Nierendorf weiter?
Karsch Mein Adoptivsohn Ergün Özdemir-Karsch leitet die Galerie bereits gemeinsam mit mir. Ich freue mich, wenn Kunden unsere Räume betreten und ausdrücklich nach dem Junior fragen. Keineswegs möchte ich am Rande des Gra­­bes hocken, sondern schon recht­­zeitig ordentlich den Löffel wei­tergegeben haben. Hinzu kommt, dass man sich hin und wieder selbst von Lieblingsstücken trennen muss. Doch Aufgabe des Kunsthändlers ist es auch, dafür zu sorgen, dass es weitergeht.
tip Herr Karsch, wir danken Ihnen für das anregende Gespräch.

Text: Martina Jammers und Qpferdach

Expressionale 2008, Park Kolonnaden am Potsdamer Platz, Potsdamer Platz 10, Tiergarten, Di-So 10-22 Uhr, bis So 24.8.2008, Im Mittelpunkt des dreimonatigen Ausstellungsmarathons steht die Sammlung Karsch-Nierendorf. Vergangene Woche erhielt der 10.000. Besucher die von Hannah Höch signierte Grafik „Nach der Verwandlung“.
Mehr unter www.expressionale.de

Mehr über Cookies erfahren