Stadtleben

Die Litfaßsäulen verschwinden: Ein Stück Berlin wird zu Grabe getragen

Die Künstlerin Tina Zimmermann nimmt die letzten Lebensmonate der Berliner Litfaßsäulen zum Anlass, noch einmal auf die alten Werbeträger aufmerksam zu machen. Gesellschaftskritik im Rundformat.

165 Jahre war sie ein fester Bestandteil der Berliner Großstadtszenerie. Nun neigt sich die Ära der originalen Litfaßsäule langsam aber sicher ihrem Ende zu. Bis Juni 2019 sollen aufgrund eines Eigentümerwechsels über 2.000 der mittlerweile zum Kulturgut gewordenen Betonsäulen verschwinden und partiell durch weniger schmuckvolle, aber dafür modernere, leuchtende Versionen ersetzt werden. Nach Aussagen eines Mitarbeiters der Firma, die den Abtransport realisiert, seien die Säulen asbestverseucht. Dass der Umstrukturierung finanzorientiertes Kalkül zugrunde liegen könnte, ist aber ebenso plausibel.

Eine der über 2.000 Litfaßsäulen in Berlin wird abtransportiert. Foto: Tina Zimmermann

Seit einiger Zeit fristen die Werbedinosaurier im gesamten Stadtbild so ihr einfarbig beklebtes Dasein und warten stumm auf ihren Abriss. Um der im Jahr 1854 vom Berliner Grafiker Ernst Litfaß erfundenen Plakatierfläche den ihrer Meinung nach nötigen Tribut zu zollen und auf den „Verlust eines weiteren Stückes des alten Berlin“ aufmerksam zu machen, hat die Multimedia-Künstlerin Tina Zimmermann zwischen dem 1. und 3. März 2019 eine stadtweite Guerilla-Aktion an Litfaßsäulen in Mitte, Kreuzberg, Friedrichhain und Charlottenburg unternommen.

„Die Litfaßsäule wird zu ihrem eigenen Grabmal – leuchtende altdeutsche Lettern auf schwarzem Grund mit Zitaten von historischen Berliner Grabmälern sprechen von der Vergänglichkeit, von Verlust und Tod – Aspekte des Daseins, die in der Werbelandschaft eher nicht thematisiert werden, ebensowenig wie der nun willkürlich beschlossene Tod des traditionellen Werbeträgers.“

Foto: Tina Zimmermann

So heißt es auf einer Rundfläche zum Beispiel: „Wer treu geschafft, bis ihm die Kraft gebricht, und liebend stirbt, ach, den vergisst man nicht.“ Die Aktion verweist nicht nur auf den Wechsel des Erscheinungsbildes Berliner Litfaßsäulen, sondern macht nicht zuletzt auch auf ganz allgemeine Fragen öffentlichen Interesses aufmerksam. Wer entscheidet über den Verbleib Berliner Kulturgüter und wieviel Teilhabe können Entscheider Bürgerinnen und Bürgern bei Themen dieser Art zugestehen? Wie kann partizipative Stadtplanung aussehen?

Im Falle der Litfaßsäule ist jedenfalls alles beschlossen. Das Berliner Original muss der Moderne weichen. Bis Mitte dieses Jahres werden aufmerksame Augen aber sicherlich noch den einen oder anderen Gedenkspruch sehen, neon-gelb, -rot oder -blau auf schwarzem Grund, in circa zwei Meter Höhe.

Mehr zu dem Projekt finden Sie auf www.tinaz.net


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