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„Die nackte Wahrheit und Anderes“ im Museum für Fotografie

ZweiFrauen_c_CollectionGerardLevy_ParisZwei nackte Grazien reiten auf einem Karussell-Schwein, frech arrangiert und anzüglich fotografiert von unbekannter Hand. Das ist eines von rund 250 Aktbildern der Schau „Die nackte Wahrheit“. Die Expedition ins Reich der Pobacken und Pimmel um 1900 ist meist sehr dezent, manchmal abstrus, immer aufschlussreich und mitunter lustig anzusehen. Trotz des heißen Themas bleibe man „moralisch unversehrt“, wie Moritz Wullen, Direktor der Kunstbibliothek, bemerkt. Für ihre „kulturhistorische Tiefenbohrung“ lüfteten die Kuratoren Ludger Derenthal und Kristina Lowis die Bestände der hauseigenen Fotosammlung und ergänzten diese um bedeutende Leihgaben.

Sie belegen die These, dass in der Aktfotografie um 1900 ein medialer Umbruch stattfand: Der fotografische Akt wurde öffentlich. Er war eben nicht nur Bückware, unterm Ladentisch durchgereicht, sondern gelangte millionenfach in Umlauf – reproduziert auf Postkarten, in Zeitschriften und Büchern. Natürlich gab es auch das Zensur­album mit unsittlichen Darstellungen, aber die kulturhistorischen Voraussetzungen waren doch schon verändert und lockerten sich mit dem Aufkommen der Freikörperkultur zunehmend. Zu sehen sind arkadische Nackedeis, muskelbepackte Zirkusriesen oder fliegende Kinder als lebende Putten. Man merkt, wie stark eine pädophile Grundströmung in Kunstgeschichte und Fotografie verankert ist, die voller Apollfiguren und antikisierender Knaben steckt. Herrlich komisch: die bewegten Bilder vom Fotoshooting vor 100 Jahren.

Text: Andrea Hilgenstock

Foto: Collection Gerard Levy, Paris

tip-Bewertung: Sehenswert

Die nackte Wahrheit und Anderes Museum für Fotografie, Jebensstraße 2, Charlottenburg, Di–So 10–18 Uhr, Do 10–20 Uhr, bis 25.8. 

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