Ausstellungen

Die Neue Nationalgalerie schließt bis 2021

Neue Nationalgalerie Berlin

Beschworen wird sie gerne als „Tempel der Moderne“: Mies van der Rohes Neue Nationalgalerie lässt nicht nur Architektenherzen höher schlagen. Doch nun ist es so weit: Das Architekturwunder schließt an Silvester seine Pforten. Und wird erst 2021 wieder eröffnet. So hat es Kulturstaatsministerin Monika Grütters über ihren Sprecher auf Anfrage des tip verlauten lassen.
Schon seit geraumer Zeit wird der desolate Zustand der Ikone beklagt: Zu bestimmten Zeiten rieselt Kondenswasser an den riesigen Fensterscheiben, das dann spätestens beim Gefrieren fatale Risse produziert. Das Tragwerk korrodiert. Stufen- und Bodenplatten im Terrassenbereich sind abgesackt und zu gefährlichen Stolpersteinen mutiert. Die Farbe bröselt von den Stahlträgern. Und den Skulpturengarten dürfen Besucher aus Sicherheitsgründen nicht mehr betreten, da Baumwurzeln die Gehwege hochdrücken.
Zwar werden in der zweiten Januarwoche noch achtmal die Pop-Elektroniker Kraftwerk in den heiligen Hallen auftreten. „Danach müssen die ex­trem schweren Skulpturen von? Moore oder Calder erst mal an einen sicheren Ort gebracht werden“, so Joachim Jäger, Direktor der Neuen Nationalgalerie. Sämtliche Granitplatten der Terrasse werden ebenso ausgetauscht wie die gigantischen Scheiben mit 3,60 Metern Breite, die entscheidend sind für das Erscheinungsbild der transparenten Halle. Da es für deren Ersatz längst keinen Hersteller mehr in Europa gibt, wird aus China angeliefert. Die Scheiben müssen per Schiff an der Spree anlanden, da bereits bei der Erstausstattung etliche Gläser angeknackst in Berlin eintrafen. Derzeit ist ein unharmonisches Nebeneinander aus ursprünglichen Gläsern und den zahlreichen getönten wie geteilten Ersatzgebilden für jeden Besucher erkennbar – ein Graus für Liebhaber des Museums.
In einer spektakulären Aktion war im April 1967 das 1?250 Tonnen schwere, 65 Meter lange Kolossaldach des Museums von Hydraulikpressen angehoben und auf die Stahlträger gesetzt worden. Gemeinsam mit den hohen Fenstern entstand so der faszinierende Eindruck, als schwebe das Dach.
Mies van der Rohe gelang mit seinem Meisterwerk die Liaison von zwei Antipoden der Architekturgeschichte: Er vermählte das Monumentale mit dem Transparenten. „Haut und Knochen“ hieß das Credo des Architekten, der 1937 in die USA emigriert war. Doch auch Tempel kommen in die Jahre. Über 46 Jahre lang wurde nichts Nennenswertes an der Nationalgalerie verändert.
Die letzte Vorstellung vor der mehrjährigen Schließung gab Chefrestaurator Chipperfield mit seiner Intervention „Sticks & Stones“: Die Stämme von 143 Fichten säumten die obere Halle und verwandelten sie in einen imponierenden Säulenwald. Stets war sie eine Topbühne für Installationen. Wir denken da an Jenny Holzers Neonbänder, welche in den Berliner Nächten dahinflatterten. Oder an Jannis Kounellis’ orakelndes Labyrinth. Doch für klassische Bilder-Ausstellungen bleibt van der Rohes gepriesener Tempel im oberen Bereich eine stete Herausforderung. Dies sah bereits sein Schöpfer so.
Das kurz vor der Schließung stattgefundene Kolloquium „Form versus Function“ kokettierte augenzwinkernd mit dem in Berlin Stein gewordenen Widerspruch, welcher der gängigen Richtschnur „Form follows function“ zuwiderläuft. Eine der daraus gezogenen Konsequenzen wird nun sein, dass wieder Vorhänge im Erdgeschoss präsent sein werden, die bei Bedarf die Exponate schützen – wie bereits bei der aufregenden Eröffnungsausstellung 1968, als Mondrians Gemälde von der Decke herunterbaumelten.
„Ich möchte das Gebäude behandeln wie einen Mercedes Baujahr 1968“, versichert Star-Architekt David Chipperfield. „Am Ende soll niemand merken, was eigentlich gemacht wurde.“ Das wird der aufmerksame Besucher aber dennoch. Denn auch den längst versiegelten, lauschigen Skulpturengarten mit Zugang zum unteren Ausstellungsgeschoss möchte der britische Architekt wieder begehbar machen – neben dem Genuss von hochkarätigen Plastiken einst Ort für angesagte Jazzkonzerte.
Neben der Generalsanierung der Nationalgalerie summt seit Kurzem Zukunftsmusik in den Ohren des Nationalgalerie-Direktors Udo Kittelmann. Hat doch der Deutsche Bundestag im November 200 Millionen Euro bewilligt für den sehnsuchtsvoll erhofften Erweiterungsbau. Dann erhielten endlich neben den fabelhaften eigenen Beständen von Kirchner bis Tadeusz Kantor auch die nicht minder reichen Schätze der Sammlungen Marx, Marzona und Pietzsch ein Dach über dem Kopf.
Das Museum der Moderne soll nach dem Willen von Kulturstaatsministerin Monika Grütters an der Potsdamer Straße entstehen: auf der versteppten Wüstenei zwischen Nationalgalerie und Philharmonie – einem bisherigen Un-Ort auf dem sogenannten Kulturforum. Die architektonische Prämisse ist allerdings gewaltig, um zwischen Solitären wie van der Rohes Nationalgalerie und Scharouns Philharmonie bzw. Staatsbibliothek bestehen zu können. Auf keinen Fall darf es zu hoch werden, um nicht den genialen Blick zu versperren. Eine riesige Herausforderung. Wir sind gespannt.

Text: Martina Jammers

Bild: Reinhard Friedrich/Archiv Nationalgalerie, Nationalgalerie, Staatliche Museen zu Berlin

Neue Nationalgalerie, Potsdamer Straße 50, Tiergarten, ?bis 31.12.

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