Preis der Nationalgalerie

Die Nominierten im Porträt

Eine wird gewinnen: Vier Künstlerinnen sind in diesem Jahr für den Preis der Nationalgalerie ­nominiert. Wer ihn gewinnt, deren Karriere beschleunigt auf Turbo. Am 28. September ist Eröffnung der Shortlist-Ausstellung

Im noch leeren Hamburger Bahnhof: Jumana Manna, Sol Calero, Iman Issa und Agnieszka Polska (v. l. n. r.)
Foto: David von Becker

So langsam wird es ernst. In den Berliner Ateliers der vier Nominierten herrscht konzentrierte Stille. Es ist die heiße Phase. Denn am 28. September beginnt im Hamburger Bahnhof, dem Berliner Museum für Gegenwartskunst, die Shortlist-Ausstellung. Zuletzt hatte Anne Imhof den Kunstpreis 2015 gewonnen – und danach den Goldenen ­Löwen auf der diesjährigen Biennale in Venedig. Der Preis der Nationalgalerie ist ein Karrieresprungbrett im Kunstbereich.

Mit Jumana Manna, Sol Calero, Iman Issa und Agnieszka Polska sind 2017 erstmals nur Frauen nominiert. Ihre künstlerischen Ansätze unterscheiden sich stark, einen politischen Anspruch haben sie jedoch alle. Was genau sie im Hamburger Bahnhof präsentieren werden, ist noch weitestgehend Geheimsache. Was man bisher über das Werk der Künstlerinnen weiß:

Jumana Manna: Kommentar ohne Fingerzeig

Es ist ein subtiler Unterton, der sich durch das ausdrucksstarke Schaffen der Filmregisseurin Jumana Manna zieht. Aufgewachsen ist sie in Palästina, hat Kunst sowie Politik in Jerusalem, Oslo und Los Angeles studiert und lebt in Berlin und Jerusalem. Manna untersucht gesellschaftliche und politische Bezüge zwischen Machtstrukturen, Subkultur, Nationalismus und Geschichte.

Für ihren Beitrag zur Berlinale 2016 „A Magical Substance Flows Into Me“ begab sie sich mit Musikaufnahmen aus den 1930er Jahren in das Israel von heute. Die 68-minütige Dokumentation schafft eine politikgeschichtliche Meisterleistung: Wie unterschiedlich die traditionellen Lieder bei kurdischen, jemenitischen und marokkanischen Juden und Samaritanern in Stadt und Land klingen, bleibt wertungsfrei. Und auch Mannas skulpturale Installationen verharren nicht im Angesicht politischer Notlagen, sondern hinterfragen und entwickeln Tiefgang durch Dramaturgie. Das Einfließen persönlicher Perspektiven in die gegenwartspolitische Themenwahl gelingt Manna auch mit dem Stilmittel Humor.

Jumana Mannas „Amulet“ aus Gips, Fasern, Lack, Baugerüst und Holz
Foto: Jens Martin/Courtesy of the artist and CRG Gallery, New York/ VG Bild-Kunst, Bonn 2017

Sol Calero: Kuntergrau dunkelbunt

Nicht nur im übertragenen Sinn erscheinen Sol Caleros hybride Installationsräume zugänglich, sie sind tatsächlich begehbar. Denn zeitgenössische Kunst bedeutet für Calero den Bau bunter Begegnungszonen. Die Farbenpracht ihrer Kunst ist eine Anspielung auf ihre lateinamerikanischen Wurzeln. An der Oberfläche erzeugen die warmen Töne gute Laune und regen zum Verweilen in den von ihr konstruierten Etablissements an. Schaut man genauer hin, wird das Ausmaß der Referenzen auf die lateinamerikanische Avantgarde sowie auf die klassische bis tropische Moderne bewusst. Calero sagt: „Unter der bunten Oberfläche verbergen sich dunklere Themen, die es zu entdecken gilt.“

Es drang bereits durch, dass der Beitrag der Venezolanerin zur Shortlist-Ausstellung eine vielfarbige Shopping-Mall sein wird, die sie in das Museum hinein baut. Sogar Workshops seien geplant: Die Künstlerin wird wohl Salsa-Tanz lehren und in einem nachgebauten Friseursalon Haare flechten.

Sol Caleros Ausstellung „Casa de Cambio“ auf der Art Basel
Foto: Andrea Rossetti/ Courtesy of the artist and Laura Bartlett Gallery, London

Iman Issa: Tiefschürfender Feinschliff

Die bereits international renommierte ägyptische Künstlerin Iman Issa verbindet in ihrer Kunst Fotografie, Video, Text und Skulptur auf philosophisch-poetische Art und Weise zu einer präzisen Formensprache. Als abstrakt und minimalistisch über kryptisch bis hin zu makellos können die skulpturalen Objekte der ehemaligen Philosophie- und Politikwissenschaftsstudentin beschrieben werden. Doch auf eine einzige Bedeutung lassen sie sich nicht reduzieren. Eine zu komplexe Herangehensweise liegt dem Entstehungsprozess zugrunde, zu viel liegt ihr daran, ästhetische wie politische Bedeutung von Monumenten zu erforschen, und allein mit ihrer Formensprache auf geschichtliche Machtstrukturen zu reagieren. Auch in ihrer jüngsten Serie „Heritage Studies“, die ganz unterschiedliche Skulpturen offen im Raum vereint, führt Issa ihr Interesse für Form, Material und Struktur von Alltagsgegenständen weiter. Mit ihr untersucht sie die Relevanz historischer Artefakte für die Gegenwart.

Objekte aus Iman Issas „Heritage Studies I“
Foto: Iman Issa

Agnieszka Polska: Subtile Präzision

Wenn in Agnieszka Polskas Filmen volle Lippen aus türkisfarbenem Gewässer auftauchen oder ein Aschenbecher im Weltraum qualmt, dann in einer ganz eigenen, traumartigen Ästhetik. Die im polnischen Lublin geborene Videokünstlerin nutzt Bildfunde aller Art, vor allem aus den 1920er- bis 1970er-Jahren, um gesellschaftliche Prozesse zu hinterfragen. Um geschichtliche Ereignisse auf einer gegenwärtigen Gefühlsebene in Erinnerung zu rufen, werden Fakten nicht unbedingt ausgeklammert, aber auch nicht zwingend thematisiert. Die emotionale Auseinandersetzung an sich rückt dagegen mehr in den Vordergrund. Indem der Kontext verarbeiteter Bilder verändert wird, entsteht etwa eine fiktionale Melancholie für etwas, das es so nie gegeben hat.

Polska hat eine fesselnde, künstliche Filmsprache entwickelt, die sie aus Bewegtbildern sowie aus traditionellen Animationstechniken und Fotografien collagiert. Die Gegensätze sind nicht auf den ersten Blick zu entwirren, unter humorvoller Intimität liegt komplexe Vielfalt.

Szenerie in Agnieszka Polskas Kurzfilm „I Am The Mouth II“
Foto: Cathy Carver/ Courtesy Agnieszka Polska and Żak Branicka Gallery, Berlin

Preis der ­Nationalgalerie

  • Seit dem Jahr 2000 vergibt der gemeinnützige Verein Freunde der Nationalgalerie e.V. alle zwei Jahre den Preis der Nationalgalerie.
  • Mit dem Gewinn verbunden ist seit 2013 eine Einzelausstellung in einem der Häuser der Nationalgalerie, vorher waren es 50.000 Euro (die Ausstellung ist mehr wert).
  • Die Teilnahmevorgaben beschränken sich weitestgehend darauf, dass die zeitgenössischen Künstler und Künstlerinnen unter 40 Jahre sein und einen Wohnsitz in Berlin haben müssen.
  • Auf der Longlist versammeln sich im Vorfeld stets rund 100 vielversprechende Namen. Eine erste von Nationalgalerie-Mitgliedern benannte Jury befördert vier mögliche Kandidaten auf die Shortlist, die enge Auswahl.
  • Eine zweite Jury, in diesem Jahr bestehend aus Zdenka Badovinac, Sven Beckstette, Hou Hanru, Sheen Wagstaff und Udo Kittelmann, vergibt den Preis am 20. Oktober.

Text: Rosanna Steppat und Robin Thießen

Hamburger Bahnhof: Invalidenstr. 50–51, Tiergarten, Di, Mi, Fr 10–18 Uhr, Do 10–20 Uhr, Sa+So 11–18 Uhr, bis 14.1.; Eröffnung: Sa 28.9., 20–23 Uhr, Eintritt 14/ erm. 7 €,
Facebook/Instagram: @preisdernationalgalerie

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