100 Jahre Novemberrevolution

Die Novembergruppe in der Berlinischen Galerie

Radikal anders: Im Winter 1918/1919 versammelte sich die deutsche Avantgarde in und um die Novembergruppe. Die Berlinische Galerie spiegelt nun, wie revolutionär auf einmal die Zeit auch für die Kunst war

Laszlo Moholy-Nagy, am 7(26), 1926 © Urheberrechte am Werk erloschen Foto: bpk/Sprengel Museum Hannover/Michael Herling/Benedikt Werner/Aline Gwose Gemälde / Öl auf Leinwand (1926) von

Die Novembergruppe ist die (deutsche) Vereinigung der radikalen bildenden Künstler“. Nicht eine, sondern eben die eine Vereinigung – diese selbstbewusste Eigeneinschätzung ist 100 Jahre alt, und damals, im Revolutionsherbst und Winter 1918/1919, versammelte sich tatsächlich die deutsche Avantgarde hinter dieser ersten Richtlinie der Novembergruppe. Das ist umso erstaunlicher, weil sie zurzeit fast nur noch in Fachkreisen bekannt ist, auch wenn unter anderem mit Willi Baumeister, Otto Dix, Rudolf Belling oder Hannah Höch Künstler*innen mit bis heute großer Strahlkraft dabei waren.

Dabei war die Gruppe zusätzlich in fast allen Bereichen der Kunst gut besetzt, denn die – im Laufe ihres Bestehens – gut 120 festen Mitglieder kamen nicht nur aus der bildenden Kunst, sondern auch aus den Bereichen Musik, Film und Architektur. Entsprechend universal war der Anspruch. Auch gesellschaftlich. So forderten sie nichts weniger als Einfluss auf alle Bereiche des künstlerischen Lebens: Von der schulischen Bildung über die Umwandlung der Museen bis hin zur Baukunst wollte man mitreden. Und gerade die Architektur sei laut Statuten als eine öffentliche Angelegenheit zu sehen und müsse unter anderem zu der „Beseitigung wertloser Prunkbauten“ führen – was für eine Gruppe, in der Walter Gropius und Erich Mendelsohn Mitglieder waren (und Ludwig Mies van der Rohe einige Zeit den Vorsitz innehatte), wohl eine zwangsläufige Forderung war.

Aber für viele Bürger, die gerade den ersten Weltkrieg hinter und eine ungewisse Zeit vor sich hatten, war das genauso schwer zu ertragen wie die in der Gruppe vorherrschenden Kunst-Richtungen Dada, Futurismus und Expressionismus, die sie bis zu ihrer erzwungenen Auflösung 1935 dem zunächst wenig begeisterten Publikum zeigten. Denn auch wenn die Gruppe die „engste Vermischung von Volk und Kunst“ als zentralen Punkt ihrer Arbeit bezeichnete, die Werke selber verstörten viele und wurden vor allem in der ersten Zeit als „Müllgrubenkunst“ geschmäht, wie Kurator Ralf Burmeister von der Berlinischen Galerie sagt, der dort zusammen mit seiner Kollegin Janina Nentwig die große Schau „Freiheit – die Kunst der Novembergruppe von 1918 bis 1935“ zusammengestellt hat. „Aber die Gruppe hielt sowohl diesem äußeren Druck wie auch den inneren Zerreißkräften immerhin anderthalb Jahrzehnte stand und realisierte in der Zeit rund 40 Ausstellungen im In- und Ausland.“

Diese Ausstellungen zu reflektieren, vor allem die, die die Gruppe innerhalb der Großen Berliner Kunstausstellungen zeigte, ist das zentrale Konzept der beiden Kuratoren für die Schau in der Berlinischen Galerie: „Wir zeigen Werke, die auch in den Ausstellungen der Gruppe in dieser Zeit zu sehen waren, entweder von Mitgliedern wie Otto Dix, Ludwig Mies van der Rohe oder László Moholy-Nagy, aber auch von eingeladenen Künstlern wie Piet Mondrian oder Emy Roeder“, so Janina Nentwig. „Wir wollen die Geschichte der Gruppe anhand dieser Ausstellungen erzählen und damit zeigen, wie sie wichtige Themen im kulturellen Leben in der Weimarer Republik gesetzt hat.“

Zugleich erlaubt es dieser Aufbau auch, die Weimarer Republik Revue passieren zu lassen. Es beginnt mit der Aufbruchseuphorie, die weite Teile gerade der künstlerischen Gesellschaft erfasst hatte, über ihre, wenn auch wacklige Konsolidierung Mitte der 1920er Jahre, in denen auch die Gruppe ihre größten Erfolge feierte, bis zu ihrem Ende, dem allerdings die Weltwirtskrise vorausgegangen war.

Und es ist auch aus einem anderen Grund sinnvoll, die historischen Schauen an sich zum roten Faden der aktuellen Ausstellung zu machen, da eine rein inhaltliche Positionierung oder Einordnung der Novembergruppe schwer fällt. Das einzig verbindende, in den Statuten festgeschriebene Element war der Freiheitsbegriff für die Kunst. Ansonsten konnte man sich ideologisch recht frei von revolutionär bis bürgerlich und stilistisch von Expressionismus bis Neue Sachlichkeit bewegen – was aber auch zu den genannten inneren Zerrkräften und einigen Abspaltungen führte, wie die Ausstellung auch thematisiert und einordnet.

Otto Möller, Straßenlärm, 1920, © Christoph Möller, Diessen/Ammersee, Repro: Kai-Annett Becker

Neben den Architekten, die sich 1927 abspalteten und ihrerseits den „Ring“ gründeten, waren es vor allem die Dadaisten, die bereits 1921 eine erste Verbürgerlichung der Gruppe witterten, da eine Bordellszene von Otto Dix mehr oder weniger freiwillig wieder aus der Abteilung der Novembergruppe innerhalb der jährlich stattfindende Großen Berliner Kunstausstellung entfernt wurde. Diese Schau wurde vom Reichspräsidenten eröffnet. Maximale Aufmerksamkeit war damit garantiert, und die Gruppe, nun ohne die meisten Dada-Künstler und mehr der Neuen Sachlichkeit zugetan, sollte diese Ausstellung in den kommenden Jahren als Bühne zu nutzen wissen.

Und die Novembergruppe kam im Laufe der Jahre tatsächlich ganz in der Weimarer Republik an, wie Ralf Burmeister erklärt: „Es ist schon erstaunlich, wie schnell die Menschen sich damals an diese tabubrechende Art der Kunst gewöhnten und die Rezensenten sogar schon ungeduldig nach Neuem fragten.“ Dieser Peak der Gruppe ließ sich allerdings nicht lange halten. Trotz einer Neukonsolidierung 1928 ging es künstlerisch, aber auch finanziell, langsam abwärts.

Es fehlten Impulse, es fehlte an Geld, aber es fehlte eben auch der revolutionäre Schwung, der die Gruppe lange getragen und zusammengehalten hatte. Dieser Schwung kam jetzt von der rechten Seite der Gesellschaft, und er traf die verbliebenden Mitglieder mit voller Wucht. Ihre Kunstwerke galten seit der Machtübernahme durch Hitler als entartet und sie selber als Kulturbolschewiken. Mit der Streichung aus dem Vereinsregister 1935 endet die Geschichte der Novembergruppe. Sie dürfte sich aber mit der umfassenden Ausstellung in der Berlinischen Galerie, für die der Architekt David Saik die damaligen achteckigen Ausstellungsräume am Lehrter Bahnhof überzeugend modern interpretiert hat, nochmal ganz neu entdecken lassen.

FREIHEIT. Die Kunst der ­Novembergruppe 1918 bis 1935 Berlinische Galerie, Alte Jakobstr. 124 –128, Kreuzberg, Mi–Mo 10–18 Uhr, 9.11.– 11.3.2019

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