Ausstellungen

Die Potsdamer Straße wird zum Kunst-Mekka

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Die Installation „Space Grey“ des Wiener Künstlers Erwin Kneihsl in der Galerie Guido W. Baudach

„Es wird ja immer voller hier. Das ist erstaunlich, aber für uns alle nur gut“, findet Katharina Brünner. Sie leitet die Berliner Dependance der Kölner Galerie Figge von Rosen, die vor zwei Jahren an die Potsdamer Straße gezogen ist. Draußen hat man noch nicht den Eindruck drangvoller Hochkultur. Eher den einer kuriosen Mixtur aus Niemandsland und Urbanität. Es gibt Leerstand, daneben Galerien. Zwischen Carglass, Import-Export, Dalmacija Grill und Strip Club tut sich kein reines Kunstbiotop auf. Das ist das Angenehme: Lebensnähe.

Das gefällt auch Johann Haehling von Lanzenauer. „Ich wollte gern auf die Potsdamer Straße. Sie ist noch so authentisch. In Mitte ist im Prinzip alles durchkommerzialisiert.“ Dort betreibt der Chef der Galerie Circle Culture seit 2001 den gleichnamigen Projektraum. Künftig sollen in der Gipsstraße Editionen gezeigt werden, während in den neuen Räumen auf 560 Quadratmetern Newcomer und internationale Künstler zu entdecken sind. 800 Gäste strömten jüngst hierher, um die schmissige Eröffnungsschau zu sehen.

Abwechslungsreich und qualitätsvoll wirkt die Gruppenausstellung „Potse 68“. Da staunt nicht nur der Gorilla, gemalt von Kevin Earl Taylor aus San Francisco. Virtuos Abstraktes wie von der Isländerin Katrin Fridriks trifft auf Gegenständliches. Dazu plätschert ein Brunnen aus Mülltonnen von Clemens Behr. Bunt und lebendig geht es zu. Die Biografie des Galeristen, der in den 90er-Jahren zur Punk-Rock- und Skateboard-Szene zählte, Politologie studierte und sich um Street Art ebenso kümmerte wie um konzeptionelle Wandmalerei, trägt ihren Teil bei.

Figge_von_Rosen_Jose_Davila_2013_FlavinAusdruck_300Rund drei Dutzend Galerien und Projekträume finden sich in der näheren Umgebung. Über mangelnden Besuch kann man sich bei Jarmuschek + Partner nicht beklagen. „Auch die Sammler finden her“, bemerkt Mitarbeiterin Nora Malles. Im September ging man hier vor Anker nach dem Auszug aus der Halle am Wasser. Derzeit stellt Sabine Banovic, geboren 1973 in Jena, aus. Ihre dynamischen Bildräume mischen Zeichnung und Malerei. Teile ihrer Arbeit scannte sie und druckte sie aus, die Begrenzung der Leinwand aufhebend.

uch Friedrich Loock musste die Ecke hinter dem Hamburger Bahnhof verlassen, wo Investoren am neuen, gesichtslosen Berlin bauen. Er präsentiert Fotos der Japanerin Noguchi Rika, die in Berlin mit der Lochkamera unterwegs war. Es geht um Atmosphäre und beiläufige Alltagsbeobachtungen wie die eines winzigen Gipfelsteigers an den Zinnen des Tempodrom. Nebenan muss man einfach eintreten, denn bei Michael Janssen locken die Eyecatcher aus Wolle, Garn und Stoff, die Aiko Tezuka zur Ausstellung „Rewoven“ verwoben hat. Beide Japanerinnen leben in Berlin. Die Herrin der Fäden zeigt im neuen Domizil von Janssen ihre erste Soloschau nach einem Auftritt im Künstlerhaus Bethanien.

Weiterlesen: Für den Animationsfilm wurde Victor Orozco Ramirez mit dem Preis der Nationalgalerie für junge Filmkunst ausgezeichnet – im Hamburger Bahnhof kann man die Arbeit sehen.

Das Schöne an der Galerienmeile Potsdamer Straße ist: Hier trifft man eher noch das Unbekannte, kann Entdeckerlaune entwickeln und sich auf das Abenteuer einer disparaten Wirklichkeit einlassen. Die Galerien reihen sich wie Mosaiksteine in Richtung Schöneberger Ufer aneinander. Sie bringen Farbe in den Alltag. Arratia Beer zum Beispiel. Die Damen aus Venezuela und New York haben ihr Quartier in einem ruhigen Hinterhof gefunden und präsentieren ein internationales Programm ebenso wie Anna Jill Lüpertz und Circle Culture.
Die meisten Neuzugänge sind Umzügler innerhalb der Stadt. Guido W. Baudach etwa hat die Osram-Höfe im Wedding hinter sich gelassen zugunsten einer Ausstellungsfläche im ehemaligen Tagesspiegel-Turm. Erwin Kneihsl bespielt sie mit einer luftigen Installation aus Silbergelatine-Handabzügen von Flugzeugen, Sonne und Windrädern sowie Kantholzskulpturen, die an Raumkörper von Alexander Rodtschenko erinnern.

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Marco Grassi in der Galerie Circle Culture

„Das Umfeld ist toll und die Räume – beste Nachbarschaft“, lobt Anna Jill Lüpertz. Die Galeristin bezog neben dem Wintergarten Varietй im Kunst-Haus der Camaro-Stiftung Stellung. Subtile Malerei von Pia Dehne, die sich mit außerirdischen Erscheinungen beschäftigt, hängt bei ihr an den Wänden. Natürlich ist das noch lange nicht alles. Den neuen Projektraum „insitu“ etwa heben wir uns für den nächsten Besuch auf. Ein Grund mehr, bald wiederzukommen.

Text: Andrea Hilgenstock

Fotos: Roman März / Courtesy Galerie Guido W. Baudach, Berlin (oben), Simon Vogel / Koeln (Mitte), Marco Grassi / Courtesy Circle Culture Gallery (unten)

AKTUELLE AUSSTELLUNGEN

AJL Art Pia Dehne – Project Blue Book, bis 21.12 Potsdamer Straße 98A, 2. Hinterhof, ­Di–Sa­ 14–18 Uhr

Arratia Beer Because the World is round, it turns me on, bis 11.1.14 Potsdamer Straße 87, Di–Sa 12–18 Uhr

Circle Culture Potse 68, bis. 8.1.14 Potsdamer Straße 68, Di–Sa 12–18 Uhr

Figge von Rosen Infra-Mince, ab 7.12 bis 1.2.14  Potsdamer Straße 98, Mi–Fr 13–18 Uhr, Sa 12–18 Uhr. 

Galerie Guido W. Baudach Erwin Kneihsl – Space Grey, bis 21.12. Potsdamer Straße 85, Di–Sa 11–18 Uhr

Galerie Michael Janssen Aiko Tezuka – Rewoven, bis 21.12 Potsdamer Straße 63, Di–Sa 11–18 Uhr

Jarmuschek + Partner Sabine Banovic – Treibsand, bis 21.12 Potsdamer Straße 81B, Di–Sa 12–18 Uhr,

Loock Galerie Noguchi Rika, A Man and Some Birds, bis 18.1.14 Potsdamer Straße 63, Di–Sa 11–18 Uhr

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