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Die Präsenz des Abwesenden: Micha Ullman

Ullman_c_andrea_rostSieben Stufen führen in die Tiefe. Micha Ullman (Foto) hat sie mit 1,5 Kubikmeter rotem Sand aus der israelischen Wüste bedeckt, fast die Hälfte des Innenraums der Skulptur nimmt damit das Geriesel ein. Die Sandstufen orchestrieren eine Farbskala von Dunkel-Rostbraun unten bis zu hellem Rotbraun oben. Faszinierend ist, wie die Bodenplastik die Außenwelt spiegelt, ist sie doch mit einer Glasplatte abgeschlossen: So sieht der Betrachter in der Tiefe der Grube die Wolken wandern, die Wände, sich selbst – und manchmal sogar den Mond. Aufgrund dieser Reflexion kann man die Installation auch als Treppe sehen, die hinaufführt in den leeren, umgekehrten Raum der Kirche.

„Die Skulptur bietet einen Treffpunkt zwischen Himmel und Erde, zwischen Unten und Oben“, sagt der Künstler. 2007 wollte die Stiftung St. Matthäus, die sich als produktives Scharnier zwischen Gegenwartskunst und Religion begreift, vom israelischen Künstler wissen, ob er bereit sei, ein Zeichen zu setzen, das die Versöhnung zwischen Juden und Christen ausdrückt. Zum Glück der Berliner stellte sich Ullman umgehend dieser Herausforderung. Rund 200?000 Euro, die aus privaten Spenden und Konzerteinnahmen zusammenflossen, ermöglichten die Realisierung.

Seine Arbeit, die Ende November eingeweiht wird, ist hochsymbolisch und sinnlich zugleich. Der Bibel zufolge hat Gott an sieben Tagen die Welt erschaffen. In sieben fetten und sieben mageren Jahren geschehen Elementarereignisse. So wie die Thora aus denselben fünf Büchern Moses besteht, mit denen die Bibel beginnt, so fußt die christliche Kirche auf dem jüdischen Fundament. „Wer gräbt, stößt auf Hinterlassenschaften, auf Vergessenes, Verschüttetes“, bemerkt der evangelische Berliner Bischof Markus Dröge.

Mit dem Öffnen des Bodens der Matthäikirche hält der Künstler eine Wunde offen, schafft mit „Stufen“ einen Raum für das Schmerzliche und Abgründige. Indem sich die Skulptur dem Narrativen entzieht, spekuliert sie auf die geistige Wahrnehmung des Betrachters: „Die Skulptur ist da und nicht da“, sagt der Künstler. „Man sieht, was man will. Alle Arbeiten sind Fragestellungen, eine Einladung teilzunehmen.“ Solch ein starkes physisches Statement auf Berliner Boden beeindruckt umso mehr, als die Eltern des heute 73-jährigen Ullman 1933 vor den Nazis aus Thüringen nach Palästina flüchteten und eine Großmutter im KZ umgebracht wurde.

Micha_Ulmann_foto_Andreas_RostMit „Stufen“ setzt der Künstler einen „weiteren Akupunkturpunkt in Berlin“, wie Christhard-Georg Neubert treffend festhält, Direktor der Stiftung Matthäus. Auf große Aufmerksamkeit stößt Tag für Tag Ullmans Mahnmal zur Bücherverbrennung auf dem Bebelplatz (1995) – und erst recht nachts, wenn die gähnend leeren Buchregale für imaginäre 20?000 Bände aus der Tiefe angestrahlt werden: In Erinnerung an den 10. Mai 1933, als Mitglieder des Nationalsozialistischen Studentenbundes und Professoren der benachbarten Universität ein beispielloses Autodafй für die Literatur von jüdischen, kommunistischen und sozialkritischen Autoren veranstalteten.

Mit der Präsenz des Abwesenden lassen sich Ullmans denkwürdige Arbeiten im Berliner Stadtbild beschreiben. So suggerieren die Öffnungen seines massigen Stahlkubus „Nobody“ (1990) vis-а-vis des Jüdischen Museums Zugänglichkeit, die verwehrt bleibt. Vielschichtig wie bewegend auch das Werk „Blatt“ (1997), gemeinsam ersonnen mit Zvi Hecker und Eyal Weizman, das still im Innenhof der Barmer Ersatzkasse nahe dem Springer-Hochhaus mahnt. Schlichte Betonbänke messen jenen Grundriss aus, auf dem einst eine Synagoge mit 18?000 Plätzen stand. Und noch ein Ullman-Werk soll bald in Berlin entstehen. An der Stelle des Wohnhauses Spandauer Straße 68 von Moses Mendelssohn will der Künstler mit dem „Haus der Aufklärung“ an jenen Punkt erinnern, wo sich die Ursprünge des deutschen Pressewesens, der Berliner Aufklärung und die deutsch-jüdischen Geschichte berühren.

Text: Martina Jammers

Fotos: Andreas Rost

St. Matthäus-Kirche Kulturforum, Matthäikirchplatz 1, Tiergarten, ab 30.11., Di–So 12–18 Uhr

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