Malerei

Die Raupenkönigin: Maria Sibylla Merian

Vor 300 Jahren starb Maria Sibylla Merian. Sie war Malerin und Forscherin. Das Kupferstichkabinett stellt ihre Werke nun in die Tradition des Blumenbildes

Maria Sibylla Merian: Raupen und Insekten, im Queroval, mit einer goldenen Linie eingefaßt, miniaturartig fein ausgeführt, Zeichnung / Aquarell und Deckfarben auf Pergament, Einfassung mit Goldfarbe, Kupferstichkabinett – Staatliche Museen zu Berlin, © bpk / Kupferstichkabinett, SMB / Volker-H. Schneider

Die frühen Naturforscher waren Pioniere, und die weiblichen noch mehr. Frauen durften damals ja nur sticken, beten und Kinder kriegen, aber nicht studieren. Nicht einmal malen ließ man sie, allenfalls kleine Formate auf Papier. So blieben meist nur die Heirat, das Kloster oder der Kraftakt, die eigene Begabung in Einklang mit den restriktiven Bedingungen der Zeit zu bringen.
Maria Sibylla Merian ist das gelungen. Die Forscherin und Künstlerin war zunächst verheiratet – mit einem Nürnberger Maler. Durch den Handel mit Farben und Firnis besserte die 1647 geborene Hessin die Haushaltskasse auf, stickte Deckchen und bemalte Tafeltücher. Sehr tüchtig muss die Tochter des Verlegers und Kupferstechers Matthäus Merian gewesen sein. Der verstarb, als sie drei Jahre alt war. Zum Glück förderte sie ihr Stiefvater, ein Blumenmaler.

„Ich habe mich von Jugend an mit der Erforschung von Insekten beschäftigt. Zunächst begann ich mit Seidenraupen in meiner Geburtsstadt Frankfurt am Main. Danach stellte ich fest, dass sich aus anderen Raupenarten viel schönere Tag- und Eulenfalter entwickelten. Das veranlasste mich, alle Raupenarten zu sammeln, die ich finden konnte, um ihre Verwandlung zu beobachten. Ich entzog mich deshalb aller menschlichen Gesellschaft und beschäftigte mich mit diesen Untersuchungen.“ So berichtet es Maria Sibylla Merian im Vorwort zu ihrem 1705 erschienenen Hauptwerk über Surinams Insektenwelt. Was für Alexander von Humboldt – ebenfalls ein Südamerika-Reisender, aber 100 Jahre später – das Sammeln von Pflanzen war, bedeutete der Raupenkönigin die Schmetterlinge. Ihre Einteilung in Tag- und Nachtfalter ist bis heute gültig und ihre Funde dienen Wissenschaftlern im Naturhistorischen Museum Wiesbaden immer noch als Referenzstücke.

1699 hatte die Wegbereiterin der Insektenkunde einen Teil ihrer Habe verkauft, um ihre Reise nach Surinam – nördlich von Brasilien gelegen – zu finanzieren. Die Stadt Amsterdam, wo die geschiedene Frau mit ihren beiden Töchtern ansässig geworden war, unterstützte sie dabei. Die Reise sorgte für Aufsehen.  Man stelle sich das Ungeheuerliche vor: Im Alter von 54 Jahren besteigt die fromme Naturforscherin mit ihrer jüngsten Tochter – ohne männlichen Schutz – ein Handelsschiff, um im feuchtheißen, kaum zugänglichen Urwald Jagd auf Falter und Insekten zu machen. Mit „Der Raupen wunderbare Verwandlung und sonderbare Blumennahrung“, so der Titel eines ihrer frühen Bücher, war sie bereits aus der Heimat vertraut. Nun setzte sie ihre Studien in den Tropen fort. Bis dato (um 1700) waren solche Forschungsreisen quasi unbekannt.

Die Malaria beendete ihre zweijährige Exkursion. Geschwächt kehrte sie nach Holland zurück und veröffentlichte Bücher, von denen sie nicht leben konnte, deren Ausführung sie im Gegenteil viel Geld kosteten, erteilte Malunterricht und handelte – wie einst zu Beginn ihrer Ehe – mit Malutensilien. Mittellos starb sie 69-jährig in Amsterdam und wurde in einem (heute nicht mehr auffindbaren) Armengrab beerdigt.

Einen Eindruck ihrer hohen Kunst, die Raupen, Kartoffelkäfer und Blüten auf dem Papier lebendig werden lässt, vermittelt die Ausstellung „Maria Sybilla Merian und die Tradition des Blumenbildes“ anlässlich ihres 300. Todestages im Kupferstichkabinett. „Merian ist in der Grafikgeschichte eine wirklich wichtige Künstlerin, Forscherin und Editorin“, sagt Oberkustos Michael Roth. „Sie ist für uns besonders, weil sie ausgefuchste und innovative Techniken verwendete.“ Kombiniert werden ihre bestechend genauen Darstellungen mit denen anderer Künstler, etwa 150, oft prächtig kolorierte Werke, ja ganze Blumenwände.

Kupferstichkabinett Kulturforum, Matthäikirchplatz, Tiergarten, Di–Fr 10-18 Uhr, Do 10–20 Uhr, Sa+So 11–18 Uhr, 7.4.–2.7.

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