Ausstellungen

Die Sammlung Bayer im Martin-Gropius-Bau

karlschmittrottluff_c_VGBildkunstBonn2012Ob Kunst die Leistung steigert? Arbeiten Menschen, die im Büro auf eine friesische Landschaft Emil Noldes blicken oder auf eine Farborgie Ernst Wilhelm Nays effizienter? Zumindest dürften sie sich wohler fühlen als beim Blick auf kahle Wände. Der Gang in die firmeneigene Artothek, wo die Mitarbeiter des Pharma- und Chemie-Konzerns Bayer Kunstwerke ausleihen können, macht es ihnen möglich, ihr Büro mit Kunst zu gestalten. Etwa mit dem Werk eines Newcomers. Eine schöne Idee und ein Stückchen Selbstbestimmung. Die Sammlung Bayer ist eine der ältesten Firmensammlungen in Deutschland, sie existiert bereits seit mehr als 100 Jahren. Anlässlich ihres 150-jährigen Jubiläums präsentiert die Bayer-AG nun erstmals ihren Wandschmuck außerhalb der Konferenzsäle und Büros. Im Martin-Gropius-Bau geben rund 240 Werke Einblick in die ebenso kunterbunte wie riesige Sammlung. „Von Beckmann bis Warhol“ umfasst vor allem Kunst des 20. Jahrhunderts, aber auch jüngere Arbeiten. Eine einsame Renaissance-Plastik Giambolognas bildet die Ausnahme von der Regel.

Daheim in der Konzernzentrale hängen die bedeutendsten Werke „aus konservatorischen, repräsentativen und versicherungstechnischen Gründen“, wie es heißt, in den Vorstandsetagen. So ein „Stillleben mit Glockenblume vor Maske“ von Karl Schmidt-Rottluff ist eben für Auserwählte. Aber grundsätzlich sind alle Angestellten dazu eingeladen, ihre Büros mit Werken aus der Artothek auszustatten. Sie ist Sammelbecken auch für frisch erworbenen Nachschub von Kunsthochschulabsolventen aus Kassel, Münster oder Halle. Den Grundstein zu der breit ausgerichteten Sammlung legte Carl Duisberg, der erste Generaldirektor des Unternehmens. Er ließ bereits anno 1912 für die Arbeits- und Auf­enthaltsräume im Werk Leverkusen farbige Steinzeichnungen anfertigen und sich selbst von Max Liebermann porträtieren. Heute besitzt der 1863 gegründete Konzern, der aus über 350 Gesellschaften mit mehr als 100?000 Mitarbeitern besteht, rund 5?000 Werke – 2?000 davon firmieren inzwischen als Sammlung Bayer.

dibbets_c_VGBild-KunstBonn2013Sie spannt den Bogen vom Expressionismus über das Informel eines Hann Trier oder Gerhard Hoehme bis zum abstrakten Seestück Beate Slanskys. Geprägt wurde die Kollektion nicht durch Kunstsachverstand, sondern durch die Vorlieben einzelner Personen aus Vorstand und Direktorium sowie aus den Abteilungen Kultur, Innenarchitektur, Pharma und Sport. So erklärt sich die Heterogenität des Bestandes, aus dem Kuratorin Andrea Peters eine Auswahl in chronologischer Anordnung für die jetzige Ausstellung traf. Gesammelt wurde auch nicht zu allen Zeiten. Während des Dritten Reiches gab es keine Kunstankäufe. Umso mehr schlug man nach dem Ende des Krieges zu, erwarb attraktive Farbmodulationen von Nay oder Papierarbeiten des Kölner Malers Joseph Fassbender. Nicht alle Namen sind berühmt, aber doch viele. Gekauft wurde in Galerien oder bei den Künstlern direkt – wenig international. Erst 1986, als die Bayer USA Inc. gegründet wurde, sammelten auch die Manager in Pittsburgh, was ihnen gefiel.

Sie bevorzugten dabei nicht nur amerikanische Künstler, sondern die deutschen „Bad Boys“: Werner Büttner, Albert Oehlen und Martin Kippenberger. 2005 ging die Collection of Contemporary Art USA im Leverkusener Hausbestand auf. Der wuchs in den 80er-Jahren auch durch die Arbeitsstipendien, die die Firma vergab, und ein Artist-in-Residence-Programm. Vor Ort experimentierten die Künstler mit Bayer-Werkstoffen. Einzelne Ergebnisse lassen sich in der Ausstellung betrachten. So entwickelte der aus Ligurien stammende Kölner Roberto Cordone Skulpturen, die in ihrer Struktur dem dreidimensionalen Modell des Kohlenstoffatoms entsprechen. In Gesprächen mit Firmen-Technikern und Handwerkern lernte er die Welt der Chemie kennen. Seine Kollegin Hildegard Tolkmitt erhielt in ähnlichem Rahmen Arbeitsmöglichkeit bei Bayer. In der Kunststoff-Werkstatt verschrieb sie sich dem Experiment mit Polyurethan, Acryl und Epoxidharz und schuf Figuren von eigenartigem Reiz. Beim Rundgang durch die Räume im ersten Obergeschoss sind aber vor allem alte Bekannte und „Big Names“ versammelt, darunter auch Auftragsarbeiten wie die von Andreas Feininger, der vor 50 Jahren zum 100-jährigen Firmenjubiläum seine Kamera im Werk in Leverkusen zückte. Für einen Bildband entstanden so Feininger-Fotos der Produktion im Chemiebetrieb. Inzwischen sind wieder 50 Jahre vergangen und diesmal feiert der Aspirin- und Antibiotika-Hersteller mit einer großen Schau an repräsentativer Stelle in der deutschen Hauptstadt.

Was so lange im Verborgenen hing, was ohne stilistische Kriterien oder solche des Marktes zusammengetragen wurde, zeigt sich nun erstmals der breiten Öffentlichkeit. Ein Ausschnitt, der die Kunst- und Unternehmensgeschichte spiegelt und deutlich macht, was Chefs in ihren Büros gerne sehen, beispielsweise das „Orchideenstillleben mit grüner Schale“ von Max Beckmann oder Gerhard Richters „Abstract Painting (555)“ in frischen Frühlingsfarben. Unter dem Hammer würden diese Preziosen sicher eine hübsche Summe erzielen.

Text: Andrea Hilgenstock

Fotos: Karl Schmitt Rottluff, VG Bild-Kunst Bonn 2012 / dibbets, VG Bild-Kunst Bonn 2013

Von Beckmann bis Warhol – Kunst des 20. und 21. Jahrhunderts Die Sammlung Bayer im Martin-Gropius-Bau, Niederkirchnerstraße 7, Kreuzberg, Mi–Mo 10–19 Uhr. Eröffnung 22. März, Dauer bis 9.6.

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