Ausstellungen

„Die Schwarzen Jahre von 1933 bis 1945“ im Hamburger Bahnhof

Die Sammlung der Neuen Nationalgalerie hat nicht erst seit der Schließung des Mies-van-der-Rohe-Baus am Kulturforum ordentlich Platzprobleme. Wegen der Sanierung genießen viele Werke jetzt einen Tapetenwechsel – prominente Meisterwerke, aber auch jene, die bisher selten das Depot verließen. Für sie gibt es nun die „Neue Galerie“ innerhalb des Hamburger Bahnhofs.
Die erste Ausstellung dort ist Schicksalswerken aus der dunkelsten Zeit der deutschen Geschichte gewidmet. Das sind nicht nur Bilder als „entartet“ diffamierter Künstler, die zwischen 1933 und 1945 zur Emigration gezwungen waren, sondern auch solcher, die im Lande blieben. Karl Hofer etwa. Er verlor seine Professur an den Vereinigten Staatsschulen für freie und angewandte Kunst, trotz Anpassungsversuchen.So nutzte es nichts, dass er seine jüdische Ehefrau 1934 gebeten hatte, die Scheidung einzureichen, damit seine Karriere nicht leiden möge. Mathilde wurde in Auschwitz ermordet. Er malte weiter in Babelsberg; all seine Bilder, die im Bombenhagel zerstört wurden, malte er noch einmal, darunter auch den „Trommler“ (1928). Der aktuelle Ausstellungstitel „Die schwarzen Jahre“ ist abgeleitet von dieser 1943 entstandenen Zweitfassung.
Über die Gestalt des Trommlers im Zentrum des Gemäldes „Die schwarzen Zimmer“ gehen die Interpretationen auseinander. „Hier zeigt sich die ganze Ambivalenz und Schwierigkeit der Bildinterpretation“, sagt Dieter Scholz, Kurator der Auftaktschau. „Ist mit dem im Bild dargestellten Trommler Adolf Hitler gemeint“, fragt Scholz,  „oder ist er wie im Roman ‚Die Blechtrommel? von Günter Grass vielmehr ein Mahner angesichts düsterer Ereignisse?“
Die Zeit des Nationalsozialismus hat in der Sammlung der Nationalgalerie tiefe Spuren hinterlassen und wirft bis heute Fragen auf – „jedoch nicht in Gestalt von Kunstwerken, die durch ihre Formsprache auf den ersten Blick mit dem Nationalsozialismus in Verbindung gebracht werden können“, so Scholz. Repräsentatives der offiziellen Marschrichtung wurde nämlich nicht angekauft. Beleuchtet werden jetzt aber Bilderschicksale, Künstlerwege und verzwickte Bezüge.
Im Prolog zur Ausstellung wird ein Bildertausch mit dem faschistischen Italien unter Mussolini dokumentiert. Durch ihn gelangten 1932/33 fünfzehn Gemälde italienischer Künstler wie Giorgio de Chirico in die Nationalgalerie nach Berlin. Andere Gemälde wurden hier wiederum beschlagnahmt. Die Spuren des Nationalsozialismus seien vor allem „durch Abwesenheit markiert“, sagt Scholz. Über 500 Werke moderner Künstler wurden aus der Sammlung entfernt. Doch nicht um diese Verluste geht es, sondern um das, was sich heute im Bestand findet.
Ausgewählt wurden 60 Arbeiten, darunter Hauptwerke von Otto Dix, der 1934 sein berühmtes „Flandern“-Schlachtfeld in Erinnerung an den Ersten Weltkrieg begann (Abb.), von Lyonel Feininger, Ernst-Ludwig Kirchner und von Pablo Picasso. Aber auch mit Max Lingners „Mademoiselle Yvonne“ lässt sich Bekanntschaft schließen oder Bernhard Kretzschmars „Emporkömmlingen“ (1939). Das zeigt Anstreicher auf der Leiter vor einem Buchladen, dessen Besitzer womöglich „abgeholt“ wurde.    
Bereits vor dem Zweiten Weltkrieg sammelten die Direktoren der Alten Nationalgalerie Zeitgenössisches. Diese Bestände fasste Ludwig Justi in der Neuen Abteilung zusammen, die im Kronprinzenpalais zu sehen war. Ihr wurde 1937 durch die Aktion „Entartete Kunst“ des Nazi-Regimes, bei der besagte 500 Werke beschlagnahmt wurden, der Todesstoß versetzt.
 Es folgten die kriegsbedingten Chaos-Zustände und Lücken im Bestand.Er war an verschiedenen Orten ausgelagert.
Noch vor der Rückkehr der versprengten Werke begründete der Magistrat Berlins 1945 in Erinnerung an das Kronprinzenpalais eine Galerie des 20. Jahrhunderts. Sie befand sich neben dem Bahnhof Zoo und ging in der Neuen Nationalgalerie auf. Der Bau der Mauer zerriss die Sammlung bzw. den Zugang zu ihr dann noch einmal. Aber darum geht es in dieser ersten Ausstellung der Neuen Galerie nicht; zunächst steht die Zeit vor Ausbruch und während des Zweiten Weltkriegs im Mittelpunkt. „Die schwarzen Jahre. Geschichten einer Sammlung. 1933-1945“ behandelt dabei weniger die Entwicklung der Kunst, die sich in der gebeutelten Sammlung auch spiegelt, als vielmehr in Einzelwerken die Beziehungen zwischen Kunst und Staat, Kunst und Leben, Kunst und Gesellschaft.
„Jedes Kunstwerk hat eine eigene Geschichte und erst die Einzelgeschichten setzen sich zu einer größeren Geschichte zusammen“, sagt der Kurator. Er kombiniert die spannendsten Exponate, die im besagten Zeitraum gemalt, gekauft oder konfisziert wurden. Sie vermitteln „Geschichte durch Geschichten“, wie er sagt. So lässt sich in die Vergangenheit eintauchen und beispielsweise vor Hofers „Selbstbildnis“ reflektieren, wie man sich an dessen Stelle wohl verhalten hätte.
Zum Nachdenken bietet die Schau im westlichen Obergeschoss des Hamburger Bahnhofs reichlich Gelegenheit; sei es über Fragen, wie sie der Trommler aufwirft, sei es über die Leerstellen der Sammlung oder die Verheerungen des Krieges. „Wir sind auf den Tod verzweifelt angesichts der absoluten Hoffnungslosigkeit“, schrieb Hofer 1943. Er überlebte und wurde 1945 Direktor der neuen Hochschule für bildenden Künste. Sein Gemälde „Die schwarzen Zimmer“ wurde vielfach ausgestellt, unter anderem auf der ersten documenta in Kassel. Jetzt gibt es ein Wiedersehen mit dem rätselhaften Bild, das zwischen Prophetie und Anspielung so unterschiedliche Deutungen zulässt.    
Text: Andrea Hilgenstock

Foto:
Jörg P. Anders / VG Bild-Kunst, Bonn 2015  / Staatliche Museen zu Berlin, Nationalgalerie

Hamburger Bahnhof
Invalidenstr. 50/51, Tiergarten, Di–Fr 10–18 Uhr, ?Do 10–20 Uhr, Sa+So 11–18 Uhr, bis 31.7.2016

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