Ausstellungen

Die Stadt – Vom Werden und Vergehen im c/o Berlin

StadtDie brüchige Tapete schält sich von den Wänden. Die einst himmelblaue Farbe rostet an den Schulmöbeln. Die Langspielplatte hat ihre letzte Rille erreicht. Andrej Krementschouk hat 23 Jahre nach dem Reaktorunglück von Tschernobyl die Hinterlassenschaften der Bewohner festgehalten. „Es ist absurd“, sagt der im russischen Gorki aufgewachsene Fotograf, „aber ich habe mitten in der Sperrzone das Land wiedererkannt, in dem ich geboren bin.“ Wie eine Stadt in der Stadt mutet dagegen die JVA-Moabit an – omnipräsent sind die dicken Wände, die die Fotografin Jordis Antonia Schlösser „von Anfang an als Stadtmauer gesehen“ hat.
Seit 2008 leben laut UN-Bevölkerungsbericht mehr Menschen in der Stadt als auf dem Land. In der Stadt stößt aufeinander, was sich auf dem Land aus dem Weg gehen könnte oder nie begegnet wäre. Es sind die Orte allergrößter Armut, aber auch des zur Schau gestellten Luxus. Und so manch einstige Boomtown wie Detroit ist heute nur mehr ein matter Abglanz. Als „urban doughnut“ wird sie bezeichnet: in der Mitte entvölkert, die Ränder intakt. So verschieden die Metropolen, so differenziert die Blicke auf sie, welche die 17 Fotografen der Berliner „Agentur Ostkreuz“ festhielten. Unglaublich steril reckt sich die Skyline von Dubai in den Himmel. Im nigerianischen Lagos ist alles dem Überlebensprojekt geschuldet, auf der viel zu kleinen Fläche zehn Millionen Menschen Raum zu geben. Fünf Wochen nach der israelischen Militäroperation „Gegossenes Blei“ suchte Heinrich Völkel Gaza City auf. In einem Viertel fehlte jedem Minarett die Spitze: Israelische Soldaten hatten hier ihre Schießübungen absolviert. Zahlreiche Wohnhäuser stehen ohne Ecken oder gar ganzen Wänden dar. Berührend sind die „Monalisen der Vorstädte“ von Ute und Werner Mahler. In Florenz, Liverpool, Reykjavik, Minsk und Berlin postierten sie sich mit ihrer alten Plattenkamera an der Übergangszone zwischen Land und Stadt vor Bushaltestellen und Jugendclubs. Mit großer Ernsthaftigkeit sitzen die jungen Frauen auf einem Stuhl und konzentrieren sich auf ihr Schauen. Morgens verlassen sie die Vorstadt, abends kehrten sie zum Schlafen zurück. Die Ähnlichkeit zwischen Minsk und Marzahn verblüfft.

 

Text: Martina Jammers

Foto: Heinrich Völkel

tip- Bewertung: Sehenswert

 

Die Stadt – von der Agentur Ostkreuz c/o Berlin, tgl. 11-20 Uhr, bis 4.7.2010

 

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