Ausstellungen

10 Jahre c/o Berlin mit einer Magnum-Schau

Christopher_AndersonEin kleines Wunder ist das Jubiläum schon, wenn man bedenkt, dass die Kulturinstitution seit ihrer Gründung im Jahr 2000 ohne jede öffentliche Förderung auskommt. Der Bankkredit konnte lange nicht zurückgezahlt werden. Erst die Annie-Leibovitz-Schau im letzten Jahr machte dem Zittern ein Ende. Mit 120?000 zahlenden Besuchern bescherte die amerikanische Fotografin C/O Berlin den größten Ausstellungserfolg seiner Geschichte und die erste schwarze Null auf dem Konto. Für Stephan Erfurt, Direktor und Mitbegründer, war die Geburtsstunde von C/O „Glück im Unglück“. Nach langen Jahren als Reportagefotograf beim Magazin der „FAZ“ stand er plötzlich auf der Straße, als die Beilage 1999 eingestellt wurde. Mit dem Architekten Ingo Potts und dem Designer Marc Naroska wollte er zunächst eine Bürogemeinschaft gründen. Auf die Anfrage einer Agentur, ob sie im ehemaligen Postfuhramt an der Oranienstraße eine Retrospektive zur wohl berühmtesten Bildagentur der Welt, Magnum, ausrichten wollen, wagten die Neulinge den Sprung in den Kulturbetrieb. Vom großen Erfolg der ersten Ausstellung beflügelt, beschlossen sie weiterzumachen. Das postalische Kürzel „care of“ war eine bewusste Wahl, keiner wollte mit seinem Namen im Vordergrund stehen. 

„Wir sind das kleine, schnelle Beiboot zu den Berliner Museen“, sagt Erfurt. Tatsächlich hat C/O die großen Kreuzer abgehängt. Das Museum für Fotografie verströmt auch nach der Neueröffnung des Kaisersaals eher Friedhofsruhe. Die Helmut-Newton-Stiftung ist quirlig und zeigt wie kein anderes Haus die Glamourseite der Fotografie. Doch nur bei C/O kommen Fachwissen, Lebendigkeit und Nachdenken über das Medium zusammen, sodass es inzwischen für Institutionen wie das Fotomuseum Winterthur oder das Centre Pompidou bei Kooperationen erster Ansprechpartner in Berlin ist. Sein Profil schärfte C/O Berlin während der fünfjährigen Interimsphase in der Linienstraße vor allem mit Ausstellungen aus dem Bereich der Reportagefotografie. Neben großen Namen wie Renй Burri oder Elliot Erwitt fanden aber auch thematische Ausstellungen und künstlerische Positionen wie Nan Goldin ihren Platz. Mit den „C/O Talents“ bekamen junge Fotografen an der Schwelle zwischen Ausbildung und Beruf eine Plattform. Die Ausstellungseröffnungen, bei denen sich Hunderte, später im Postfuhramt gar Tausende, vor den Bildern drängeln, sind legendäre Treffen für Fotografen, Künstler und kunstinteressiertes Publikum. Eine Bierflasche und Hochkultur schließen sich bei C/O nicht aus, was Teil der Erfolgs ist. „Wir sind kein Haus für die Kulturelite, sondern wir wollen jeden mit der Fotografie berühren, weil die Fotografie tagtäglich jeden berührt“, sagt Erfurt.

Mit der Jubiläumsschau „Shifting Media“ erinnert C/O an die erste Ausstellung und befasst sich mit der Zukunft des Mediums. Am Beispiel von Magnum wird die Frage nach der Rolle des Bildjournalismus im Zeitalter der Digitalisierung gestellt. In der Gegenüberstellung von Bildserien der Agenturgründer Robert Capa, David Seymour („Chim“), George Rodger und Henri Cartier-Bresson und Arbeiten junger Magnum-Mitglieder wie Jonas Bendiksen, Paolo Pellegrin oder Donovan Wylie geraten auch Einsatz und Distribution des Mediums in den Blick. Keiner dieser jungen Fotografen arbeitet mehr für Print-Magazine. Vieles entsteht direkt für die Ausstellungswand, der Resonanzkörper der Fotografie weitet sich aus, schließt Filme, Installationen oder Dia-Shows ein. Die C/O Photography Days – ein Symposion mit Fotografen, Wissenschaftlern und Medienvertretern – nehmen den Faden aus der Ausstellung auf. „Was hat sich durch die Digitalisierung verändert? Schauen wir uns Fotobücher in Zukunft nur noch auf dem IPad an? Das sind Fragen, die wir anreißen wollen,“ so Ausstellungskurator Felix Hoffmann.

AgnesBUnter maximaler Selbstausbeutung hat C/O Berlin sehr viel erreicht. Das ist jetzt mit der Kündigung zum 31. März 2011 gefährdet. Adi Keizman hat das Postfuhramt verkauft; dass der nächste Besitzer C/O erneut mit Mieterleichterungen unterstützt, ist unwahrscheinlich. Und das in einer Situation, in der sich die Institution mit 40 Mitarbeitern endlich selbst trägt. Dazu braucht C/O rund 300 zahlende Besucher pro Tag. „Das schaffen wir nur in einem Haus in Mitte-Lage“, sagt Erfurt. Falls es nicht gefunden wird, und die Zeit ist knapp, fehlt Berlin bald mehr als die fürs nächste Jahr geplanten Schauen zu Robert Mapplethorpe und Arnold Newman, nämlich der beste und lebendig-ste Ort für Fotografie in der Stadt.

Text: Jutta von Zitzewitz, Stefanie Dörre

Foto: ChristopherAnderson / Magnum Photos (oben), C/O Berlin

Shiftung Media – New Role of Photography C/O Berlin, Oranienburger Straße 35/36, Mitte, tgl. 11-20 Uhr, 16.7.-19.9.2010. Die C/O Berlin Photography Days, finden vom 15.-18.7.2010 statt, Infos unter www.co-berlin.com

 

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