Ausstellungen

Die XVI. Rohkunstbau auf Schloss Marquardt bei Potsdam

In dem brandenburgischen Dorf, wo tagsüber höchstens mal eine Katze über das bucke­lige Kopfsteinpflaster huscht, hat Dr. Arvid Boellert einen idealen Ort für seine jährlich stattfindende Sommerausstellung gefunden. Der Gründer von Rohkunstbau feiert in diesem Jahr deren 15-jähriges Bestehen. Nur wenige freie Projekte halten so lange durch. Anfangs veranstaltete Boellert Wochenend-Happenings für Künstler auf Schloss Groß Leuthen im Spreewald und baute das Konzept im Laufe der Jahre zu einem bekannten Sommerkunstfestival aus, das heute Teil eines gesamteuropäischen Netzwerks für ortsbezogene Kunst ist. Seit 2007 finden die Ausstellungen an verschiedenen Orten mit ähnlich geschichtsträchtiger Ausstrahlung statt, etwa auf Schloss Sacrow und in der Villa Kellermann am Heiligen See in Potsdam. Auf Schloss Marquardt hofft Boellert nun dauerhaft bleiben zu können.

Abseits der üblichen Wege lädt Rohkunstbau zu einer Auseinan­dersetzung mit zeitgenössischer Kunst in ländlicher Idylle ein. Wer kennt ihn nicht, den Mythos der versunkenen Insel. Die Atlantis-Geschichte ist der Rahmen für die diesjährige Schau, einer Ausstellung, bei der die Künstler ihre Werke auch unter Einfluss des Ortes geschaffen haben. Anlass der Ausstellung sind der 20. Jahrestag des Mauerfalls und der 60. Geburtstag der Bundesrepublik Deutschland, die zum Nachdenken über europäische Identitäten anregen sollen.
Schloss Marquardt liegt am Ufer des Schlänitzsees wie in einem langen Dornröschenschlaf, umgeben von einem prächtigen Schloss­park mit großen grünen Rasenflächen sowie alten Akazien, Platanen und Linden. Die Fassade des Gebäudes aus dem 18. Jahrhundert trägt eine von Efeu umrankte Patina aus Kriegsnarben und Umbauten vergangener Tage. Der britische Kurator Mark Gisbourne, seit 2004 künstlerischer Leiter von Rohkunstbau, hat für den ersten Teil der zweiteiligen Ausstellung eine verdichtete Schau mit herausragenden Künstlern und Newcomern aus Deutschland und Osteuropa geschaffen.

20 Jahre nach dem Fall des Eisernen Vorhangs machte sich Gisbourne auf die Suche nach interessanten Geschichten und neu entstandenen europäischen Identitäten. Einzelschicksale und persönliche Sichtweisen der Künstler flossen in die vielseitigen Werke von Malerei, Skulptur, Film, Fotografie und Installation ein. Wie alle Gebäude, die Rohkunstbau auswählte, ist Schloss Marquardt ein vielschichtiges Palimpsest. In der geheimnisvollen Lokalität mit stuckgeschmückten hohen De­cken, eichengetäfelten Wänden und abblätterndem Putz, wählte jeder der zehn Künstler einen speziellen Raum für sich aus und ging in seinem Werk auf die Begebenheiten ein.

Den Auftakt zur Ausstellung bildet die Skulptur „Doppelsäule“ des Radeberger Künstlers Thomas Scheibitz. Sie tritt mit ihren groben Formen in Kontrast zum rus­tikalen Eingangsbereich, in dem sie steht. Scheibitz verdichtet in seinem Werk Kunst- und Archi­tek­turgeschichte zu einer eigenen Formensprache. Seine Säule ist eine ironische Anspielung auf die von Platon beschriebenen Säulen des Herakles, die das Ende der Welt ankündigen.


Als Allegorie des heutigen Europas versteht der in Braunschweig geborene Bildhauer Dennis Feddersen seine Skulptur „Gentle Civilizer“. In einem Seitengang des Schlosses wuchert die amorphe, Stühle verschlingende schwarze Masse wie ein bedrohliches Krebsgeschwür über Wände und Decken. Sie wirkt wie ein „Staatenhaufen“ aus durcheinandergebrachten und verwirrten Kulturen.
Einen besonderen Bezug zu Schloss Marquardt suchte die Künstlerin Lisa Junghanß in ihren Performancefilmen. Junghanß thematisiert die Selbstentfremdung, nach Rimbauds berühmter Formel: „Ich, ein Anderer“. Im Bademantel und mit Badeschlappen bekleidet, schleicht die Künstlerin in ihren Filmen im und um das Schloss herum. Steigt Treppen und läuft über Heizkörper und ist wie von dem Ort gefangen. Vielleicht hörte die Künstlerin von den Spukgeschichten auf Schloss Marquardt? Ein ehemaliger Schloss­bewohner war der General Hans Rudolf von Bischoffswerder (1740–1803), ein Minister Fried­rich Wilhelms II. In einer von Akazienbäumen geschützten Grotte im Schloss­park soll der Anhänger des Rosenkreuzer Geheimbundes in spirituellen Sйancen Geister beschworen haben. Eine zweite Legende besagt, dass seine Gemahlin im Schloss umgehe. So berichtet Theodor Fontane in seinen „Wanderungen durch die Mark Brandenburg“ von der Gräfin „in schwarzer Robe. Wie auf großen So­cken schlurrt es durch alle unteren Räume, man hört die Türen gehen; dann alles still“.

Auch der Bildhauer Robert Barta glaubt, dass Räume ein Eigenleben führen und Erinnerungen speichern, die als Echo zu uns in die Gegenwart dringen. Hinter einer dick gepolsterten Holztür klopft es; drängend und bettelnd. Der tschechische Künstler verweist mit seiner minimalistischen Klanginstallation im Obergeschoss auf gefühltes und reales Eingekerkertsein. Ganz aktuell bezieht sich der Künstler auf die menschenrechtsverletzenden Haftbedingun­gen im US-Gefangenenlager Guantбnamo auf Kuba. Um die Zerstörung gesellschaftlicher Utopien hingegen dreht sich die theatralische und barocke Märchenoper „Summertale“ der polnischen Künstlerin Katarzyna Kozyra. Fünf Zwerginnen, die Drag-Queen Gloria Viagra und Maestro, ein Opernsänger, verwandeln den Märchenstoff von Schneewittchen in einen Geschlechterkampf mit blutrünstigem Ende. Die reale Verwüstung ihrer Heimat erfuhr die Bosnierin Љejla Kameric. Die Künstlerin erlebte die Gräuel des bosnischen Krieges in Sarajevo am eigenen Leib. Kamerics Installation aus vier großformatigen Fotografien spiegelt in poetischen, inneren Bildern ein Gefühl von Kälte und Verletzlichkeit wider.
Die Künstlerin Sabine Hornig deutet auf kulturelle Selbstzerstörung und den Tod der Utopie, in ihren Fotografien von einer Hausmülldeponie und einem Compu­ter­friedhof auf Santorin. Die Insel ist immer wieder als Ort des ursprünglichen Atlantis bezeichnet worden. Europa als fragile Utopie zu beschreiben, hat eine gewisse Aktualität, denkt man nur an den befürchteten Untergang des Kontinents, wie Atlantis, durch eine Klimakatastrophe.
„Wir wollen gar nicht den Kosmos erobern, wir wollen nur die Erde bis an ihre Grenzen ausdehnen“, schrieb Stanislaw Lem in seinem Roman „Solaris“ (1961), den der litauische Filmemacher Deimantas Narkevicius in „Revisiting Solaris“ zitiert. Wie ein roter Faden zieht sich die Beschäftigung mit den kommunistischen Erfahrungen Litauens und den Utopien der untergegangenen Sowjetära durch die filmischen Arbeiten des Künstlers.
Einen Standpunkt der Trauer über den Untergang des fantastischen Inselreichs vertreten die Skulpturen, Gemälde und Zeichnungen von Martin Assig (großes Foto). Aus der Serie zerbrechlicher „Seelenhäuser“ stammt die Skulptur „Mausoleum“. Sie wirkt wie ein antiker Bienenstock. Die Metapher des wohlgeordneten Bienenvolks entspricht auch Platons Vorstellung von Atlantis.

Der erste Teil der Atlantis-Ausstellung spielt bewusst mit Assoziationen und wirft ebenso viele Fragen auf, wie er Ant­wor­ten gibt. Nach 20 Jahren Wiedervereinigung kommen weiter verborgene Geschichten ans Licht, und auch die neuen demokratischen Identitäten sind längst nicht vollständig ausgeprägt. Einen poetischen Schlussakkord lassen die Installationen und Wandarbeiten von Gregor Hildebrandt erklingen. Sein „Klangteppich“ aus Tonbändern von Musikkassetten und die in den Hohlraum einer Wendeltreppe eingefasste „Schallplattensäule“ bilden eine musikalische Fußnote zur monumentalen „Doppelsäule“ im Eingangsbereich.
Mit der Ausstellung der Rohkunstbau ist eine fantasievolle und sinnliche Zusammenarbeit von Künstlern entstanden, deren Werke untereinander faszinierende Bezüge herstellen, in der eindrucksvollen Kulisse des Schlosses, dessen wechselvolle Geschichte als Echo zu uns aus der Vergangenheit dringt, während die ausgestellten Kunstwerke die Zukunft Europas durchleuchten.

Text: Laila Niklaus

XVI. Rohkunstbau: Atlantis I – Hidden Histories – New Identities Schloss Marquardt, Hauptstraße 14, 14467 Potsdam, Eintritt: 7/5 Ђ, Do+Fr 14-19 Uhr, Sa+So 12-19 Uhr,
12.7.-13.9.2009

Tipp
Baden im See und Picknicken im Park sind erlaubt.

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